Frauen, und manchmal auch Männer, sind Freiwild. Diesen Eindruck kann man zumindest seit ein paar Wochen bekommen, wenn man – nicht nur – die Nachrichten aus Hollywood verfolgt. Kaum ein Tag vergeht derzeit, an dem nicht weitere Opfer sexueller Übergriffe ihr Schweigen brechen. Der Produzent Harvey Weinstein war nur der Anfang. Die Liste der Täter verlängerte sich seitdem um bekannte Namen wie Schauspieler Kevin Spacey, Komiker Louis C.K. und Regisseur Brett Ratner.

Jan Henrik Stahlbergs Satire „Fikkefuchs“ landet nun ziemlich punktgenau in diesem Strom aus immer neuen Enthüllungen. Nur: In der ganzen Debatte um Sexismus, Übergriffigkeit und Missbrauch sind seine beiden Hauptfiguren im anderen Extrem anzutreffen. Sie sind keine einflussreichen Menschen, haben keine Macht wie Harvey Weinstein und Co., die sie ausspielen könnten. Vielmehr sind sie auf sehr unterschiedliche Weise schlappe, überhebliche Verlierer, die die Welt veränderter Rollenbilder und bröckelnder Männlichkeit nicht kapieren, während sie sich krankhaft obsessiv zum anderen Geschlecht hingezogen fühlen.

Regisseur Stahlberg selbst verkörpert dabei Rocky. Einst galt er als der „Stecher von Wuppertal“. Damals sah er gut aus, war athletisch, hatte einen unwiderstehlichen Hundeblick und besäuselte die Frauen mit französischen Chansons. Jetzt lebt er in Berlin, ist um die 50, schreibt in einem Co-Working-Space an seinen Memoiren eines Frauenstehers und schleicht nur noch als verlebter Schatten seiner gloriosen Aufreißer-Tage durch die Straßen. Eines Tages dann steht Thorben (Franz Rogowski) vor der Tür, sein Sohn, der das Produkt einer Liaison mit Gudrun aus Wuppertal ist – das Ganze ist mehr als 20 Jahre her.

Aus der Psychiatrie, in der er wegen einer Vergewaltigung war, ist Thorben getürmt und will zu seinem Vater, den er nicht kennt, und nach Berlin, wo seiner Meinung nach „die größte Fickerei Europas“ stattfindet.

Bei der Begegnung von Vater und Sohn treffen zwei Menschen aufeinander, die mit einer ähnlich notgeilen Besessenheit dasselbe Ziel verfolgen: Frauen und Sex. Rocky hat dabei offensichtlich den Anschluss an die Wirklichkeit verloren und ein Selbstbild als selbsterklärter Frauenheld, das im grellen Kontrast zur Realität steht. Thorbens Verhalten hingegen ist durch ständigen Porno-Konsum verschoben – und wenn die Objekte seiner Begierde ihn ablehnen, reagiert er mit Aggressivität.

In erster Linie ist Stahlberg zwar Schauspieler, immer wieder – wie bei „Bye Bye Berlusconi“ – aber eben auch als Filmemacher im Einsatz. Zu „Muxmäuschenstill“ lieferte er einst das Drehbuch, und bei „Fikkefuchs“ ist er nicht nur Hauptdarsteller, sondern führt auch zum dritten Mal Regie. Wer mit seinem schmalen Werk vertraut ist, weiß, dass seine Filme provozieren. Und „Fikkefuchs“ ist keine Ausnahme als Kamikaze-Satire, mit der Stahlberg sein Publikum überfällt. Natürlich geht es dabei auch um das Zueinanderfinden dieses gleich-ungleichen Männer-Duos, das bisweilen in unwahrscheinlichen Momenten eine seltsame Nähe entwickelt. Stahlberg geht es aber im Kern um etwas anderes: Reichlich roh kreist der Film um Fragen männlicher Sexualität, Frauenbilder und übergriffig frauenverachtenden Alltags-Sexismus, thematisiert Porno-Sucht und schimpft nebenbei immer wieder über die Gentrifizierung Berlins.

Zu Gute kommt „Fikkefuchs“ dabei, dass es sich um einen völlig unabhängig produzierten Film handelt. Etwas Geld kam durch Crowdfunding in die Kasse, Förderung wollte Stahlberg nicht. Entsprechend musste er bei seiner Inszenierung keine Rücksicht nehmen, sondern konnte die brachiale Form konsequent durchziehen.

Die Bilder strahlen bisweilen eine dokumentarische Räudigkeit aus, immer wieder wird expliziteres Material dazwischen geschnitten und der Humor ätzt, auch wenn er vor allem zum Ende hin etwas von seiner Garstigkeit verliert. Dabei versenken sich Stahlberg und sein Film-Sohn, der deutsche Shooting-Star Franz Rogowski (unter anderem bekannt aus Michael Hanekes „Happy End“), in ihre Rollen: Mit schonungsloser Uneitelkeit porträtieren sie das Gespann zweier verzweifelter, armseliger Möchtegern-Aufreißer-Würstchen, das irgendwo zwischen ziemlich unterhaltsam, absolut gnadenlos und nur schwer erträglich die Schwäche des ohnehin nur vermeintlich starken Geschlechts offenbart.

 

ABSPANN

Land: Deutschland 2017

Regie: Jan Henrik Stahlberg

Darsteller: Jan Henrik Stahlberg, Franz Rogowski, Susanne Bredehöft u.a.

FSK: freigegeben ab 16 Jahren

Länge: 101 Minuten

Verleih: Alamode Film

Fazit: Eine brachiale Kamikaze-Satire über ein Möchtegern-Außreißerduo in einer Welt veränderter Rollenbilder.

 

Der Trailer zum Film: