Der Titel „Es gilt das gesprochene Wort“ klingt etwas ungelenk, nach sperrig-sprödem Beamtendeutsch. Doch das passt ganz gut zur neuen Arbeit des Berliner Regisseurs Ilker Çatak – zumal zur ersten Szene, einer schlichten und alles andere als feierlichen Trauung in einem trostlosen Standesamtszimmer.

Die beiden sich unübersehbar kaum vertrauten Ehepartner sind Marion (Anne Ratte-Polle) und Baran (Ogulcan Arman Uslu), von deren vor allem anfangs wenig romantischer Beziehung der Film handelt. Der junge Kurde hatte sich bis kurz vorher an der türkischen Riviera als Tellerwäscher, Kellner und Loverboy für westeuropäische Touristinnen verdingt, immer in der Hoffnung auf ein besseres Leben fern der Heimat.

Hochzeit, Wohnung, Job

Die pragmatische Pilotin Marion hatte seinen Weg in Marmaris gekreuzt, nach einer Brustkrebsdiagnose für eine Weile ihrer Cockpit-Pflichten entbunden und genervt von den Versuchen ihres Liebhabers (Godehard Giese), die Beziehung enger zu gestalten. Eher kurz entschlossen nimmt sie Baran mit nach Deutschland, verhilft ihm mit der Heirat zur Aufenthaltsgenehmigung, besorgt ihm eine Wohnung und einen Job.

Romantisches oder sexuelles Interesse treibt diese Frau – auch zur Verwunderung ihres neuen Ehemanns – nicht an. Eher scheint es, als suche sie ein Projekt, mit dem sie die durch den Jobverlust entstandene Lücke füllen kann.

Marion (Anne Ratte-Polle) und Mark (Jörg Schüttauf) in einer Szene des Films „Es gilt das gesprochene Wort“.
Marion (Anne Ratte-Polle) und Mark (Jörg Schüttauf) in einer Szene des Films „Es gilt das gesprochene Wort“. | Bild: X-Verleih / dpa

Entsprechend weit hält sich „Es gilt das gesprochene Wort“ von den ausgetretenen Pfaden vergleichbarer Geschichten fern, die vor allem vom Gegensatz des heißblütigen, armen Südländers und der kühlen, gut situierten Mitteleuropäerin leben. Was nicht heißen soll, dass nicht auch in diesem klugen Film irgendwann noch die Gefühle – und zwar sehr komplexe – Einzug halten.

Natürlich spielen auch größere Themen in die Geschichte hinein: Einwanderung, Wirtschaftsmigration und Integration. Doch der Film konzentriert sich auf die komplizierte, sich ständig verändernde Beziehung seiner Hauptfiguren – und entwickelt seine Faszination vor allem daraus, dass er nicht alles erklärt.

Fragen bleiben offen

Von Barans Vorgeschichte über Marions Motivation bleibt vieles im Ungewissen, nichts wird auserzählt und simplifiziert. Was zeigt, dass mindestens so wichtig wie das gesprochene Wort auch das unausgesprochene ist.