Ein Polizeirevier, ein Kommissar, ein Mordverdächtiger: Mehr brauchte es dank der beiden Hauptdarsteller Lino Ventura und Michel Serrault nicht, um „Das Verhör“ (1981) von Claude Miller zu einem Klassiker des französischen Kinos zu machen.

Quentin Dupieux‘ Film „Die Wache“ ist gewissermaßen die surreale Variation des gleichen Themas. Auch dieses Mal trägt sich die Handlung überwiegend in einem Polizeibüro zu. Schon der Prolog deutet jedoch an, dass Dupieux keinen Thriller im Sinn hatte: Die ersten Bilder zeigen einen nur mit knallroter Badehose bekleideten Mann, der ein Orchester dirigiert.

Vom Leichenfinder zum Mordverdächtigen

Was dieser Einstieg mit der eigentlichen Geschichte zu tun, lässt der Film offen, doch der Tonfall ist gesetzt, denn auch Louis Fugain (Grégoire Ludig) weiß nicht, wie ihm geschieht: Der Mann hat eine Leiche gefunden und die Polizei verständigt, aber Kommissar Buron (Benoît Poelvoorde) behandelt ihn wie einen Mordverdächtigen.

Das Szenario klingt nach handelsüblichem Krimi, gäbe es nicht diverse Irritationen. Da ist zum Beispiel Burons vollkommen unfähiger Mitarbeiter Philippe (Marc Fraize), der ständig „sozusagen“ sagt und schließlich Opfer eines fatalen Missgeschicks wird, als sein Chef kurz das Büro verlässt. Weil Fugain niemand glauben würde, auf welch bizarre Weise der Mann ums Leben gekommen ist, versteckt er die Leiche im Wandschrank. Natürlich öffnet sich die Tür mitten in der Vernehmung wie durch Geisterhand.

Benoît Poelvoorde als Hauptkommissar Buron in einer Szene des Films „Die Wache“.
Benoît Poelvoorde als Hauptkommissar Buron in einer Szene des Films „Die Wache“. | Bild: Little Dream Pictures

Für amüsante Momente sorgt auch die Idee, die Gegenwart Einfluss auf die Vergangenheit nehmen zu lassen. Dass Fugains Erzählungen durch Rückblenden illustriert werden, gehört zum typischen Krimi-Muster. Allerdings taucht in seinen Erinnerungen der tote Philippe auf und verlangt, endlich aus dem Wandschrank befreit zu werden. Auch Buron sitzt plötzlich im Schlafzimmer, um die Befragung fortzusetzen.

Filmisch hat Dupieux sein nur sparsam mit Musik unterlegtes Kammerspiel eher schlicht gestaltet – am auffälligsten sind die fahlen Farben, die die Trostlosigkeit des Schauplatzes noch unterstreichen. Es sind vor allem die schwarzhumorigen Einfälle, mit denen der als Musiker unter dem Künstlernamen Mr. Oizo bekannte Regisseur immer wieder für großes Vergnügen sorgt. Selbst aus dem schlichten Vorgang des Rauchens einer Zigarette schlägt er verblüffend komisches Kapital.

Ein bisschen wie Franz Kafka

Da der arme Fugain der einzige ist, der die Absurdität der Ereignisse wahrzunehmen scheint, fühlt er sich zunehmend wie eine Figur von Franz Kafka, zumal dem Kommissar kein Detail zu banal zu sein scheint, um es nicht zu hinterfragen. Die Krönung der Geschichte ist der Schlussakt, als sich eine Wand hebt und Fugain erkennt: Es war alles bloß makabres Theater. Aber seine Erleichterung ist nur von kurzer Dauer. Ein nicht nur wegen seiner Kürze von gut 70 Minuten kurzweiliges Vergnügen voller Überraschungen.