Harte Sounds haben in Neuhausen ob Eck Tradition: Bewährte zeitgenössische Krachgitarrenbands wie etwa NOFX, die Queens of the Stone Age, Millencolin, die Eagles of Death Metal und die Subways gaben sich auf dem idyllisch gelegenen ehemaligen Flughafengelände in den letzten Jahren die Ehre, und selbst in Ehren ergraute Punk-Opas wie etwa Iggy Pop oder Henry Rollins wurden hier schon gesichtet. Punk und Hardcore gehörten immer schon zur Angebotspalette dieses von Jahr zu Jahr kontinuierlich gewachsenen Festivals – und auf lärmempfindliche Anwohnerohren mussten die Veranstalter hier, inmitten Gottes freier Natur und in respektvoller Distanz zum Ort Neuhausen, noch nie Rücksicht nehmen. Die 2017er Ausgabe dieses im letzten Jahr im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser gefallenen Groß-Events setzt diese Traditionslinie fort: mit phonstarken Lärmcombos, die das einst von Ian Anderson, Boss der Folkrock-Legende Jethro Tull, geprägte Statement, Rockmusik sei „nichts Anderes als elektrisch verstärkte Energie“, neu beleben.

Die kalifornischen Green Day waren schon oft in der Region zu Gast – unvergessen ist bei vielen wohl ihr spektakulärer Auftritt beim Konstanzer Rock am See anno 2012. Richtiger Punk ist das zwar nicht mehr, was die drei Kalifornier inzwischen spielen – minutenlange Gitarrensoli passen nun einmal nicht zum traditionellen Drei-Akkorde-Schema – aber knallig und rotzig klingen viele ihrer Songs auch heute noch. In den 1990ern bildeten Green Day gemeinsam mit Offspring und Rancid die Speerspitze des amerikanischen Neo-Punk-Revivals – und auch letztere Band ist dieses Jahr beim Southside-Festival live zu erleben; die Fans erwartet da wohl nichts weniger als die volle Dröhnung.

Als „Kinderpunk“ wurden demgegenüber die (gleichfalls kalifornischen) Blink 182 oft verspottet, als sie sich in etwa zur selben Zeit gründeten – eine nicht ganz gerechtfertigte Einstufung. Auch sie setzen auf dezibelreichen Gitarrenlärm, allerdings gekoppelt mit ausgesprochen mainstream-kompatiblen, poppigen Melodien – wie sie sich live schlagen, wird man in Neuhausen sehen. Ziemlich poppig klingen auch die schwedischen Mando Diao, alte Bekannte in der Bodensee/Hegau-Region, die jedoch live bisher nur selten die Studio-Qualitäten ihrer Songs so richtig entfalten konnten. Ihr Gig beim Rock am See in Konstanz 2009 beispielsweise wurde seinerzeit von vielen Fans als eher suboptimal empfunden.

Als absolutes Kontrastprogramm hierzu kann der Auftritt von Archive gewertet werden, einer aus London stammenden Band, die vor allem in Frankreich regelrechten Superstar-Status genießt. In Paris spielte sie schon vor 50 000 begeisterten Fans, auf dem Southside-Werbeplakat ist sie hingegen an 42. (!) Stelle aufgelistet. Wer die frühen (ultrapsychedelischen) Pink Floyd-Platten mag, auch mit TripHop etwas anfangen kann und hin und wieder auch mal Neo-Prog hört, sollte sich dieses Konzert nicht entgehen lassen: Hypnotisch pulsierende Beats und flirrende Keyboard-Sounds verbinden sich in der Musik der Briten mit apokalyptischen Klagegesängen und allerlei elektronischem Schnickschnack.

Was wird sonst noch geboten? Linkin Park geben sich die Ehre, die amerikanischen Crossover-Helden, desgleichen Flogging Molly, die irischstämmigen US-Folkpunker aus Los Angeles. Die famosen britischen Indie-Pioniere Editors sind in Neuhausen ebenso zu Gast wie ihre Landsleute von Maximo Park und die neuseeländische Sängerin Lorde, die 2013 mit dem Ohrwurm „Royals“ weltweit durchstartete.

Die Band Archive wird voraussichtlich für ein Kontrastprogramm sorgen. Bild: dpa
Die Band Archive wird voraussichtlich für ein Kontrastprogramm sorgen. Bild: dpa

Kein Auge wird vermutlich trockenbleiben beim Auftritt der Gypsy-Punk-Truppe Gogol Bordello – Millionen von TV-Zuschauern ein Begriff, seit die Band 2007 beim globalen „Live Earth“-Spektakel im Londoner Wembley-Stadion die große Madonna glatt an die Wand spielte.

Der derzeit so populäre deutsche Pop wird vertreten von Casper, Clueso, Jennifer Rostock, den Orsons, Joris, Haftbefehl und Frittenbude. Freuen kann man sich auch auf den Gig des Musikers und Technoproduzenten Fritz Kalkbrenner – gemeinsam mit seinem Bruder Paul produzierte er vor ein paar Jahren den Hit „Sky and Sand“, einen wahren Jahrhundertsong. Und einer der Höhepunkte des diesjährigen Festivals dürfte wohl das Konzert der Irie Révoltés werden – live ist diese famose Reggae-Punk-Truppe, die abwechselnd auf Deutsch und Französisch singt, kaum zu schlagen.

Tickets: www.southside.de