Sind Sie auch der Meinung, dass die Menschheit immer mehr Kriege führt, sich überall auf der Welt die Armut ausbreitet und unser Planet noch an der Überbevölkerung kollabieren wird? Dann ergeht es Ihnen so wie den allermeisten Menschen in Europa. Und dann liegen Sie auch ebenso falsch wie sie.

Statistik-Experte Hans Rosling

Warum das so ist, hat der schwedische Statistik-Experte Hans Rosling erforscht. Der im vergangenen Jahr gestorbene Mediziner war zeit seines Lebens weltweit im Einsatz: in Afrika und Südamerika gegen Epidemien, in Europa und Nordamerika gegen die Unwissenheit. Denn Gesundheit und Statistik gehörten für ihn zusammen. Wer die Zahlen nicht kennt, der macht sich von den anstehenden Aufgaben ein falsches Bild. Und es sind erschreckend wenige, die sich mit Zahlen auskennen.

14 Fragen, kaum richtige Antworten

Von fast 12.000 Menschen, die Anfang 2017 einen 14 Fragen umfassenden Katalog vorgelegt bekamen, vermochte niemand die volle Punktzahl zu erreichen. Sage und schreibe ein Einziger beantwortete wenigstens 13 Fragen korrekt. 15 Prozent lagen bei jeder Antwort falsch.

Befragte lagen fast immer falsch

Und nein, es bedurfte keines Nobelpreiswissens, um die Antworten zu erraten. Es ging vielmehr um ganz offizielle Daten der Uno: „Wie hat sich die Zahl der Todesfälle pro Jahr durch Naturkatastrophen über die letzten 100 Jahre entwickelt?

A: Sie hat sich mehr als verdoppelt.

B: Sie ist etwa gleich geblieben.

C: Sie hat sich mehr als halbiert.“

Fast immer neigten die Befragten zur schlimmstmöglichen aller Antworten. Und fast immer lagen sie damit daneben. Hätten Schimpansen nach dem Zufallsprinzip ihre Kreuzchen auf den Fragebögen verteilt: Sie hätten nach aller Wahrscheinlichkeit 33 Prozent richtig getippt und wären damit sogar deutlich besser gewesen. Warum ist das so?

Hirn verlangt nach Drama wie der Körper nach Zucker

In seinem jetzt posthum erschienenen Buch „Factfulness – Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist“ (erschienen im Ullstein-Verlag) nennt Rosling einen Hauptgrund, der sich in zehn kleinere Gründe unterteilt. Hauptgrund, sagt der Statistiker, sei eine Disposition des menschlichen Hirns: Es verlange nach Drama wie der Körper nach Zucker. Dieses evolutionär bedingte Verlangen sorge dafür, dass sich für Nachrichten über heil gelandete Flugzeuge, ausgebliebene Konflikte und wohlgenährte Kinder niemand interessiert. Geben die tatsächlichen Zahlen ein Drama nicht her, so biegt sich der Mensch sie einfach zurecht. Fünf Beispiele für Strategien des Selbstbelügens:

Die Kluft: Der Mensch teilt die Welt in Extreme ein. Hier der Westen, dort der Rest der Welt, oben die Reichen, unten die Armen, links die Guten, rechts die Bösen. Dazwischen verläuft eine unüberbrückbare Kluft. Mit der Wirklichkeit hat diese Vorstellung wenig gemein, im Gegenteil: Die Lebensverhältnisse sind weltweit so ausgewogen verteilt wie selten zuvor – was freilich nicht bedeutet, dass es überhaupt keine Armut und keinen Reichtum mehr gäbe.

Die gerade Linie: Sieht der Mensch eine Grafik mit ansteigender Linie, so setzt er sie gedanklich ins Unendliche fort. Mit Blick auf die Zunahme der Weltbevölkerung in den vergangenen hundert Jahren wäre nach diesem Prinzip zu befürchten, dass im Jahr 2100 mehr als 15 Milliarden Menschen die Erde bewohnen. Die UN-Experten gehen aber statt einer geraden Linie von einer abflachenden Kurve aus, gerade weil die Lebensverhältnisse sich inzwischen angenähert haben. Immer mehr Frauen haben Zugang zu Bildung, die Geburtenrate nimmt stetig ab. Gerade Linien führen bei Statistiken oft in die Irre: „Kein Kind behält die Wachstumsgeschwindigkeit seiner ersten sechs Monate bei, und niemand käme auf die Idee, das zu erwarten.“

Die Angst: Das menschliche Gehirn kann nicht sämtliche Informationen gleichermaßen verarbeiten. So filtert unser Bewusstsein aus einer bestimmten Anzahl von Nachrichten die relevantesten heraus. Und relevant waren im Verlauf der Evolution immer jene Nachrichten, die uns davor schützten, in Lebensgefahr zu geraten: gefährliche Tiere, Gift, Naturkatastrophen. Tatsächlich sind diese Faktoren längst nicht mehr so bedrohlich, wie sie scheinen.

Die Dimension: Menschen neigen dazu, sich von Zahlen beeindrucken zu lassen, ohne ihren Kontext zu betrachten. So sind laut Unicef 2016 weltweit 4,2 Millionen Babys vor Vollendung ihres ersten Lebensjahrs gestorben: eine erschreckend hohe Zahl. Tatsächlich ist sie jedoch nicht erschreckend, sondern ermutigend. 2015 waren es nämlich noch 4,4 Millionen Todesfälle gewesen und im Jahr davor 4,5 Millionen.

Die Verallgemeinerung: Ohne Kategorien wäre Denken gar nicht möglich. Wäre jeder Gegenstand einzigartig, hätten wir nicht einmal die Sprache, deren Hauptaufgabe ja gerade ist, wiederholt auftretende Dinge zu bezeichnen. Was die statistische Logik betrifft, so spielt uns der Instinkt zur Verallgemeinerung allerdings einen Streich. Der Bericht über eine bitterarme Familie in einem bestimmten Land lässt uns glauben, alle Bewohner dieses Landes seien bitterarm – auch wenn das gar nicht stimmt.

Falsche Prioritäten

Dass der Mensch die Welt für schlechter hält, als sie ist, scheint auf den ersten Blick nicht weiter problematisch zu sein: Besser mit dem Schlimmsten rechnen, als sich in falscher Sicherheit zu wiegen! Doch Rosling hatte gute Gründe, vor der verzerrten Sicht auf die Welt zu warnen. Denn vor lauter Sorge um vermeintliche Gefahren setzt der Mensch oft die falschen Prioritäten.

Mangel an Verbrauchsgütern

So fehlt es in vielen Regionen, die längst nicht so arm sind, wie wir glauben, an vielen Verbrauchsgütern: Der Drang zur Verallgemeinerung lässt viele Geschäftsleute glauben, dass es für sie hier keine Kundschaft gebe. Und auch in der Katastrophenhilfe läuft vieles falsch. 2015 starben beim Erdbeben in Nepal 9000 Menschen. Weil die Naturkatastrophe unsere Urängste bediente, kamen teure Rettungshubschrauber und Hilfskräfte aus aller Welt zum Einsatz. Im gleichen Zeitraum starben weltweit auch 9000 Kinder an Diarrhö. Um diese Kinder zu retten, hätte es nur eines Bruchteils der für Nepal aufgebrachten Kosten bedurft: „Alles, was man benötigt, um ein Kind davon abzuhalten, aus Versehen das Abwasser des Nachbarn zu trinken, sind ein paar Kunststoffrohre, eine Wasserpumpe, etwas Seife und ein Abwassersystem.“

Falsche Annahmen fördern Extremismus

Nicht zuletzt führt die Annahme einer schlechten Weltlage zu Extremismus. Wer nicht sieht, dass bereits laufende Projekte erfolgreich sind, bricht sie ohne Not ab und ersetzt sie durch radikale Gegenmaßnahmen. Ein bisschen mehr Zuversicht ist deshalb dringend angeraten.

Buchtipps: 

Hans Rosling: Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist.

Ullstein 2018, 24 Euro.