Die Kollegen nennen ihn Kassandra. Wie die trojanische Seherin ahnt er Unheil, findet aber nirgends Gehör. Und jetzt wollen sie ihn endgültig mundtot machen. Zwei Jahre vor dem „Rutsch in die Rente“ bekommt der Wirtschaftsjournalist die Kündigung. Doch auch als Vorruheständler kann er das Warnen und Schwarzsehen nicht sein lassen. Anstatt in Zeitungsartikel packt er seine zornigen Gegenwartsanalysen nun in ein Tagebuch, das er seiner Nichte, der Gymnasiastin Lena widmet: ein Vermächtnis an die junge Generation.

„Denk an mich“

F.C. Delius‘ neuer Roman „Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich“ spielt in den Jahren 2017/18, also irgendwo zwischen geplatzten Jamaika-Verhandlungen, Diesel-Diskussionen und Manuel Neuers Mittelfußfraktur.

Der Ich-Erzähler bezeichnet sich zwar selbst als „Altliberalen“, hegt aber spezielle Sympathien für Griechenlands neulinken Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis. Und hier kommen die chinesischen Investoren ins Spiel. Die haben sich ja im Zuge der Euro-Krise bereits den Hafen von Athen unter den Nagel gerissen. In Deutschland, befürchtet der Held, greifen sie nicht nur nach Schlüsselindustrien, sondern auch nach der beliebten Ostseeinsel Rügen. Die „gelbe Gefahr“ ist zurück, allerdings unter anderen Vorzeichen.

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Für Kassandra exportiert Jinpings Riesenreich ein neues Wirtschaftssystem. Einen autoritären Kapitalismus, der nicht mehr so tun muss, als würde er auf Menschenrechte oder Ökologie Rücksicht nehmen. Und Europas „quartalsblinde“, allein auf Aktienkurse schielende Unternehmenspolitik fällt nur zu gern auf das trojanische Pferd der chinesischen Kapitalbeteiligung herein.

Planloser Moralismus

Verschwörungstheorie oder begründete Zukunftsangst? Auf jeden Fall stellt das Buch den ersten Versuch dar, das Ende der Ära Merkel literarisch zu verarbeiten. Für Kassandra ist die Noch-Kanzlerin mit der Flüchtlingskrise zur „Pechmarie ihres planlosen Moralismus geworden.“

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Der mittlerweile 76-jährige Delius, der 2011 den Büchner-Preis erhielt, hat schon mal geschliffener, mitreißender geschrieben. Auch wenn man seinem fiktiven Unkenrufer rein sachlich kaum widersprechen mag. Was die locker verknüpfte Textmelange aus Wirtschaftsdaten, ätzender Zeitkritik und assoziativen Alltagsbeobachtungen aber zu einer eher spröden Lektüre macht, ist das Hantieren mit notorischen Fakten und Statistiken: „62 Leute besitzen so viel wie 3,7 Milliarden, die Hälfte der Menschheit.“ Eine Essaysammlung wäre für die Ideen des Autors wahrscheinlich das bessere Format gewesen.

Ein gefährlicher Ort

Erst im letzten Drittel glättet sich die Faktenprosa zu einer längeren Erzählpassage. Hier gewinnt der zuvor holzschnittartig gezeichnete Protagonist doch noch psychologische Konturen. Seine Rügen-Obsession besitzt nämlich einen lebensgeschichtlichen Hintergrund. Einst stürzte Kassandras Schwester an den Kreidefelsen in den Tod. Rügen war immer schon ein gefährlicher Ort, auch ohne Chinesen.

F. C. Delius: Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich. Rowohlt Berlin, 256 S., 20 Euro.