Johann Sebastian Bachs Johannespassion ist kein Event. Für viele Musikliebhaber findet das geistliche Werk nur in der Kirche den passenden Rahmen. Eine Passion, die vom Sterben Christi erzählt, in der Elbphilharmonie? Wenige Minuten vor Konzertbeginn werden im Zuschauerraum Selfies geschossen. Die Besucher winken sich zu. Irgendwo deutet sich eine La-Ola-Welle an. Also doch ein Event?

Dann betreten das Orchestra of the Age of Enlightenment und sein Dirigent Sir Simon Rattle die Bühne. Die Choristen legen sich auf den Boden. Und heben zum ersten Einsatz „Herr, unser Herrscher“ flehend die Hände. Zwischen Zuhören und Zuschauen entsteht bei dieser von Regisseur Peter Sellars inszenierten Johannespassion ein Zusammenhang. Roderick Williams kann als Jesus nur deswegen so leise singen, weil jeder ihm beim Leiden zusieht. Und weil in diesem Saal jedes Wort zu verstehen ist.

Zuhören und Zuschauen: Die von Peter Sellars inszenierte „Johannespassion“ wurde in der Elbphilharmonie zu einem Erlebnis. Und jedes Wort war zu verstehen.
Zuhören und Zuschauen: Die von Peter Sellars inszenierte „Johannespassion“ wurde in der Elbphilharmonie zu einem Erlebnis. Und jedes Wort war zu verstehen. | Bild: Daniel Dittus

Also hat er doch eine gute Akustik? Natürlich hat sie auch ihre Tücken. Die Geräusche aus dem Publikum sind ebenfalls alle wahrnehmbar. Der im Vergleich zu anderen Konzertsälen kurze Nachhall des Saals beschönigt nichts. Hier eine gute Balance zu finden, ist heikel.

Für den Freiburger Rahmentrommler Murat Coskun, der gemeinsam mit Giora Feidmann, Avi Avital und einem Kammerorchester in der Elbphilharmonie spielte, hat der Saal noch einen anderen Nachteil. „Der Klang und auch die Architektur wirken auf mich eher kühl. Es entsteht eine große Distanz zum Publikum, weil der Saal so hoch gebaut ist und wir viele Zuhörer gar nicht sehen.“

Das Freiburger Barockorchester dagegen zeigt sich rundum zufrieden mit dortigen Aufführung von Jean-Philippe Rameaus „Hippolyte et Aricie“ unter Simon Rattle: „Für uns war das der perfekte Ort für die einzige konzertante Aufführung der Oper“, sagt FBO-Intendant Hans-Georg Kaiser.

Keine Liederabende mehr

Auch Christoph Lieben-Seutter ist nach wie vor begeistert: „Ich bin positiv überrascht, gerade was Barockmusik und Klassik angeht. Besonders kleine Ensembles können unglaublich intensiv wirken. Was der Saal sensationell zum Klingen bringt, ist die Musik der letzten hundert Jahre, wenn die Struktur komplexer wird“, sagt der Intendant der Elbphilharmonie. Für spätromantisches Repertoire mit Gesang empfiehlt er die rechteckig gebaute Laeiszhalle – das habe er auch dem Sinfonieorchester Basel und Jonas Kaufmann so weitergegeben. Dennoch kritisierte Kaufmann anschließend den Saal. Liederabende finden inzwischen gar keine mehr im großen Saal der Elbphilharmonie statt. Da hat es durchaus einen Lernprozess gegeben.

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Dass in die Elbphilharmonie viele Konzertbesucher kommen, die vor allem den Saal sehen und nicht unbedingt die Musik hören wollen, ist gelegentlich ein Problem. „Wir haben den Auftrag, Klasse und Masse zu verbinden. Das ist ein Spagat, der nicht immer leicht zu lösen ist. Es gibt sicher einige Klassikliebhaber, die lieber unter sich bleiben.“

Mängel werden offengelegt, Qualitäten aber auch

Beim Konzert der Wiener Philharmoniker unter Andris Nelsons trifft sich ein älteres Abonnentenpublikum. Selfies werden kaum geschossen, die Programmhefte dafür gelesen. Der extrem leise Streicherbeginn bei Ludwig van Beethovens Tripelkonzert fasziniert. Jede Nuance ist auf dem Platz seitlich der Bühne zu hören. Das kann auch verstören, wenn die Solistin Albena Danailova auf ihrer Violine einen zu scharfen Klang entwickelt oder sich Solocellist Tamás Varga gelegentlich in der Intonation vertut. Mängel legt der Saal schonungslos offen.

Was aber die gleiche Akustik mit der fünften Symphonie von Beethoven macht, ist sensationell. Hier kann sich der ganze Reichtum dieses Weltklasseorchesters entfalten. Die speziellen Wiener Hörner schmettern mit Eleganz, die Pauke wird zum Melodieinstrument. Andris Nelsons arbeitet mit feinem Pinsel. Man hört Dinge, die man bei diesem vielgespielten Werk noch nie gehört hat.Der kultivierte Klassikhörer brüllt vor Begeisterung.