Nach dem Jubiläumsjahr 2018 ging es am Freitagabend gleich hochkarätig weiter: „Starke Stimmen“ stünden in diesem Jahr im Vordergrund, erläuterte Kulturamtsleiterin Sabine Schürnbrand eingangs. Mit NES (Nesrine Belmokh) und ihrem Trio war ein Auftakt gefunden, der sich deutlich in Richtung Grenzgänge bewegte. Die Frankoalgerierin sprengt die Genres, vermittelt mühelos zwischen traditioneller arabischer Musik, Jazz, Weltmusik, Chanson und Pop.

Klar und schnörkellos

Ihre Stimme ist klar und schnörkellos, sicher bewegt sie sich in ganz tiefen und sehr hohen Lagen. In „Alham“ singt sie vom Traum von Hoffnung und Frieden in den Gärten der Liebe. Das klingt suggestiv, vom leisen Trommeln des Perkussionisten David Gadea und sanften Weisen von Matthieu Saglios Cello begleitet. Neben ihrer ausdrucksvollen Stimme untermalt Nes ihren Vortrag mit sprechenden Händen und Körpergesten, sodass sich sogar der arabische Text erschließt.

"A prayer for all of our gods"

Sehr anrührend auch der Song „Prière“ (Gebet), den sie ankündigt: „This is a prayer for all of our gods“. Mit langen Tönen, nur vom Cello leise begleitet, singt sie so intensiv, dass das Publikum in der wie immer vollbesetzten Gnadenkirche minutenlang schweigend verharrt. „Le Temps“ ist eigentlich ein Chanson, doch mit ihrem jazzigen Scat-Gesang, mit dem sie auch gleich wieder in arabische Skalen entwischt, improvisiert sie und treibt die Musik vorwärts. Denn wild und aggressiv kann Nes auch: „The World Is Blue“ gehört in den Pop-Bereich, harte Schläge auf Becken und Cajon, energisch gezupfte Celli inklusive.

Sie spielt auch Cello

Die Sängerin selbst ist auch Cellistin, spielt seit zehn Jahren im Orchester im spanischen Valencia und arbeitete schon mit Lorin Mazeel und Daniel Barenboim zusammen. Ihren Cellisten Saglio hat sie 2015 durch Zufall kennengelernt, obwohl sie beide jahrelang nur wenige hundert Meter voneinander entfernt in Valencia wohnten. Nach Allensbach hat sie ihr elektrisches Cello mitgebracht, das außer dem Steg nur einen rudimentären Flügelkorpus besitzt. Immer wieder greift sie auch zum Instrument, begleitet sich selbst oder zupft zusammen mit Matthieu Saglio die Rhythmen.

Glöckchen und Rasseln

Der Drummer spielt ein klangfarbenreiches Solo, stellt sein Instrumentarium vor, das auch mit Glöckchen, Rasseln und Röhren bestückt ist. Von Edith Piafs „La Vie En Rose“ liefern Nes und ihr Trio eine eigenwillige Interpretation, zwischen sanft und aggressiv gesungenen Passagen wechselnd. Die Zugabe mit dem oft wiederholten „Go away“ ist poppige Jazzmusik vom Feinsten: Nes zieht im Scat-Singing alle Register und fesselt mit Schauspieltalent beim „Gespräch“ mit ihrem Cellisten.

Anhaltender Beifall

Man darf gespannt sein, in welche Richtung sich Nes, bislang auf der Suche nach der eigenen musikalischen Identität, weiter entwickeln wird. Das Publikum jedenfalls war vom Abend mit der Grenzen überschreitenden Musik begeistert und applaudierte lange stehend.

Am 27. März um 20 Uhr gastiert das Duo Paolo Fresu (Trompete, Flügelhorn) und Lars Danielsson (Bass) mit dem Programm „Summerwind“ bei „Jazz am See.“