Angela Merkel fehlt fast nie. Die Premiere der Bayreuther Festspiele ist fest in ihrem Terminkalender notiert. Und schwer zu merken ist das Datum ja auch nicht: 25. Juli. Genau dann starten die Festspiele, Jahr für Jahr – so sicher wie der Heiligabend auf den 24. Dezember fällt.

Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder wird am MIttwochnachmittag über den roten Teppich ins Festspielhaus flanieren, wo sich um 16 Uhr der Vorhang für Richard Wagners „Lohengrin“ hebt. Schauspieler wie Udo Wachtveitl („Tatort“), Francis Fulton-Smith („Dr. Kleist“) und Günter Maria Halmer haben sich ebenfalls angemeldet. Und Thomas Gottschalk fehlt in der Regel auch nicht.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei den Bayreuther Festspielen in den Jahren 2003 bis 2008 und 2015 (oben, v. li.), sowie 2009 bis 2014 und 2017 (unten, v. li.).
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei den Bayreuther Festspielen in den Jahren 2003 bis 2008 und 2015 (oben, v. li.), sowie 2009 bis 2014 und 2017 (unten, v. li.). | Bild: dpa

Ob sie auch sonst gerne in die Oper gehen, wissen wir nicht. Nach Bayreuth aber wollen, wie es scheint, alle mal kommen. Die Prominenz genauso wie andere normal Sterbliche, selbst wenn sie ansonsten mit Oper und klassischer Musik nicht viel am Hut haben.

Jahrelanges Warten auf ein Ticket 

Und für den Wagnerianer gilt ohnehin, dass er einmal im Leben nach Bayreuth gepilgert sein muss wie der gläubige Muslim nach Mekka. Dass Karten für die Festspiele ständig knapp sind, macht sie dabei nicht weniger attraktiv. Das jahrelange Warten auf ein Ticket ist bereits selbst Teil des Bayreuth-Mythos geworden – obwohl seit einigen Jahren Tickets auch online verfügbar sind und der Nachfragestau sich dadurch gelöst hat.

Was aber macht die Bayreuther Festspiele so attraktiv? Warum gibt es Menschen, die jahrelang auf ein Ticket warten, obwohl man Wagners Opern in derselben Qualität auch an anderen Häusern sehen und hören kann? Warum setzt man sich freiwillig einer fünfstündigen Prozedur (zwei einstündige Pausen inbegriffen) auf harten Klappstühlen aus, wenn man anderswo gepolstert sitzen kann? Die Bayreuther Festspiele sind längst zum Mythos geworden. Wir versuchen zu erklären, warum das so ist.

  • Alles für einen: Die Bayreuther Festspiele sind das wohl einzige Festival, das sich dem Werk eines einzigen Komponisten widmet. Aber selbst Wagners Opern werden nicht alle hier gespielt. Das Frühwerk „Rienzi“ beispielsweise bleibt ausgespart. In jedem Jahr gibt es nur eine Neuinszenierung. Die übrigen Opern werden in bereits gezeigten Inszenierungen wieder aufgenommen. Da die Regiearbeiten über mehrere Jahre hinweg zu sehen sind, erlangen einige von ihnen Kultstatus. So entwickelte sich Hans Neuenfels’ „Lohengrin“ (Premiere 2010) mit seinen lustigen Laborratten von einer viel kritisierten Produktion zum Publikumsliebling. Dieser „Lohengrin“ wird nun von Yuval Sharons Inszenierung abgelöst.
  • In Familienhand: Nach Wagners Tod 1883 setzte sich seine Witwe Cosima (1837-1930) erfolgreich für den Festspielbetrieb ein. Seither ist die Festspielleitung immer in Familienhand geblieben – was internes Gerangel um die Macht auf den Grünen Hügel nicht verhinderte. Als sich nach der langjährigen Amtszeit (1967-2008) des Wagner-Enkels Wolfgang die Nachfolgefrage stellte, brachte sich auch die Wagner-Urenkelin Nike Wagner ins Gespräch und versuchte, ihr Ziel, mehr Einfluss auf dem Grünen Hügel zu erlangen, sogar gerichtlich durchzusetzen. Ohne Erfolg. Wolfgang Wagners Töchter, die Halbschwestern Eva und Katharina, übernahmen die Leitung 2009. Seit 2016 ist Katharina (40) alleinige Festspielleiterin. Nike Wagner (71) hat inzwischen erklärt, sie finde es „grottenlangweilig, immer nur Wagner zu machen“. Sie ist seit einigen Jahren Intendantin des Bonner Beethovenfests.
  • Ein Denkmal für sich selbst: Das Festspielhaus auf dem sogenannten Grünen Hügel wurde nach Wagners Vorstellungen gebaut – und war von Anfang an als Aufführungsort für die eigenen Werke gedacht, anfangs sogar nur für die Tetralogie „Der Ring“ sowie für das Bühnenweihfestspiel „Parsifal“. Um sein Werk optimal zur Geltung zu bringen, schwebte Wagner ein Haus vor, das „in einer schönen Einöde, fern von dem Qualm und dem Industrie-Pestgeruch unserer städtischen Civilisation“ steht. So fiel die Wahl auf Bayreuth. 1876 fanden die ersten Festspiele statt – und schlossen mit einem ruinösen Defizit. Der zweite Versuch folgte 1882 mit der Uraufführung des „Parsifal“.
  • Mystischer Abgrund: So nannte Wagner den Orchestergraben im Festspielhaus. Er ist anders gebaut als normale Orchestergräben, weil er sich vom Dirigenten aus nach hinten in die Tiefe erstreckt. Die Geigen sitzen oben, von ganz unten dröhnt das Blech. Auf dem Orchestergraben liegt ein Deckel, der sich nicht zum Publikum hin, sondern zur Bühne öffnet. So kommt der Klang nur indirekt beim Publikum an. Der Effekt: Ein Mischklang, das Gegenteil von Transparenz, aber ein tolles Mittel, wenn es darum geht, eine Aura der Mystik zu erzeugen.
  • Elitärer Kunstanspruch: Was Richard Wagner bei Gründung der Festspiele umtrieb, war einerseits ein durchaus demokratisches Ideal: Jeder sollte seine Kunst erleben können – ein Teil der Plätze sollte unbemittelten Kunstfreunden zur Verfügung gestellt werden. Andererseits war sein Kunstanspruch elitär: Wagner verabscheute die ökonomischen Zwänge der zeitgenössischen Oper, ihren Waren- und Unterhaltungscharakter: „Ihr Wesen ist die Industrie, ihr moralischer Zweck der Gelderwerb, ihr ästhetisches Vorgehen die Unterhaltung der Gelangweilten“, schrieb er bereits 1848. Er hingegen suchte einen exklusiven Raum für sein „Kunstwerk der Zukunft“, er wollte eine metaphysische Erfahrung durch Musik.
    Noch zu Wagners Zeit war es keineswegs üblich, dass das Publikum stundenlang bewegungslos der Musik lauscht. Die italienische Oper beispielsweise ist schon formal nicht auf Andacht angelegt: Die Arien sind Plattformen sängerischer Selbstdarstellung und fordern lautstarke Beifalls- oder Unmutsbekundungen geradezu heraus. Wagners durchkomponierte Musik hingegen verhindert den Zwischenbeifall. Ergeben sitzt das Publikum und wartet auf Erlösung durch die Pause. Zu Wagners Zeiten war das noch vergleichsweise neu. Heute aber verkörpert Bayreuth das Auslaufmodell einer elitären Kunst-Rezeption – die aber offenbar gerade deswegen Hochkonjunktur hat, weil sie ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Wer hierher kommt, darf sich als Teil eines Zirkels fühlen. Nichts verdeutlicht das besser als ein Nebenaspekt in den Aufführungen: Im Gegensatz zu allen anderen Opernhäusern, die inzwischen jede, auch jede deutschsprachige Oper, übertiteln, verzichtet man in Bayreuth nach wie vor auf diese Verständnishilfe. Wer nach Bayreuth kommt, kennt einfach den Text.
  • Nazi-Vergangenheit: Sie trägt zwar nicht gerade zum Glanz der Festspiele bei, lässt sich aber nicht von ihnen lösen. Als Antisemit diente Wagner den Nationalsozialisten als Stichwortgeber. Hitler war ein gern gesehener Gast in Bayreuth. Dennoch traten auch viele jüdische Künstler bei den Festspielen auf. Hermann Levi beispielsweise dirigierte 1882 sogar die Uraufführung des „Parsifal“ – was der Regisseur Barrie Kosky vergangenes Jahr in seiner „Meistersinger“-Inszenierung thematisierte. Wie stark die Vergangenheit bis heute nachwirkt, erkennt man daran, wie sensibel Festspiele und Öffentlichkeit reagieren, wenn irgendetwas in die falsche Richtung zu laufen droht. 2012 sorgte ein Tatoo mit Nazi-Symbolik für Wirbel, das sich ein Sänger in seiner Jugend stechen, zwischenzeitlich aber wieder hatte überstechen lassen. Für Bayreuth war er damit dennoch untragbar geworden. Der Künstler Jonathan Meese wiederum war für die Neuinszenierung des „Parsifal“ 2016 vorgesehen. Allerdings provoziert er gerne dadurch, dass er in seinen Performances die Hand zum Hitler-Gruß hebt. Das ist nach gerichtlichem Beschluss zwar durch die Kunstfreiheit gedeckt, die Bayreuther Festspiele warfen ihn schließlich doch noch raus – offiziell, weil sein Regiekonzept zu teuer war. Und für den diesjährigen „Lohengrin“ war ursprünglich mal Alvis Hermanis im Gespräch. Mit seinen umstrittenen Aussagen zur Flüchtlingspolitik endeten aber auch die Verhandlungen in Bayreuth. Den Zuschlag bekam mit Yuval Sharon ein Amerikaner mit israelischen Wurzeln.
  • Besonderheiten in diesem Jahr: Die Neuauflage des „Lohengrin“ inszeniert der israelisch-amerikanische Regisseur Yuval Sharon, die musikalische Leitung hat Musikdirektor Christian Thielemann – „Lohengrin“ ist die einzige Oper aus dem Bayreuth-Programm, die er hier bislang noch nicht dirigiert hat. Auch ein Star-Künstler ist an der Produktion beteiligt: Neo Rauch und seine Partnerin Rosa Loy haben Bühne und Kostüme gestaltet. Aufregung gab es um die Besetzung der Titelpartie: Nachdem Ende Juni Roberto Alagna abgesagt hatte, weil er sich dem Text nicht gewachsen sah, sprang Piotr Beczala ein. Die Partie der Elsa singt Anja Harteros. Nach langen Jahren Pause kehrt der frühere Bayreuth-Star Waltraud Meier als Ortrud auf den Grünen Hügel zurück.

Die Premiere der Neuinszenierung von „Lohengrin“ wird am Mittwoch ab 18 Uhr in über 130 Kinos übertragen, darunter ins Cinestar Konstanz und ins Kulturzentrum Linse Weingarten.