Was für ein Start. Das Eröffnungskonzert der Donaueschinger Musiktage mit dem SWR Symphonieorchester (Leitung: Ivan Volkov) beginnt mit lupenreiner Hollywood-Filmmusik – mit Thomas Meadowcrofts „News in Music“. Das Stück inszeniert Schlagzeilen aus Radiokanälen wie einen Blockbuster. Die Frage dahinter: Wie nehmen wir Realität wahr? Wohl nicht anders als einen Actionfilm. Doch die medienkritische Verbrämung nützt Meadowcroft nichts. Das Stück erntet kräftige Buhs. Ein solcher Überwältigungs-Bombast, so eins zu eins ohne jede Brechung – das kommt hier gar nicht gut an.

Aber ist das Stück tatsächlich so unreflektiert? Immerhin wusste der australische, in Berlin lebende Komponist, für welchen Rahmen er es komponiert. Der Verdacht drängt sich auf, dass er damit auch die Grenzen der Akzeptanz beim Neue-Musik-Publikum ausloten wollte, das sich einerseits als Hüter einer Grenzen überschreitenden und Tabus brechenden Kunst versteht, gleichzeitig aber nur schwer dazu zu bewegen ist, das Tabu des Schönklangs aufzugeben.

Damit war eines der zentralen Themen dieses Jahrgangs gesetzt. Die Neue Musik und ihre mehr als nur verschämt angedeutete Öffnung Richtung Tonalität, Jazz oder Rock. Die beruhigende Nachricht dabei: Die vier Stücke des Eröffnungskonzerts hätten unterschiedlicher nicht sein können. Bernhard Lang hat schon vor Jahren das Tabu der obsessiven Wiederholung gebrochen, arbeitet exzessiv mit Loops und entfacht in der neuesten Folge seines Zyklus „Differenz/Wiederholung“ mit dem Titel „Loops for Davis“ für Bassklarinette (fulminant: Gareth Davis) und Orchester den Furor des Jazz noch einmal neu.

Øyvind Torvunds „Archaic Jam“ ist eine kleine ironische Collage aus bunt zusammengewürfelten Versatzstücken musikalischer Idylle – mit dem dankenswerten Gespür dafür, wann sich der Witz auserzählt hat. Erst mit Andreas Dohmens „a doppio movimento“ kam die Neue Musik im engeren Sinne zum Zuge. Wobei sich Dohmens Ansatz, drei so unterschiedliche Instrumente wie Harfe, E-Gitarre und Klavier klanglich zu einem Hybrid-Instrument zusammenzubinden, tatsächlich als fruchtbringend erwies.

Avatare der Musik

Hinterfragen, aufbrechen, neue Formate und Kontexte suchen. So lässt sich der zweite große Themenblock der Musiktage umreißen. Außerhalb der Orchesterkonzerte tun sich da vielfältige Experimentierfelder auf. So liefert Martin Schüttler im Konzert mit dem Ensemble Ictus mit „My mother was a piano teacher“ ein wiederum medien- und gesellschaftskritisches Stück, in dem er die Musik von der Bühne verbannt, aber zwei Moderatorinnen aus dem Leben der Musiker erzählen lässt und diese anschließend beim Üben in Einzelkabinen filmt. Will sagen: Das voyeuristische Interesse an den Musikern ersetzt heutzutage das Interesse an der Musik. Ein netter Gedanke – aber zwanzig Minuten lang?

Als Höhepunkt des Festivals war das inszenierte Konzert mit dem Solistenensemble Kaleidoskop angekündigt. Um endlich mal alte Hörgewohnheiten aufzubrechen, mal anders hinzuhören, sollte der Choreograph Laurent Chétouane die vier Stücke des Programms von Michael von Biel, Chiyoko Szlavnics, Dmitri Kourliandski und Sebastian Claren in einen neuen Kontext stellen. Doch das ging einigermaßen daneben.

Es ging – der Titel lautete „Transit“ – irgendwie um Flüchtlingsströme, gleichzeitig aber auch um Publikumsbewegung. Beides wollte nicht zusammenpassen, wurde aber durch ein fortwährend zähflüssiges Aktionstempo und die immer gleiche Betroffenheitsmimik der Musiker auf ermüdende Weise zusammengehalten. Gleichzeitig brachte das Publikumsgeschubse auch noch so viel Unruhe in die Situation, dass man sich irgendwann genau das wünschte, was einem die Inszenierung eigentlich abgewöhnen wollte: einfach nur still am Platz zu sitzen und zuhören zu können.

Der eigentliche Höhepunkt des Festival-Samstags fand sich statt dessen in einer Performance für Schlagzeug, Kontrabass und Elektronik: In Alexander Schuberts „Codec Error“ geht es um Körperbilder und ihre Manipulation im digitalen Zeitalter. Mithilfe von Stroboskoplicht lässt er drei Musiker (Ensemble Intercontemporain) wie ihre eigenen Avatare aussehen. Was sich zunächst wie ein weiterer gesellschaftskritischer Einwurf anhört, entpuppt sich jedoch als ein Sperrfeuer an Licht und Geräusch, brutal, militant, schmerzhaft für Auge und Ohr, aber auch perfekt inszeniert und darin einfach faszinierend. Unmöglich, sich der Suggestivkraft zu entziehen. Und genau darüber erschrickt man schließlich – über die eigene Manipulierbarkeit. Und diese Irritation ist wirkungsvoller als jede politisch korrekte Affirmation.

Die schönen Überraschungen finden sich oft dort, wo man sie am wenigsten erwartet. In diesem Fall im Konzert mit dem Ensemble Musikfabrik. Marina Rosenfeld präsentierte hier eine zwar mit erheblichem technischen Aufwand produzierte, aber raffinierte, verträumt-entrückte Soundscape-Musik. Und der Norweger Eivind Buene lieferte mit „Lessons in Darkness“ gar ein Stück, das weitgehend ohne Elektronik auskam. Eine kleine Musik, die sich ohne großes Aufsehen aus dem Dunkel des nordischen Winters erhebt. Die neue, witzige, ein bisschen schräg-melancholische Klänge findet, ohne dafür irgendeine Theorie zu bemühen. Die keine Tabus bricht, nicht nach neuen Formaten sucht. Sondern einfach nur Musik ist. Manchmal ist das einfach wohltuend.