Sie heißen Alexa oder Siri und machen uns das Leben leichter. Sie gehorchen uns aufs Wort, und dennoch fürchten wir uns vor ihnen. Weil sie reagieren können wie Menschen. Wo soll das hinführen? Wenn sie dann doch mal einen Fehler machen oder eine dumme Antwort geben, sind wir erleichtert. Wir sind der Maschine eben doch überlegen. Noch jedenfalls. Denn die Künstliche Intelligenz (KI) wächst und gedeiht. Und nun hat sie auch die Donaueschinger Musiktage erreicht. In der Kunstwelt steht die Entwicklung der KI vor besonderen Fragestellungen: Man mag einem Computer Intelligenz beibringen können, aber kann er auch Kreativität lernen? Immerhin: Die ersten Bilder, die von Maschinen erfunden und gemalt wurden, gibt es bereits.

Der Computer kuratiert

Bei dem Computerprogramm mit dem Namen CurAltor, das nun in Donaueschingen zum Einsatz kam, geht es allerdings nicht darum, es komponieren zu lassen, sondern darum, es Werturteile fällen zu lassen. Und das Programm somit eine Arbeit übernehmen zu lassen, die normalerweise in den Aufgabenbereich von Veranstaltern und Kuratoren wie Björn Gottstein fällt, dem künstlerischen Leiter der Musiktage. Er muss entscheiden, was in Donaueschingen aufgeführt wird und an wen ein Kompositionsauftrag ergehen soll. Was, wenn nun ein Computerprogramm diese Aufgabe übernehmen würde? Hilfe oder Horrorvorstellung?

Als der von dem Briten Nick Collins entwickelte CurAltor vergangenes Jahr in Donaueschingen vorgestellt wurde und er Klaviermusik, die man ihm vorspielte, bewerten sollte, wirkte das Ganze noch ziemlich komisch. Dieses Jahr aber war es so weit: Nachdem der Computer mit 100 „vorbildlichen“ Klavierwerken der Neuen Musik und rund zwanzig Beispielen für schlechte Musik (etwa im Stil von Richard Clayderman) gefüttert worden war, gab es eine Ausschreibung für neue Klaviermusik. Der Computer hörte und bewertete die eingereichten Stücke und wählte drei davon aus, die während der Musiktage aufgeführt wurden.

Das könnte Sie auch interessieren

Björn Gottstein zeigte sich überrascht von dem Ergebnis – und davon, dass der Computer offenbar einen bestimmten Geschmack entwickelt habe. Tatsächlich zeigten die drei Stücke von Andrés Guadarrama, Patricia Martínez und Dong-Myung Kim eine gewisse Vorliebe für präparierte und flächige Klänge und für insistierende Vorgänge, während größere Spannungsbögen eher fehlten.

Joseph Houston spielt die Klavierwerke, die das Computerprogramm „CurAltor“ für die besten befunden hat.
Joseph Houston spielt die Klavierwerke, die das Computerprogramm „CurAltor“ für die besten befunden hat. | Bild: Ralf Brunner

Er selbst, so Gottstein weiter, hätte eine andere Auswahl getroffen. Erleichterung? Vielleicht. Doch vor allem geht es ihm bei dem Projekt darum, kuratorische Praktiken zu diskutieren. Welche Wertmaßstäbe legen wir bei der Beurteilung von Musik an? Ein Progamm wie CurAltor kann dabei helfen, sich diese bewusst zu machen – und zu hinterfragen.

Pack die Badehose ein

Dass in diesem Jahr die Musik in Donaueschingen baden ging, lag allerdings nicht an CurAltor, sondern in der vollen Absicht der Klangkünstlerin Kirsten Reese. Sie hatte für das Bewegungsbad der Reha-Klinik Sonnhalde eine akustische Unterwasserwelt entworfen. Da hieß es also: Badeanzug anziehen und eintauchen ins Klangbad. Statt der befürchteten Walgesänge gab es sanfte Neue-Musik-Klänge aus Unterwasser-Lautsprechern. Wellness für Avantgarde-gestählte Musiktage-Besucher, aber natürlich auch für die Reha-Patienten selbst. Ein Live-Trompeter wandelte dabei am Beckenrand, steuerte behutsam Klänge bei und gesellte sich gelegentlich zu den Besuchern ins Wasser. Alles in allem eine hübsche Abwechslung – und ein bislang unerschlossener Veranstaltungsort.

Es darf wieder zugehört werden

Während die spektakulären, verrückten, performativen und verspielten Formate in diesem Jahr unter dem Label Klangkunst im Schwimmbad, in der Hotelbar oder auch als kleines Festival im Festival stattfanden, ging es im Hauptprogramm mit Konzerten von SWR Symphonieorchester (Leitung: Emilio Pomárico, Tito Ceccherini) Ensemble Resonanz (Leitung: Bas Wiegers), Klangforum Wien (Leitung: Sylvain Cambreling) und Ensemble Intercontemporain (Leitung: Matthias Pintscher) eher traditionell zu. Zumindest rein formal betrachtet. Während einst Festivalchef Armin Köhler die hypriden Formate zwischen Konzert und Installation ins Hauptprogramm zu holen bemüht war, flimmern bei Björn Gottstein deutlich weniger Bildschirme in den Konzerten. Es darf wieder richtig zugehört werden!

Eine Musikerin des Klangforum Wien bei der Aufführung von Alberto Posadas‘ Klangraumstück „Poética del espacio“.
Eine Musikerin des Klangforum Wien bei der Aufführung von Alberto Posadas‘ Klangraumstück „Poética del espacio“. | Bild: Ralf Brunner

Dass das gar nicht so einfach ist, machte das 90-Minuten-Stück „Poética del espacio“ (deutsch: Poesie des Raums) von Alberto Posadas schmerzhaft deutlich – ein nach allen Regeln der Kunst ausbalanciertes Kontinuum ineinander fließender Klänge, die sich wie ein ganzes Universum in Raum bewegten. Toll gemacht, aber auch eine echte Herausforderung für die Aufmerksamkeitsspanne nicht nur der Generation Youtube.

Musik über Musik

Überhaupt fiel in diesem Jahr auf, wie sehr sich die Komponisten und Komponistinnen auf ihr ureigenes Terrain – die Musik, das Instrument, den Klang und den Raumklang – konzentrierten, um nicht zu sagen zurückzogen. Gesellschaftliche oder politische Diskurse blieben weitgehend ausgespart. Braucht es einfach ein oder zwei Jahre, bis sich der Reflex auf eine krisenhafte Zeit wie unsere in der Kunst niederschlägt – so wie Björn Gottstein es vermutet – oder zeigt sich hier eher eine biedermeierhafte Sehnsucht nach einem sicheren Ort? Die nächsten Jahre werden es zeigen.

Simon Steen-Andersen hat für sein „Trio“ die Archive des SWR geplündert und Filmausschnitte und Ton neu montiert. Hier eine Aufnahme mit dem jungen Carlos Kleiber. Am Pult des heutigen SWR Symphonieorchesters: Emilio Pomárico.
Simon Steen-Andersen hat für sein „Trio“ die Archive des SWR geplündert und Filmausschnitte und Ton neu montiert. Hier eine Aufnahme mit dem jungen Carlos Kleiber. Am Pult des heutigen SWR Symphonieorchesters: Emilio Pomárico. | Bild: Ralf Brunner

Auch Simon Steen-Andersens groß angelegtes „Trio“ für Big Band, Chor, Orchester und – als einziges Werk im Hauptprogramm – mit Video ist Musik über Musik. Der 43-jährige Däne, aktuell der Star der Neuen Musik hat dafür das SWR-Archiv geplündert, hundert Stunden Filmmaterial gesichtet, mitsamt der Klangspur zerschnipselt und die oft kaum länger als ein bis zwei Sekunden langen Sequenzen neu montiert. Was man auf den alten Konzert- und Proben-Aufnahmen hört, überträgt Steen-Andersen teilweise auf die Live-Musiker und lässt sie so mit oder gegen ihre Vorgänger antreten.

Aktuell der Star der Szene: der dänische Komponist Simon Steen-Andersen.
Aktuell der Star der Szene: der dänische Komponist Simon Steen-Andersen. | Bild: Ralf Brunner

Die Verzahnung von Bild und Ton ist dabei so eng und die Wechsel vollziehen sich so rasant, dass man schier den Überblick verliert, was nun live gespielt wird und was aus den Lautsprechern kommt. Alles in allem ist ein herrlich virtuoses Spiel mit der SWR-Historie entstanden, frei von jeglicher Nostalgie, aber voller Spielfreude und Leichtigkeit – eine Hommage ohne Lobhudelei und ein kompositorischer Höhepunkt des Festivals, obwohl im Grunde kein einziger Ton neu entstanden ist. Im Abschlusskonzert wurde Steen-Andersen denn auch mit dem Preis des SWR Symphonieorchesters für das beste Werk der Musiktage 2019 ausgezeichnet – bereits 2014 wurde er mit diesem Preis für sein „Piano Concerto“ ausgezeichnet. Das Stück „Trio“ „ermöglicht ein längst überfälliges Zusammentreffen von drei verschiedenen Klangkörpern mitsamt ihrer Geschichte und medialen Präsenz. Ein Film als eigenes Instrument, Chor und Bigband als Partner und das Orchester als Teil einer ganzen Geschichte“, hieß es in der Begründung der Jury.

Hätte ein Computerprogramm das auch hinbekommen? Die Sichtung des vielen Materials gewiss. Aber die ironischen Untertöne bei der Neukontextualisierung – bis diese Art der Kreativität programmierbar ist, freuen wir uns lieber auf Werke wie dieses von Steen-Andersen.

Das könnte Sie auch interessieren