So ändern sich die Zeiten: Anno 2000 spielten die drei Briten von Muse noch im Vorprogramm (von Limp Bizkit), sechzehn Jahre später sind sie zum Festival-Headliner aufgestiegen. Und im Gegensatz zu ihrem – eher suboptimalen – Auftritt damals ist die Band spürbar reifer geworden, präsentiert sie sich nicht mehr als eine Art Radiohead-Klon, sondern hat ihren ganz eigenen, unverwechselbaren Stil gefunden.

Harsche, unerhört harte Gitarrenattacken gehören hierzu ebenso wie knallige Bassläufe und allerlei elektronisch fabrizierte Sounds – und über dieser beeindruckenden Lärmkulisse singt Frontmann Matthew Bellamy über Alltagsparanoia, beängstigende gesellschaftliche Trends und eine Zukunft, die mehr mit den düsteren Utopien eines Aldous Huxley oder George Orwell zu tun hat, als es einem durchschnittlichen Zeitgenossen des Jahres 2016 lieb sein kann.

Und diese Mischung kam bei den 15 000, die sich im Bodenseestadion versammelt hatten, ungemein gut an. Und das trotz extrem widriger Witterungsbedingungen. Selbst als es zeitweise wie aus Kübeln schüttete, tat dies der Stimmung keinen Abbruch, und Tausende tanzten zu Songs wie „Psycho“, „Plug in Baby“ und „Supermassive Black Hole“. Eine spektakuläre Videoshow untermalte das akustische Trommelfeuer, das die drei Musiker produzierten, mit abstrakten Bildern und Grafiken perfekt der jeweiligen textlichen Aussage des betreffenden Songs angepasst.

Einer der – vielen – Höhepunkte des Konzerts: eine phänomenale Fassung von „Knights of Cydonia“ mit dem berühmten Mundharmonika-Intro aus Ennio Morricones Soundtrack-Hit zu dem Film „Spiel mir das Lied vom Tod“. Beim Song „The Globalist“ explodierte die Bühne förmlich in einem Inferno aus Kunsteisnebel und Feuerwerk: Kein Zweifel, Muse live ist ganz großes Kino, und so wird es künftig wohl noch viele Verpflichtungen, als Festival-Headliner zu fungieren, geben.

Die – gleichfalls britischen – Libertines hingegen, die direkt vor Muse spielten, rissen nur wenige beinharte Fans im Publikum vom Hocker. Gut, so clean wie momentan ist Promi-Junkie Pete Doherty wohl schon lange nicht mehr gewesen – die Zusammenarbeit mit seinem alten Kumpel Carl Barât tut ihm, rein gesundheitlich gesehen, offenbar ziemlich gut. Musikalisch jedoch waren Dohertys Babyshambles – die er während des Libertines-Splits (2004-2010) gründete, die bessere Band, zumindest auf der Bühne.

Viele Libertines-Songs („Fame and Fortune“ etwa oder „Gunga Din“) weisen einfach zu viele Rhythmus- und Melodiebrüche auf, um live voll und ganz zu überzeugen, trotz all des phonstarken Gitarrenlärms, den Doherty und Barât veranstalten. Dass es auch bei diesem Gig phasenweise regnete, als sei Petrus ein eingefleischter Rockmusik-Hasser, kann als Entschuldigung nicht dienen – siehe Muse.

Zum einsamen Höhepunkt des Auftritts avancierte unvermutet eine der (seltenen) Balladen im Repertoire der vier Briten: „You‘re my Waterloo“, eingeleitet von Carl Barât an einem offenbar absichtlich nicht korrekt gestimmten Klavier. Doherty, ohnehin der bessere Sänger der beiden Frontleute, demonstrierte hier wieder einmal, dass gerade derart emotionsgeladene Stücke ihm ganz besonders liegen. Nicht umsonst gibt er ja auch regelmäßig Solo-Konzerte und gibt dort überwiegend zarte, elisabethanisch anmutende Lautenkompositionen zum Besten.

Die undankbare Aufgabe, die Stimmung im Stadion vor den beiden Haupt-Acts anzuheizen, hatten Greg Graffin und seine neu formierten Bad Religion, Punk-Veteranen aus dem sonnigen Los Angeles. Ihr Auftritt war zwar vom musikalischen Gesichtspunkt her tadellos, riss aber – leider, leider – das Publikum kaum mit. Bewährte Kracher wie „21st Century Digital Boy“, „Los Angeles is burning“ und der programmatische „Punk Rock Song“ kamen zwar durchaus macht- und druckvoll über die Rampe, aber die Energie verpuffte bereits wenige Meter vor der Bühne – warum eigentlich? Vielleicht deshalb, weil Graffin statur- und outfitmäßig seit jeher wie ein Versicherungsvertreter im Camping-Urlaub aussieht und nicht wie ein gestandener Alt-Punker?

 

Rock am See in Schlaglichtern

  • We Were Promised Jetpacks: Eigentlich sehen die vier Schulfreunde immer noch ein wenig aus wie eine Schülerband. Ihr Sound hat die Jugendhäuser der schottischen Heimat aber längst hinter sich gelassen. Mit stoischem Blick brettert das Quartett eine brachiale Mischung aus Indie, Post-Punk und Postrock mit massiven Wiedererkennungswert in das noch spärlich gefüllte Rock Am See-Rund. Speziell die teils brettharten Instrumental-Teppiche entfalten sich breitbeinig und schonungslos und zeichnen eine beeindruckende Skizze des schier grenzenlosen Potentials der Schotten. Leider verfliegt der raue, aber eindrucksvolle Openergig wie im Fluge, schürt aber die Hoffnung, dass wir We Were Promised Jetpacks schon bald in prominenteren Positionen erleben dürfen. Ohren auf!
  • Mad Caddies: Ska-Mucke und Festivals gehören seit jeher zusammen wie Tomaten und Mozzarella. Im Idealfall markiert dann noch strahlender Sonnenschein den entscheidenden Schuss Balsamico-Essig. Damit kann Rock am See beim Konzert der Mad Caddies leider nicht dienen. Trotzdem heizt die 1995 gegründete Ska-Punk-Kombo ordentlich ein und sorgt für erste ausgelassene Tanzbeinschwünge. Bei genauerem Hinhören spielen die Ska-Veteranen aber ein recht gediegenes und entspanntes Set, das vor allem in Sachen Abwechslung punktet. Ein bisschen politisch, ein wenig auf-die-Fresse, wie selbstverständlich tanzbar. Die Zwei-Mann-Bläserkombo schiebt das ansonsten recht konservative Setting immer wieder an und bläst kunterbunte Ausrufezeichen ins durchdringende Konstanzer Wolkengrau.
  • Twin Atlantic waren kurz vor knapp für ihre leider erkrankten Landsmänner von Frightened Rabbit in die Bresche gesprungen. Ein mehr als würdiger Ersatz, wie sich dann herausstellen sollte. Füllen die Schotten in der britischen Heimat doch längst die richtig dicken Hallen. In Konstanz zeigen sie wieso: Ihre energiegeladene, extrem eingängige Neuinterpretation von Stadionrock passt zu Rock am See wie eine sauber geschwungene Faust aufs bald schon geschwollene Auge. Anleihen in Richtung Foo Fighters und Biffy Clyro materialisieren sich stetig, zerfallen aber ruckzuck in wirklich markanten Indie-Baukästen. Mit „Heart&Soul“ und „No Sleep“ besitzen Twin Atlantic definitiv Hits mit waschechten Mitgröhlpotential, die ihren Teil zu einem soliden bis wirklich gelungenen Konzert beitragen.
  • Enter Shikari sind eine, naja, sagen wir gewöhnungsbedürftige Band. Die britische Post-Hardcore-Band stößt ihre Hörer nicht selten mit einem total überdrehten, elektronischen Brett vor die Köpfe. Live aber zündet die Truppe ein Feuerwerk, das seines Gleichen sucht. „Transcore“ nennt die Band diesen brutalen Hybriden, der sich den meisten Konventionen entzieht und durchaus an der in gebrochenen Deutsch dargebotenen Ansage „Wir sind Enter Shikari vom Planeten Erde!“ zweifeln lässt. Das Konzert entwickelt Höchstspannung, zitiert gleichermaßen The Prodigy und Refused und trippelt gekonnt auf dem schmalen Grat der Schmerzgrenzen. Unglaublich, wenn aus all den Gewitterstürmen plötzlich ein wenig warme Melodie durchscheint – und dann erbarmungslos in Stücke gerissen wird. (hep)