Herr El Bachiri, Sie sind ein gläubiger Mensch. Und egal, ob Muslim, Christ oder Jude – zweifelt man in einem solch schrecklichen Moment, wie Sie ihn erlebt haben, nicht manchmal an Gott?

Jeder Mensch muss zweifeln. Es ist normal, Fragen zu stellen und zu zweifeln. Das ermöglicht uns, nach der Wahrheit zu suchen und Gott zu finden.

Haben Sie sich auch gefragt: Warum musste mir das passieren?

Natürlich habe ich mir diese Frage gestellt. Manche Leute haben zu mir gesagt, ich sei dazu berufen, ein Vorbild zu sein für die Botschaft der Liebe und des Humanismus. Aber ich möchte mich nicht zum Propheten erheben. Ich möchte nur Verbindungen stiften, über alle Religionen und Dogmen hinweg. Ich glaube an einen universellen und spirituellen Humanismus.

Sie haben deswegen das Buch „Mein Dschihad der Liebe“ geschrieben. Sie wollen dem Hass der islamistischen Terroristen mit Liebe begegnen. Können Sie die Attentäter Ihrer Frau lieben?

Viele Leute fragen mich, ob ich nicht wütend bin. Aber die Liebe ist meine Wut. Die Botschaft der bedingungslosen und universellen Liebe für alle Menschen, ob gläubig oder ungläubig, ist für die Fanatiker ziemlich gewaltsam. Ich denke, meine Aufgabe ist es, den Menschen zu sagen, dass der Weg zur Liebe und zur Umkehr möglich ist.

Ist es arrogant, wenn ich sage, diese Botschaft klingt ziemlich christlich?

Sie ist sogar göttlich! (lacht) Gott ist Liebe und Barmherzigkeit. Das findet man auch im Islam. Auch die Muslime suchen nach Frieden. Aber die derzeitigen Spannungen in Europa hindern sie daran, diese Liebe zu äußern. Es existiert eine Stimmung der Angst und die führt dazu, dass sich die Muslime zurückziehen und manche von ihnen sich radikalisieren. Sie bauen Fronten auf zwischen „ihr“ und „wir“. Und die möchte ich durchbrechen. Für mich ist Religion ein spiritueller Ort, unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Alle großen Männer, ob im Christentum oder im Islam, waren zunächst Mystiker. Mohammed etwa zog sich in eine Höhle zurück, um zu meditieren. Auch Christus ging in die Wüste. Es ist wichtig für den Menschen, in sich zu kehren, um nach Liebe und Frieden zu suchen.

Gehören Sie mit Ihrer sehr toleranten Haltung innerhalb des Islam zur Mehrheit oder zur Minderheit?

Ich denke zur Mehrheit. Der Mensch möchte ja in erster Linie geliebt werden, eine Arbeit haben und mit den anderen Menschen in Harmonie und Frieden leben. Aber klar, wenn sie in einer Sitation leben, in der sie sich nicht akzeptiert fühlen, besteht die Gefahr, dass sie sich zurückziehen und sich abzuschotten.

Sie schreiben, dass man die kriegerischen Passagen im Koran aus ihrer Entstehungsgeschichte heraus betrachten muss und ihnen keinesfalls universelle Gültigkeit zuerkennen darf. Wie viele Imame gibt es, die so etwas predigen?

Das ist eine Frage der Schulung. Wenn der Imam in Saudi-Arabien ausgebildet wurde – was in Belgien leider üblich ist – , wird er eine sehr buchstäbliche Auslegung des Koran vertreten. Das heißt nicht, dass er unbedingt für Krieg ist, aber er wird den Koran so lesen. Das bleibt ein Problem, weil diese Lesart zu Gewalt führen kann.

Aus Ihrem Buch habe ich gelernt, dass das arabische Wort „Dschihad“ gar nicht Glaubenskrieg bedeutet, sondern einfach nur Anstrengung, ein gutes Leben zu führen.

Ja, es gibt auch Kinder, die so heißen. Inzwischen allerdings nicht mehr so viele, weil die Konnotation eine andere geworden ist.

Nach Terroranschlägen wie in Brüssel dachte ich oft: Ihr Muslime, geht doch auf die Straße und zeigt, dass ihr nicht akzeptiert, was die Islamisten machen. Doch das ist nicht passiert. Können Sie verstehen, dass dadurch der Eindruck entstanden ist, dass auch ganz normale Muslime den Islamismus mittragen?

Ich als jemand, der von dem Anschlag in Brüssel betroffen war, habe, wie auch alle anderen Bürger, einfach nicht verstanden, dass man Unschuldigen im Namen Gottes so etwas antut. Das war schrecklich. Wir sprechen untereinander darüber, aber der Gedanke, uns zu einer Demonstration zusammentun, wäre uns absurd vorgekommen. Diese Menschen sind nicht wir. Das wäre, als müssten wir uns dafür rechtfertigen, muslimisch zu sein. Schon unsere ganze Jugend über mussten wir Kinder marokkanischer Einwanderer beweisen, dass wir unschuldig sind – nur weil wir Marokkaner sind. Ich kam in keine Diskothek rein, wurde ständig von der Polizei kontrolliert. Da muss man schon einiges an Frustration ertragen. Und nun sollten wir uns noch einmal rechtfertigen für das, was wir sind, nur weil es Kriminelle gibt, die im Namen Gottes morden? Wir fühlen uns als Bürger Brüssels. Wenn es also eine Demonstration geben soll – dann mit allen!

In Ihrem Buch schreiben Sie über Ihren Vater, er habe schauen müssen, wie er „unsere Religion mit den Werten des Landes verband“. Worin lagen die Schwierigkeiten, beides miteinander zu verbinden?

Ein praktizierender Muslim isst kein Schwein, trinkt keinen Alkohol und betet zu Hause und in der Moschee. Eigentlich ist das nicht schwierig – wir haben es uns schwerer gemacht als nötig, weil wir es gebraucht haben, uns auf unsere Wurzeln zu besinnen. Die Menschen in Europa sind allerdings die größeren Traditionalisten. Sie haben ständig Angst, etwas zu verlieren. Wir Muslime in Belgien verbinden zwei Kulturen miteinander. An Weihnachten zum Beispiel habe ich einen Tannenbaum. Auch in Marokko stehen an Weihnachten in den Kaufhäusern Weihnachtsbäume. Das ist dort kein Thema. Niemand hat Angst, die eigene Kultur könnte dadurch gefährdet sein.

Viele Menschen sehen den Islam als rückständige Religion – etwa weil Frauen nicht die gleichen Rechte haben wie Männer. Können Sie das nachvollziehen?

Ich kann es verstehen, aber man muss das auch relativieren. Die lateinische Kultur ist auch eine ziemliche Macho-Kultur. Auch hier gibt es noch sehr viel zu tun – nehmen wir nur die Unterschiede bei den Gehältern. Auch bei den Muslimen ist noch viel zu tun. Im Zentrum der Diskussion steht ja der Schleier. Die Fokussierung darauf finde ich zwar etwas schräg, ich bin aber dafür, dass die Frauen selbst entscheiden sollen, ob sie Kopftuch tragen wollen oder nicht. Der Prophet war übrigens gemessen an den damaligen Verhältnissen ein Feminist. Neugeborene Mädchen wurden ermordet, sie waren einfach nichts wert. Und in dieser Situation, in der die Frauen keinerlei Rechte hatten, hat der Prophet den Männern aufgetragen, Verantwortung für sie zu übernehmen. Ihnen stand nun auch ein Teil des Erbes zu. Das war damals eine Revolution. Es gibt noch viel zu tun, aber ich glaube, wir gehen in dieselbe Richtung.

Herman Van Rompuy (l), ehemaliger Premierminister von Belgien und ehemaliger EU-Ratspräsident, verleiht den Konstanzer Konzilspreis an Mohamed El Bachiri.
Herman Van Rompuy (l), ehemaliger Premierminister von Belgien und ehemaliger EU-Ratspräsident, verleiht den Konstanzer Konzilspreis an Mohamed El Bachiri. | Bild: Felix Kästle/dpa

Zur Person

Mohamed El Bachiri wurde 1980 als Kind marokkanischer Einwanderer in Belgien geboren. Er wuchs im Brüsseler Stadtteil Molenbeek auf. Bei den Anschlägen dort in der Metro im März 2016 verlor er seine Frau Loubna, mit der er drei Kinder hat. El Bachiri schrieb daraufhin das Buch „Mein Dschihad der Liebe“ (Fischer-Verlag). Jetzt wurde er für seinen Einsatz für ein tolerantes Miteinander in Europa mit dem Konstanzer Konzilspreis ausgezeichnet. Der Preis ist mit 10 000 Euro dotiert. Vorgeschlagen wurde El Bachiri von dem belgischen Politiker Herman Van Rompuy, ehemaliger EU-Ratspräsident. Gerade ist auch das zweite Buch von El Bachiri erschienen, zunächst nur auf Flämisch (“De Odyssee van Mohamed“). (esd)