Bei seinem Klavierabend im Rahmen des Bodenseefestivals mit seinem Motto „Russland – Vorwärts zu neuen Ufern“ interpretierte der eine Artist in Residence, der Pianist Dmitry Masleev, auch zwei Stücke des anderen, des Komponisten und DJs Gabriel Prokofiev. Die größte Überraschung: die Klaviersonate von dessen Großvater Sergej Prokofjew wirkte fast moderner als Gabriels Stücke…

Mit Werken von Scarlatti bis Gabriel Prokofiev umfasste Masleevs Programm drei Jahrhunderte Musikgeschichte. Den ersten Teil gestaltete der zierliche 30-Jährige mit facettenreichen Stücken von Peter Tschaikowsky. Zwölf Stücke aus dem späten op. 72 hatte er ausgewählt, Stücke, die Tschaikowskys Liebe zum Ballett und zur großen Romantik spiegeln. Mit seiner hervorragenden Technik vermag Dmitri Masleev am Klavier ganze Tableaus zu entwerfen, mal als temperamentvolle Mazurka oder als vollgriffige Polonaise, als Reverenz vor Chopin oder als innig lyrische Romanze. Bei allem Feuer und Überschwang mancher Stücke ist die Dynamik im gerne überakustischen Spiegelsaal gut dimensioniert, nur selten wird der Klang des Flügels grell.

Aus den rund 550 einsätzigen Sonaten, die der Italiener Domenico Scarlatti am spanischen Hof für seine königliche Schülerin Maria Barbara geschaffen hatte, musizierte Masleev zu Beginn des zweiten Teils vier ebenfalls sehr unterschiedliche Stücke: eher romantisch im Klangbild als an der Klarheit des Cembalos ausgerichtet in den beiden ruhigeren Sonaten, zündete er in den beiden anderen Werken kleine Feuerwerke mit sprühenden Tonrepetitionen und springenden Bässen.

Gabriel Prokofiev, der in England geborene Sohn einer Engländerin und eines russischen Vaters (und eben Enkel von Sergej Prokofjew, die unterschiedliche Schreibweise ergibt sich aus den verschiedenen Umschriften des Kyrillischen) bestreitet als zweiter Artist in Residence des Bodenseefestivals verschiedene Begegnungen von klassischer und neuer Musik. Einer seiner Ansätze ist es, als DJ klassische Musik in Clubs und Discos zu bringen, umgekehrt, seine Kompositionen in klassische Programme zu integrieren.

Dmitry Masleev spielte zwei Stücke aus dem Piano Book No. 1 und ließ die zweite Sonate von Sergej Prokofjew so direkt folgen, dass die Grenzen fast fließend waren. Während Gabriel eher mit den Klangfarben weit auseinanderliegender Klavierregionen, expressiven Klangmischungen und Clustern arbeitet, die der Pianist duftig artikuliert, so bricht in Sergej Prokofjews vor gut 100 Jahren entstandener zweite Sonate ein Vulkan wilder Energie aus. Einmal mehr kann Masleev hier seine packende Virtuosität, die souveräne Technik und musikantische Spielfreude zeigen. Die Gegenwelt dazu entsteht im langsamen Satz mit intensivem Oberstimmengesang, dessen Melodie eingebettet ist in dichte, chromatische Harmonien. Zum Abschied bedankte sich der Pianist mit einer weiteren Miniatur von Scarlatti und einem mitreißenden Stück von Schostakowitsch.