„Auch der Kopf gehört zum Lesen“: Nein, vor theoretischen Anstrengungen scheute sich Hermann Kinder in seinen Büchern nie. Er hat immer wieder nach der Balance zwischen Aufklärung und Sinnlichkeit gefragt, dabei die Vernunft befördert und verteidigt, aber nie ihre Opfer vergessen. Bisweilen trug seine virtuose Textarbeit dazu bei, dass selbst hartgesottene Leser an ihrer Lektüre scheiterten. Verkopfte Romane wie „Der helle Wahn“ (1981) oder „Ins Auge“ (1987) trugen kurzfristig zu Kinders Image eines „akademischen Hirnwinds“ bei.

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Tatsächlich führte der 1944 in Thorn (heute Polen) als Sohn eines Theologen Geborene eine Doppelexistenz. Da er von der Schriftstellerei nicht leben konnte, lehrte Kinder, der über den poetischen Realismus des 19. Jahrhunderts promoviert hatte, bis zur Pensionierung Literatursoziologie an der Universität Konstanz. Seine Studenten (der Autor dieser Zeilen eingeschlossen) liebten ihn, nicht zuletzt wegen dieses an deutschen Hochschulen seltenen Doppellebens.

Biografische Bezüge seiner Bücher

Hinter den ästhetischen Fragen, die er stellt, stehen ethische – wie soll, wie kann man leben? Dass Kinder, der die „provokatorische Leserirritation“ (Klaus Modick) sukzessive minimierte, bisweilen auch seine Person in die Zange nahm, hatte er mit dem Debüt „Der Schleiftrog“ (1977) angedeutet. Hinter dem Romanhelden Bruno, ein Kind der 68er-Generation, steckt der Autor. Auch in anderen Büchern – wie dem Methusalem-Report „Mein Melaten“ (2006) – lassen sich biografische Bezüge herstellen. Zuletzt lieferte er mit „Der Weg allen Fleisches“ (2014) das Protokoll seiner Krankheiten. Aber er hatte immer auch die Seinen im Visier. Die Erzählung „Um Leben und Tod“ (1997) handelt von der Mutter, das „Porträt eines jungen Mannes aus alter Zeit“ (2016) thematisiert den Freitod seines zweitältesten Bruders.

Bei der Recherche zum „Porträt“ fiel ihm das „Familienalbum“ wieder in die Hände, das sein Vater, Ernst Kinder, ab 1945 verfasst hatte und das die Kriegs- und Nachkriegsjahre umfasst. In der Erzählung über den Bruder zitiert er aus dem Fundstück, das er aus der Kurrentschrift des Vaters transkribierte. Nun liegt die Chronik als eigenständige, mit Vor- und Nachwort versehene Publikation vor. „Die Herzen hoch und hoch den Mut. Das Familienalbum meines lutherischen Vaters 1942-1949“ ist ein Buch, „für das es noch keine Gattungsbezeichnung gibt“, wie der mit Kinder befreundete Schriftsteller Walle Sayer notiert. In jedem Fall spiegelt diese Chronik das Schicksal einer Familie wider, das exemplarisch zu nennen ist.

Mit der Entzifferung des Albums wurde der Sohn in familiäre Schicksale verwickelt, die ihm „sehr deutsch erschienen“. Er wurde mit den Zeitläuften vor dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert, den Brutalitäten des Kriegs, aber auch mit denen „Katastrophen“ an der Heimatfront, der braunen Herrschaft und den Mühen, ein „postfaschistisches Leben“ im Frieden zu führen. Je weiter er mit der Übertragung fortfuhr, umso mehr wurde sein familiäres Selbstbild entwertet. Vor allem das Bild des Vaters, der von 1953 bis zu seinem Tod 1970 in Münster eine Professur für Systematische Theologie innehatte und sich nach dem „Untergang“ für die Ökumene stark gemacht hatte.

Wer war der Vater?

Wer war er? Kinder: „Ein von der fundamentalen, existentialistischen ‚Erweckungsbewegung‘ Bodelschwinghs und Bethels Ergriffener, der zugleich die Nähe zum Nationalsozialismus keineswegs gescheut hatte. Ein Hochfrommer und Staatsgläubiger. Ein tapferer Mann in den Fürchterlichkeiten des Krieges; ein fürsorglicher Kompaniechef, dem offenbar das Erlebnis der Kameradschaft ein entscheidender Faktor zum Durchhalten des Krieges und ein Gewinn von Männersolidarität war – wie bei so vielen. Einer, dem Karriere im Militär und in der Kirche nicht gleichgültig waren. Ein Russen-Feind. Ein Patriarch, der, nach dem sein älterer Bruder gefallen war, sich als Mentor eines verschworenen ‚Geschwisterkreises’ empfand. Einer, der im ‚irdischen Jammertal‘ zu bedenklichen Gutreden neigte. Ein strenger Lutheraner, der sich auf Zeitfragen, moralischen Humanismus nicht einlassen wollte…“.

Die Analyse des Nachgeborenen betrifft Privates und Gesellschaftspolitisches. So war die Ehe der Eltern unglücklich, auch wenn der Vater es im Album anders darstellt. Der Chronist der Familie findet kein kritisches Wort zum Nazi-Regime, vielmehr sympathisiert er mit der Idee der „Volksgemeinschaft“; der Krieg wird zwar als Katastrophe beschrieben, aber als gottgegeben angenommen. Auch wenn von dem protestantischen Theologen Kinder keine antisemitischen Äußerungen zu hören sind, der Holocaust ist kein Thema, er „beschweigt“ ihn, was typisch für die junge Republik war. Die böse Vergangenheit sollte ruhen.

Was sich im Vorwort, bei allem Respekt vor dem Vater, der noch hoch im Alter im Kriegstraum schrie, wie eine Abrechnung ankündigt, wird im Nachwort relativiert. Anstelle einer subjektiven Anklage, wie es Autoren aus Kinders Generation getan haben – etwa Bernward Vesper mit „Die Reise“ (1977) oder Christoph Meckel mit „Suchbild“ (1980) –, geht er, nicht ohne Skrupel, in die Analyse des „Falls“.

Kinder spricht nicht von Schuld

Der Sohn versucht bar jeder posthumen Besserwisserei zu zeigen, was die religiös getönte Chronik erzählt und was sie verschweigt. Er gibt aber zu: Das Menschliche, der Tod relativieren den Streit über Verfehlungen der Eltern.

Kinder spricht nicht von Schuld. Er denkt in alle Richtungen. Er weiß um die Gnade der späten regionalen Geburt, die ihm die Erfahrungen der Altvorderen ersparte. Er fragt aber nach dem Urgrund der devoten Haltung seines Vaters. Und er findet in Luthers „Zwei-Reiche-Lehre“, die Christen dazu verpflichtet, der Obrigkeit Folge zu leisten, eine wichtige Erklärung. Der Glaube, so der Sohn, grundierte im Leben des Vaters alles. Er konnte nicht anders. Dass die Kirche in dem „Heldenbuch“ Ernst Kinders ungeschoren davon kommt, passt daher auch ins Bild. Die Überzeugungen des Vaters, der Mitglied der nazi-kritischen „Bekennenden Kirche“ war, ohne sich allerdings gegen das Regime zu wenden, kann der Sohn nicht teilen. Auch erstaunt ihn dessen Gefühlsarmut. Allenfalls in den beigefügten Gedichten zeigt der Vater Empathie – und eine erstaunliche Ehrlichkeit. Dass seine Frau einen anderen liebte, war ihm nicht entgangen.

Am Ende fragt sich der Sohn – den Goethe‘schen Satz im Kopf, man solle das Ererbte bewahren und nutzen, aber auch Hölderlins Vers, das von den Vätern überlieferte solle kühn vergessen werden – ob man das „zähe Seelenerbe“ der Alten überhaupt ausschlagen könne. Er wird damit leben müssen. Wie wir alle.

Hermann Kinder: „Die Herzen hoch und hoch den Mut“. Das Familienalbummeines lutherischen Vaters 1942-1949“. Klöpfer & Meyer, Tübingen. 170 S., 22 Euro