New York hat in den vergangenen 15 Jahren einen Bauboom sondergleichen erlebt. Wer seit Ende der 90er-Jahre nicht mehr in der Stadt war, wird die Skyline Manhattans kaum wiedererkennen. Ganze Stadtviertel sind neu entstanden, wie etwa der Campus rund um Ground Zero.

Am Südrand des Central Parks ist eine Reihe von schlanken Wolkenkratzern der neuesten Generation aus dem Boden geschossen. Kein Star-Architekt wollte dabei außen vor sein. Zaha Hadid hat in New York ebenso mitgebaut wie Frank Gehry, Renzo Piano war genauso dabei wie Norman Foster und natürlich Daniel Libeskind.

New York liebt seine Klassiker

Doch wenn man New Yorker fragt, welcher Wolkenkratzer ihr Lieblingsturm ist, dann wird man als Antwort nur selten eine der neuen Strukturen erhalten, die sich so sehr bemühen, der Stadt ihren Stempel auf zu drücken. Die New Yorker lieben ihre Klassiker, das Empire State Building, das Woolworth Building, das Flatiron Building und allen voran das Chrysler Building.

Das 90 Jahre alte Gebäude mit seiner extravaganten Stahlkrone, den Wasserspeiern und der verspielten Lobby hat all das, was die modernen Glastürme nicht haben – ganz gleich, wie asymmetrisch und schräg ihre Linien gezogen sind: Charakter, Stil, Individualität.

Seine extravagante Stahlkrone macht das Chrysler Building zum New Yorker Wahrzeichen.
Seine extravagante Stahlkrone macht das Chrysler Building zum New Yorker Wahrzeichen. | Bild: Drew Angerer / AFP

Doch so gerne man in New York das Chrysler bestaunt, so ungern möchte man es offenbar beziehen. Es steht zum dritten Mal seit der Jahrtausendwende zum Verkauf. Der New Yorker Klassiker lässt sich einfach nicht mehr wirtschaftlich als Büroturm betreiben.

Der Abu Dhabi Investment Council, der 2008 immerhin 90 Prozent der Anteile am Chrysler für 800 Millionen Dollar gekauft hat, will in einem abkühlenden Immobilienmarkt offensichtlich seine Verluste minimieren. Trotz Modernisierungen im Wert von 100 Millionen Dollar lässt sich der Büroraum kaum vermieten. Die Erhöhung der Grundstückspacht von 7,75 auf 32,5 Millionen Dollar pro Jahr hat das Unternehmen nicht einfacher gemacht.

Wirtschaftlich war das Gebäude nie

Entsprechend schwierig dürfte es werden, einen Abnehmer für das extravagante Baudenkmal an der 42. Straße, unmittelbar gegenüber des New Yorker Prachtbahnhofs Grand Central, zu finden. „Wie bei so vielen wunderbaren Dingen in New York“, schreibt die „New York Times“, „wird das Überleben des Chrysler am Ende von den Affinitäten reicher Nostalgiker abhängen.“

Die jetzigen Probleme sind für das Chrysler Building nicht neu. Es gab von Anfang an Schwierigkeiten mit der Wirtschaftlichkeit. Dem ursprünglichen Bauherrn, William Reynolds, ging während der Bauarbeiten 1928 die Puste aus – er musste an den Automobilmagnaten Walter Chrysler verkaufen.

Dass der Bau mitten in die Weltwirtschaftskrise hinein geplant wurde, war ebenfalls wenig förderlich. Noch 1935, fünf Jahre nach der Eröffnung, standen 30 Prozent des Wolkenkratzers leer.

Äußere Werte kommen vor inneren

Ein Hindernis für die profitable Nutzung des Art-déco-Klassikers ist, dass den Architekten William Van Alen seinerzeit die Belegung nur in zweiter Linie interessierte. Er wollte sich und seinem Auftraggeber ein Denkmal setzen. Das Äußere war ihm wichtiger als das Innere.

Nach der aufwändigen Gestaltung der Krone, der Fassade, der Lobby und der Aufzüge war für das Innenleben nicht mehr viel Geld übrig. Die Büroräume sind klein und dunkel und passen gar nicht in die Vorstellung vom Arbeiten in hellen Großraumbüros.

Im Rausch der Höhe

So bleibt das Chrysler vornehmlich ein Monument seiner Zeit. In den ekstatischen 1920er-Jahren entstand das Manhattan, wie wir es heute kennen. Man baute sich mit Hilfe der neuen Technologien und des reichlich vorhandenen Geldes vor dem Börsenkrach von 1929 in einen Rausch der Höhe. Die Entstehung des Chrysler ist Teil eines Wettlaufs um den Titel des höchsten Gebäudes der Welt.

Zeitgleich wurde in der Wall Street Nummer 40 gebaut. Das ebenfalls geplante Empire State Building, das schließlich das Rennen gewann, wurde elf Monate nach dem Chrysler eröffnet. In einem sensationellen Coup setzte Van Alen innerhalb von nur 90 Minuten dem Chrysler die ikonische Krone auf, um die Konkurrenz durch dieses Manöver auszustechen.

Häuser als Werbung für die Bauherren

Der Städtehistoriker Rem Koolhaas beschreibt die Wolkenkratzer jener Zeit als Denkmäler ihrer eigenen Dynamik und technischen Möglichkeiten. Dabei habe eine notwendige Ablösung des Inneren vom Äußeren stattgefunden: Die Wolkenkratzer jener Ära seien vor allem Werbung für ihre Bauherrn gewesen.

Das lässt sich am Chrysler besonders deutlich ablesen. Die Krone aus Stahl symbolisiert den Triumph des Automobils, die Figuren und Ornamente stehen für Geschwindigkeit und Fortschritt. Das Chrysler ist ein Symbol für die Möglichkeiten der Epoche.

Das Chrysler Building wird auferstehen

Diese Ära des grenzenlosen Optimismus ging mit der Wirtschaftskrise und dem Zweiten Weltkrieg zu Ende. Danach hielt ein anderer Stil in New York Einzug, der mit seinem strengen Funktionalismus das Außen wieder mit dem Innen versöhnte. Die Wolkenkratzer der klassischen Epoche wurden hingegen zunehmend zu Dinosauriern.

Die Chancen, dass sich ein betuchter Nostalgiker für das Chrysler findet, stehen gar nicht mal so schlecht. Andere Wolkenkratzer-Klassiker der goldenen Ära sind bereits von Hotelketten gekauft worden. So oder so wird das Chrysler aber gewiss wieder auferstehen. Nur seine Tage als nach außen strahlende Heimat schummeriger Büros aus der „Mad Men“-Epoche sind gezählt.