So ein Winter kann sehr grau sein rund um den Bodensee und noch ein Stück landeinwärts. Da kann es passieren, dass den Menschen über das Grau in Grau etwas die Lebenslust abhandenkommt. Jeden Tag ein bisschen mehr. Da heißt es gegensteuern. Auf die Sonne ist zu dieser Jahreszeit kein Verlass, deshalb muss es die Abendstunde richten. Und sie tut es. Genau ab 20.30 Uhr. Ort der seelischen Auffrischung ist die „Färbe“ in Singen, die mediale Sonneneinstrahlung liefert Radio DFR1 – „Die Färbe- Radio-Show“ auf UKW 99,999. Das tut gut.

Während die „Färbe“ zuletzt mit ihrer Friedrich-Hollaender-Revue die Vor- und Nachkriegszeit zum Klingen brachte, beginnt es diesmal ungefähr in den 50er-Jahren. Zeitlich also ein Anschluss, musikalisch weniger. Während die eleganten Chansons und Schlager des Multitalents Hollaender die „Basilika“ durchwehten, geht es nun so richtig rund. Die Menschen haben den Krieg hinter sich gelassen und lassen es krachen. Das hört man diesen mitreißenden, hoffungsvoll in die Zukunft weisenden Oldies an, die einen Mix darstellen aus mehreren Jahrzehnten Superhits. Zumal das „Färbe“-Ensemble auch noch kräftig nachhilft. Die wollen, dass es heult und fetzt in der Theater-Kneipe. Und das tut es.

Auch dieses Mal ist es Patrick Hellenbrand, der die Sache als Regisseur zu verantworten hat. Als „Leo Pard“ im entsprechenden Jackett samt passender Krawatte ist er aber auch der leicht anzüglich daher schwadronierende Radiomoderator, der genauso einsame Herzen zu behandeln weiß wie seine Gitarre. Das Hitradio bietet etliches auf, zu dem einst getanzt, geknutscht und geschmachtet wurde. Es war die Zeit, als englische Hits ins Deutsche übersetzt wurden. Petula Clarks „Downtown“ zum Beispiel. Bernadette Hug nimmt ihm in der „Färbe“ etwas den Schmalz und präsentiert immer noch ein wunderschönes Lied.

Hellenbrands Revue zeigt keine Angst vor dieser Zeit, die in besagten 50er-Jahren beginnt und lange als Un-Zeit galt: spießig, verklemmt, miefig mit ihrer steifen Lustigkeit. Jetzt ist sie wieder da. Vielleicht weil erkannt wurde, dass sie nicht nur graue Büromänner und dauergewellte Hausfrauen hervorgebracht hat, sondern dass es im Untergrund gewaltig brodelte. So hatte man wohl ein offensichtlicheres Verhältnis zum Alkohol als heutzutage, wenn auch nicht ganz frei von Zwiespältigkeit. Robert Gernhardts trunken-geniales Nichttrinkerlied passt dazu. Gemeinsam am Kneipentresen hängend bringen es Bernadette Hug und Michelle Brubach dar. Unübertrefflich fängt es die innere menschliche Zerrissenheit ein, die da besteht aus der Pflicht zur Nüchternheit und der Neigung zur Trunkenheit.

Mit Sinn für Ironie transportiert das „Färbe“-Ensemble – an diesem Abend sind es außerdem noch Helmut Jakobi und Ben Ossen – Lieder und Texte in die Gegenwart. Zweifellos hat der Country Song „Stand by your man“ von Tammy Wynette einen klasse Groove, dem sich kaum jemand entziehen kann. Beim Text dürfte das Verhältnis hingegen ungefähr halbe-halbe sein. Während die weibliche Hälfte genervt mit den Augen rollt, ist das beim männlichen Teil ganz anders. So schwelgen Ben Ossen und Co. ganz verträumt im Chor dazu. Ja, bleib bei deinem einsamen Wolf, schnulzt es, egal, was er so treibt. Tempi passati.

Loriot darf nicht fehlen in solch einer Revue. Bernadette Hug scheitert bravourös als Fernsehansagerin, die den Inhalt der Serie mit den beiden Cousinen Priscilla und Gwyneth Molesworth auf dem Landsitz North Cothelstone Hall von Lord und Lady Hesketh-Fortescue zusammenfassen soll. Patrick Hellenbrand überzeugt als Hollywood-Monster im Interview mit Anne Harten, die bei ihrem Einstand in der „Färbe“ den Eindruck hinterlässt, als sei sie schon immer mit dabei gewesen. Mit „Barbara Ann“ von den Beach Boys, landeten alle zusammen zum Schluss den Publikumshit bei der Premiere.

Ein Abend somit in der „Färbe“, der weniger mit Überraschungen und Entdeckungen aufwartet als mit Bekanntem und allseits sehr Beliebtem. Und der Spaß machen will, mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Es gab bei der Premiere drei Zugaben, nach dem Applaus des Publikums zu urteilen, hätten es deutlich mehr sein dürfen.

Weitere Vorstellungen ab 12. Februar jeweils mittwochs bis samstags. Karten unter: 07731-64646 oder -62663. Weitere Infos im Netz:

www.diefaerbe.de