Generation Golf, Generation Praktikum, Generation Internet, 68er-Generation, Generation X, Y und Z – immer her mit den Eigenschaften, es gibt für jeden eine Schublade. Sie haben Zweifel an der Leistungsgesellschaft? Bitte bei Y anstellen. Ende dem Krieg, es lebe die Liebe? In der Kommune der 68er wäre noch ein Plätzchen frei. Für jede Altersgruppe, jede politische Einstellung, ja jedes Konsumverhalten gibt es eine Etikettierung. Alle paar Wochen wird so eine neue Generation geboren. Da fällt es schwer, den Überblick zu behalten. Und es drängt sich die Frage auf: Was genau ist eine Generation?

Ein Blick in die Vergangenheit. "In meiner Generation war das noch anders" ist ein Satz, den wohl jeder Großvater schon kundgetan hat. Eine Phrase so alt wie die Menschheit selbst. Die Ansicht, dass nachkommende Generationen zur Verrohung der Sitten neigen, teilten schon die großen Denker der Antike. "Die Jugend liebt heute den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt mehr vor Älteren", beobachtete der griechische Philosoph Sokrates vor etwa 2500 Jahren. Sein Schüler Aristoteles äußerte ebenfalls Zweifel an der Tauglichkeit der jungen Menschen: „Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.“

Selbst die großen Denker also scheren die Jugend ungefiltert über einen Kamm. Die individuellen Eigenschaften lassen sie außer Acht. Sie definieren Generation als eine Gruppe von Menschen, die etwa zur selben Zeit geboren wurde. Sie verbindet nur ihr Alter. Das ist nicht falsch, aber sehr vereinfacht. Eine Generation umfasst hier eine Zeitspanne von etwa 30 Jahren.

Ein langer Zeitraum, wenn man bedenkt, was in 30 Jahren alles passiert. Die Generation der Baby-Boomer ist in den Jahren zwischen 1955 und 1969 geboren. Ein Generationsmitglied aus dem ersten Jahr war 14 Jahre alt, als der letzte Baby-Boomer auf die Welt kam. Was teilen ein Säugling und ein Teenager, wie können sie zu einer Generation zählen? "Generation ist von der Definition her ein Begriff, der versucht eine Zusammengehörigkeit herzustellen", erklärt Gesa Ingendahl, Kulturwissenschaftlerin an der Uni Tübingen. Das Alter sei da nur eine Komponente.

Viel wichtiger für die Herstellung einer Generation ist aber die Welt, in der ihre Mitglieder groß werden. Die Baby-Boomer in Deutschland wachsen in einem Land auf, in denen die Schrecken des Zweiten Weltkriegs noch sichtbar sind, auch wenn sie wenig diskutiert werden. Bei ihren Eltern, die sie erzogen und den Krieg miterlebt haben, dürfte er dennoch seine Spuren hinterlassen haben. Das Land ist geteilt, in der jungen BRD bricht sich das Wirtschaftswunder Bahn. "Diese gemeinsamen Erfahrungen werden im Alltagsbewusstsein als sehr prägend wahrgenommen. So prägend, dass daraus eine Gemeinsamkeit entsteht, eine gemeinsame Wahrnehmungs- und Lebensweise", sagt Ingendahl. Die Geburt einer Generation.

Ältere Menschen identifizieren sich laut Ingendahl sehr viel stärker mit "ihrer" Generation, als es die Jüngeren tun. Früher war sicherlich nicht alles besser, aber Veränderungen vollzogen sich langsamer als heute. Die Liste der Generationsbezeichnungen untermauert das auf eindrucksvolle Weise. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es die "verlorene Generation", aufgewachsen zwischen den beiden Weltkriegen, zwischen Kaiserreich, Weimarer Republik und Diktatur. Auf sie folgt die Nachkriegsgeneration, die in den 1968er Jahren gegen die alte Welt rebelliert – und dabei die Generation Golf zeugt. Deren Vorgänger waren, unauffälliger in der Nachbetrachtung, dafür zahlenmäßig sehr präsent, die Baby-Boomer.

Mit der Jahrtausendwende kam die Inflation des Generationenbegriffs. Startschuss dieser Etikettierungswut waren die "Millenials" – die Jahrgänge, die in den zwei Jahrzehnten vor dem Jahr 2000 geboren wurden und in der Wissenschaft auch als "Generation Y" bezeichnet werden. Spricht man das Y englisch aus, klingt es wie "why", die Generation "warum". Sie sind auch die "Generation Internet", die Generation "Praktikum". Was ist aus den 30 Jahren geworden? Wo ist das identitätsstiftende Moment dieser Generation?

"Generationen sind inzwischen viel kurzlebiger", erklärt Ingendahl. Heute sei die Identifikation mit ihnen und somit ihr Einfluss auf die Selbstwahrnehmung geringer, weil das Angebot viel größer sei. "Das verändert auch seine Wertigkeit", so die Wissenschaftlerin. Während man früher nur einer Generation angehörte, kann man heute Mitglied einer endlosen Zahl sein. Ein bisschen Generation Internet, weil man damit aufgewachsen ist, ein wenig Generation Z, weil man beruflichen Erfolg nicht mehr über die Selbstverwirklichung stellt und ein Hauch Schneeflocke, weil die eigene Verletzlichkeit nicht mehr als Makel betrachtet, sondern als Stärke nach außen getragen wird.

Losgetreten wurde diese Bezeichnungswelle durch eine zunehmend entgrenzte Welt. Während früher weltgeschichtliche Ereignisse und die daraus resultierenden gemeinsamen Erfahrungen die Identität einer Generation formten, sorgt diese Welt heute für eine schier endlose Liste an Etikettierungen. "In so einer Welt entwickeln die Menschen die verschiedensten Mechanismen, um sich zurechtzufinden. Da ist der Begriff der Generation einer dieser Mechanismen", erklärt Ingendahl. Er hilft dabei, in einer globalisierten Welt mit unbegrenzten Möglichkeiten einen Platz zu finden. Daher wird er besonders gerne in den Lebensbereichen Arbeit, Erziehung und Bildung sowie Lebensstil verwendet. Jeder dieser Bereiche hat übrigens auch seine Vorlieben bei der Benennung einer Generation. Der Arbeitsmarkt hält es mit Buchstaben eher simpel: X, Y und Z sollen einteilen, mit welchen Fähigkeiten und Ansprüchen sich die Arbeitnehmer auf dem Markt positionieren.

Dieses menschliche Bedürfnis nach Überblick hat sich aber auch die Werbung zunutze gemacht. "Marketingabteilungen sind für Lebensstil und Konsum zuständig und brauchen Zielgruppen", erklärt Ingendahl. Schwupps wird eine Generation kreiert. Wer dazu gehören will, braucht dieses und jenes Produkt, muss das der Generation entsprechende Bild von sich selbst erschaffen. Das beginnt beim Markenturnschuh und endet beim Foto der Rohkost-Torte auf Instagram. Name? Generation Selbstoptimierung.

Und bei der Bildung und Erziehung? Da werden von Außenstehenden kritisch beäugte Verhaltensweisen genutzt. Die Generation "Smartphone" zum Beispiel – ständig online und unfähig, sich mal so richtig zu konzentrieren. "Bei dieser Verwendung schwingen auch immer Appelle mit", sagt Ingendahl. So geht's nicht – diese Jugend!

Was ist also eine Generation? Ein Ordnungsbegriff, ein Lebensgefühl oder doch nur eine clevere Marketingstrategie? Fest steht, dass der Begriff Hochkonjunktur hat. Gesellschaftliche Phänomene werden so in ein Korsett gezwängt, um sie verständlicher zu machen. Besonders jungen Menschen wird damit ein Etikett verpasst. Ob ihnen das bei der Sinnsuche hilft? Zumindest haben sie eine Menge Schubladen, in denen sie es sich bei Bedarf bequem machen können.

Der Begriff

Das Wort Generation kommt vom lateinischen "generatio" und bedeutet Zeugung. Der Begriff ist sowohl in der Biologie, als auch in der Soziologie und Industrie gängig. In der Biologie bezeichnet er die Geschlechterfolge, in der Soziologie beschreibt er Menschen ähnlichen Alters und mit vergleichbarer Lebensauffassung. In der Industrie wird der Begriff für technische Weiterentwicklungen verwendet. (jel)