Er kann einem noch im Nachhinein leid tun, dieser Anton Bruckner. Die Kritik des Dirigenten Hermann Levi an seiner 8. Symphonie warf ihn völlig aus der Bahn und ließ ihn mal wieder an sich selbst zweifeln. Mehrere Jahre brauchte er, bis er das Werk umgearbeitet hatte. Und es war nicht das erste Mal, dass er so verfuhr. Irgendwie entsprachen seine Kompositionen nie so recht den damals gängigen Vorstellungen von symphonischer Musik – so wie Bruckner auch als Mensch immer ein Solitär blieb, einer, der sich in die bürgerliche Gesellschaft nicht recht einfügen konnte oder wollte.

Wohl auch deswegen stieß Bruckners Musik immer wieder auf Ablehnung. Jemand, der nicht dazu gehört, lässt sich viel leichter kritisieren als jemand aus den eigenen Reihen. Die Ablehnung seiner Musik dürfte nicht allein innermusikalische Gründe gehabt haben. Gleichzeitig gab es aber auch einen Kreis an Bruckner-Jüngern, die ihn kultisch verehrten.

Auch wenn Bruckners Musik inzwischen längt im Konzertleben angekommen ist, sind Reste dieser Polarisierung doch immernoch zu spüren. Die einen stößt seine Monumental-Symphonik ab, die anderen setzen sich ihr gerade wegen dieser Überwältigungs-Erfahrung gerne aus. Man fühlt sich klein vor dieser Musik – ähnlich klein wie in einer gotischen Kathedrale. Und wohl auch deswegen wird Bruckner heute gerne in Kirchen gespielt. So auch im Konstanzer Münster.

Hier kommt Jahr für Jahr die Bruckner-Gemeinde zusammen, um der Aufführung einer seiner Symphonien mit der Südwestdeutschen Symphonie unter der Leitung von Marcus Bosch beizuwohnen. In diesem Jahr war die Achte dran, und inzwischen sind diese Aufführungen eine Art Kult geworden. Wobei Marcus Bosch einer sakralen Überhöhung von Bruckners Symphonik in seiner Interpretation wohltuend entgegensteuert.

Gerade hier in der Achten lässt er spüren, dass Bruckner mehr war als nur ein Überwältigungs-Musiker. Unter seinem Dirigat kommen eben nicht nur die wuchtigen Blechbläsersätze zur Geltung, sondern auch solistische Passagen oder beseelte Streicher. Es sind verschiedene Seiten der Medaille Bruckner und Bosch hält sie wunderbar in Balance.

Als Höhepunkt des Abends darf hier der dritte Satz, das Adagio gelten. Bosch gestaltet ihn wie einen Gesang mit langem Atem, organisch und, ja, zärtlich. Klar, ein bisschen Wagnersche Verklärung schwingt da auch mit, aber hier tritt uns Bruckner als Komponist einer – im guten Sinne – gefühlvollen Kantilene entgegen.

Selbstverständlich kommt in der Achten auch das große Aufgebot an Blech, an Hörnern und Wagnertuben zur Geltung. Und gerade im Münster, wo der Klang aufgrund der Architektur manchmal überraschende Volten schlägt, meint man den Organisten Bruckner umso lebhafter wahrzunehmen. Alles in allem aber spricht Boschs differenzierter und umsichtiger Umgang mit der Achten eher gegen die Kirche als Aufführungsort. In Konstanz freilich kann man sich diese Diskussion aufgrund des fehlenden Konzertraums von vornherein ersparen.