Schreibmaschine Martin Walser. Als wollte er sich einen Traum verwirklichen, den vor ihm schon der bewunderte Namensvetter Robert Walser geträumt hatte: das Verschwinden im Wort. „Sagen wollte ich nur“, schreibt nicht von ungefähr der Blogger Justus Mall, Protagonist im neuen Walser-Buch „Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte“, „dass ich weiterschreiben muss.“ Immer weiter. Immer schneller. Schreiben als Lebensart. Schreiben (hier) als letzte Zuflucht?

Martin Walser gehört, Gott sei Dank, nicht zu den „aufgehörten Schriftstellern“, wie Kurt Tucholsky jene Zunftmitglieder ironisierte, die das Schreibgerät im Alter in der Schublade versenken. Im Januar 2017 erschien der Roman „Statt etwas oder der letzte Rank“, ein „Musikstück aus Worten“, wie der Verlag lobte; im November folgte das Gespräch „Das Leben wortwörtlich“ mit seinem Sohn Jakob Augstein, das nicht bei einem Plauder-Lunch entstand, sondern textlich hart erarbeitet wurde. Außerdem erschien eine Sammlung mit Essays unter dem Titel „Ewig aktuell“, herausgegeben von Thekla Chabbi, Walsers Co-Autorin in „Ein sterbender Mann“ (2016). Und jetzt, zum heutigen 91. Geburtstag, kommt der Roman „Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte“ heraus. Er erscheint am Dienstag.

Es ist ein kleines Werk, knapp über 100 Seiten lang. Die berechtigte Frage, ob das Buch noch oder schon ein Roman ist, beantwortet Walsers Blogger: „Ich wechsle nun das Medium“, schreibt er, verzweifelt über die Erfolglosigkeit seiner bisherigen Annäherungsversuche an die unbekannte Geliebte, zugleich aber voller Hoffnung, zum Ziel (ihrer Bekanntschaft) zu kommen: „Keinen Hilferuf mehr per Blog. Ich übergebe alles dem Papier. Und nenne es dann eben Roman. Das ist es ja auch in seiner Geschriebenheit.“ Basta.

Justus Mall, der sich Philosoph nennt – das dürfe jeder, das bedeute „zum Glück alles und nichts“ –, ist ein Mann mit Vergangenheit. Im ersten Leben war der promovierte Jurist in München als Oberregierungsrat tätig, zuständig für Fragen der Emigration. Aber Dr. Gottlieb Schall, so sein eigentlicher Name, hatte in der Pause einer „Tristan und Isolde“-Aufführung eine junge Schöne angebaggert. Die wusste nichts Besseres zu tun, als den Kontaktversuch zu skandalisieren. Von einem „exemplarischen Grabscher“ war die Rede und von „Altersgeilheit“ – als „ob ein Fünfundfünzigjähriger anders geil sei als ein Fünfundzwanzigjähriger“, verteidigte sich der Betroffene, vergeblich. Schall wurde in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. MeToo im Münchner Opernhaus. Walser auf der Höhe der Zeit.

Dieser „Vorfall“ ist aber nur eine – wenngleich ins Gesamtbild passende – Nebengeschichte. Justus Mall liefert sie der unbekannten Geliebten sozusagen nach. Der Blogger, der zwei eher dünne Bücher verfasst hat und sich damit in Dolf Paul Alt einen heftigen Kritiker erschrieben hat – wer denkt da nicht an die Kontroversen zwischen Walser und Marcel Reich-Ranicki –, will ihr gegenüber Rechenschaft ablegen. Er hat kein festes Einkommen mehr, er ist nicht kreditwürdig, gibt er zu. Aber seine prekäre Lage belastet ihn nicht im Geringsten, zumal er diverse, wenngleich zwielichtige Publikations-Angebote hat, die ihm das Überleben ermöglichen. Mall hat ein anderes Problem: „Es gibt bis jetzt noch keinen Menschen, dem ich alles sagen konnte. Das ist überhaupt der Grund für dieses Blog-Unternehmen. Ich suche restlose Nähe, vollkommene Nähe, rücksichtslose Nähe.“

Die rücksichtlose Nähe soll den Illusionisten, Hoffnungsmenschen, Wartenden, Klienten oder „Ihr Was-Sie- wollen“, wie sich JM am Ende der Blogs verabschiedet, aus seinem Dilemma befreien: Er ist verheiratet. Er hat eine Tochter. Und er hat eine jüngere Freundin, „die der bürgerliche Sprachgebrauch Geliebte nennt“. Tag und Nacht liegt der Philosoph, für das ewig Weibliche überempfänglich, wie der Bekannte Herr Thiel, der gar unter „Lustqualen leidet“, im Streit mit den Umständen, die er selbst verursacht hat. Mall ist beiden Frauen treu. Der Älteren sowieso – er spricht von „bejahrter Innigkeit“ – und sowieso der schönen Biologin Dr. Silke Born. „Wie es mehr als eine Art Liebe gibt, gibt es auch mehr als eine Art Treue“, behauptet er. Aber: Jede will ihn nur lieben, wenn er auf die andere verzichtet. Und da er das nicht entscheiden kann, ziehen sich beide zurück.

Nirgends kann er, der sich in seiner Liebesnot auf die große Katharina, auf Goethe, Schiller und Brecht beruft, die alle in einer ménage à trois, einer Dreiecksbeziehung, lebten, mit Verständnis rechnen. Mall spürt, wie er vergeht. Und genau darum sucht er eine andere, die Dritte, die nicht verlangt, dass er sich von der Einen trennt. Darum die Briefe ins Irgendwo, an „ein Wunschbild, eine Utopie“. Ohne die Hoffnung, „dass es Sie gebe“, möchte er nicht mehr leben. Sein Fazit: „Ich bin der von mir enttäuschte Liebende“, schreibt er. Schreibt Walser.

Die Unmöglichkeit der Liebe ist das Lebensthema dieses großen Erzählers: Von seinen frühen Romanen der Anselm-Kristlein-Trilogie (1960-1973) bis hin zum Spätwerk, das sein Biograf Jörg Magenau mit dem Buch „Der Augenblick der Liebe“ (2004) datiert. Auch in diesem Roman verknallt sich ein älterer Herr in eine junge Frau. Und Magenau beobachtet weiter, dass Walser seither die „erotische Dreifaltigkeit als Utopie“ variiert und nach Erlösung aus dieser konfliktreichen Konstellation sucht.

Nichts Neues also unter der Walser-Sonne? Weit gefehlt. In „Das dreizehnte Kapitel“ (2012) hat er sein Lebensthema in Form eines Briefwechsels durchgespielt. Mit dem vergleichsweise konventionellen Briefroman hat „Gar alles“ wenig gemein. Eher knüpft das Buch, was seine karge Form angeht, an den verwilderten Liebesroman „Ein sterbender Mann“ an und noch mehr an die ungezähmte Promenadenmischung „Statt etwas oder der letzte Rank“. Jetzt spitzt der Romancier Walser das Ganze zu.

In Walsers Spätwerk hat der klassische, also allwissende und souveräne Erzähler ausgedient. Stattdessen reden seine einsamen, liebeskontaminierten Helden ungebrochen und ungefiltert und – wie der Blogger Mall – gänzlich ungeschützt. Das gilt auch für Walser. Seine Romane nehmen einen immer persönlicheren Charakter oder Ton an. Er zieht den vermeintlichen Vorhang der Verschleierung weg. Beim Lesen stellt sich die an sich illegitime Frage: Wie viel Walser steckt in den Protagonisten, zum Beispiel in Justus Mall? Oder ist das nur eine erzählerische List, den Leser diese Überlegung anstellen zu lassen? Das schafft mehr Identifizierung. Aber setzt auch Gerüchte frei.

Und noch eines ist anders in „Gar alles“ – die Sprache. Das hat sich in den Romanen davor angekündigt. Sie ist knapper, direkter und kompromissloser. „Gedankenlyrik in Prosa“, notierte ein Kritiker lobend über den „Rank“. Die neuerliche Seelenbeichte „Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte“ hat das auch und Sätze, die sich nicht beweisen müssen. Walser halt!

Der Autor und sein Buch

Martin Walser (91) wurde in Wasserburg geboren und lebt heute in Überlingen am Bodensee. Mit seiner Frau Käthe hat er vier Töchter. Für sein umfangreiches literarisches Werk, das 1955 mit dem Erzählband „Ein Flugzeug über dem Haus“ begann, erhielt Walser zahlreiche Preise, darunter 1981 den Georg-Büchner-Preis und 1998 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Nach dem Tod von Günter Grass und Siegried Lenz ist Walser einer der letzten großen Vertreter der deutschen Nachkriegsliteratur. Sein neuer Roman heißt „Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte“ und erscheint bei Rowohlt (112 Seiten, 18 Euro).