Er ging selbst an die Öffentlichkeit, Jakob Augstein. Im Herbst 2009 verkündete der rechtliche Sohn des „Spiegel“-Gründers Rudolf Augstein, wer sein leiblicher Vater ist – der Schriftsteller Martin Walser. Die Nachricht bewegte die literarische Welt im Land. Augstein Junior, Verleger der Wochenzeitschrift „Der Freitag“, erfuhr von der Vaterschaft 2002, nach dem Tod von Augstein Senior, durch seine Mutter Maria Carlsson. Die Übersetzerin war die dritte Frau des „Spiegel“-Gründers, der mit Walser befreundet war. Das Wissen über die wahre Vaterschaft hatte Carlsson lange für sich behalten. Später erklärte sie, ihr Sohn habe sich mit der Enthüllung „keinen Gefallen“ getan.

Geschadet hat es ihm aber auch nicht. Vielleicht wollte Jakob Augstein Gerüchten begegnen, die – nicht zuletzt – der Kritiker und langjährige „Spiegel“-Redakteur Helmuth Karasek verbreitete. Vater wie Sohn sind diesem Verdacht nie ernsthaft nachgegangen und auch nicht Karaseks „Universalgeschwätzigkeit“ (Walser) entgegengetreten. Auf diese Weise haben sie sich verpasst, auch wenn Carlsson den Vater ihres Sohnes „auf dem Laufenden“ gehalten hat. Jakob sei, erklärte Walser nach der Enthüllung, in seiner Familie angekommen. Er verstehe sich sehr gut mit seinen Halbgeschwistern Theresia, Alissa, Johanna und Franziska, den Töchtern des Schriftstellers, die er mit seiner Ehe- und Lebensfrau Käthe hat – das Paar ist seit 1950 verheiratet. Auch würde Jakob die Familie gerne und oft besuchen. Walser lebt in Nußdorf, am Überlinger Teil des Bodensees.

Noch vor der öffentlichen Erklärung wussten Vater und Sohn voneinander. Jakob war aber fast 40 Jahre alt, als er zum ersten Mal auf seinen Erzeuger traf. Er hatte den damals fast 80-jährigen Walser um diese Begegnung schriftlich gebeten. Man traf sich in München. „Ich fand, dass du sehr groß bist“, erinnert sich der Sohn. „Und ich fand dich mir ähnlich“, der Vater. Dieses Treffen liegt zwölf Jahre zurück.

Walser hatte sich nie zur „Affäre Carlsson“ geäußert, auch nicht in seinen Tagebüchern, in denen der Entblößungs- und Verbergungskünstler das eine oder andere Verhältnis offenbart. Dass er jetzt gemeinsam mit seinem Sohn an die Öffentlichkeit geht, aus einem langen Gespräch gar ein Buch macht – „Das Leben wortwörtlich“ – ist mehr als nur eine nette Geste, es ist ein nachgetragener Liebesbeweis. Und ja: Ein Ersatz für die Autobiografie, die es von Walser nicht (mehr) geben wird.

Es wird nicht ganz klar, wer die Idee zum Buch hatte, das auf Treffenam Bodensee und in München zurückgeht und in dem die Rollen klar sind: Der Sohn fragt, der Patron antwortet. Wahrscheinlich hat Augstein seinen lange entbehrten Vater zu der Erinnerungsarbeit überredet. Wie anders ist seine Frage zu verstehen: „Warum müssen die Kinder hinter den Eltern aufräumen?“ Darauf Walser, einsichtig wie einsilbig: „Ja, das ist eine Ungerechtigkeit.“

Die Antwort ist vielleicht beispielhaft für dieses Gesprächsbuch. Es gibt keinen offen geführten Kampf zweier Männer, die verschiedenen Generationen und Erfahrungswelten angehören – Walser wuchs im Dritten Reich als Sohn von Wirtsleuten in Wasserburg auf, Augstein in der Wohlstandsrepublik Deutschland. Es geht an keiner Stelle um Meinungshoheit, um Rechthabenwollen, auch wenn es bei dem einen oder anderen Gegenstand Interpretations-Spielräume gibt. Der Sohn, zitatensicher, was das Werk Walsers angeht, vermeidet inquisitorische Fragen. Was erstaunt, wenn man sich den Journalisten Augstein vor Augen führt, der bissig argumentiert und kommentiert. Sie aber wollen hier einander verstehen und – verstehen einander.

Die einzige Furcht, die sie vor einem offeneren Dialog abschreckt: „Jeder Depp kann sich auf uns stürzen.“ (Walser) Daher bewegen sie sich „immer an der Grenze zur Indiskretion“, aber sie überschreiten sie nicht. Über den Abstammungs-Krimi erfährt der Leser nicht mehr, als er sowieso kannte. Wann Walser wusste, dass er Vater eines Sohnes ist? Die Antwort auf die etwas andere Gretchen-Frage: Er habe „für solche Sachen gar kein Gedächtnis“. Und man liest dabei ein Lächeln mit …

Das Buch hat Struktur, zwölf Kapitel, ein 13. ist ein langes Wort von Novalis. Darin heißt es: „Das rechte Gespräch ist ein bloßes Wortspiel.“ Die Feststellung darf für das Schlusskapitel „Was wir verschweigen. Über uns“ reklamiert werden. Dieses Gespräch hat es so, wie es aufgeschrieben wurde, nicht gegeben. „Du hast es dir beinahe ganz ausgedacht“, sagt Walser (wenn er es gesagt hat). Ausgerechnet der privateste Teil dieses Gesprächs – über die erste Begegnung, über das Motiv der Vatersuche – verrutscht ins Fiktionale. Oder ist das Lüge, Selbstschutz?

Walser-Leser stoßen in „Das Leben wortwörtlich“ auf bekanntes Personal und vertraute Szenarien. Die Wasserburger Kindheit, die Walser in seinem Roman „Der springender Brunnen“ (1998) so hinreißend beschreibt, steht an erster Stelle. Da erscheint nochmals der heißgeliebte Vater, ein geschäftsweltfremder Mann, ein Pianist, Sänger und ein Leser, wie Martin (im Roman Johann). Der Vater stirbt früh. Die Mutter ist ein Thema. Eine resolute Frau aus dem oberschwäbischen Kümmertsweiler, die Mitglied der NSDAP wurde, um den Bankrott ihrer Wirtschaft mit Kohlehandel zu verhindern. Die Mutter sei keine Nationalsozialistin gewesen, das Nazi-Sein habe nicht zum Wasserburg-Sein gepasst, erklärt der Vater dem Sohn. Schönt der ewige Wasserburger hier? Auch dann, wenn er Jungvolk und Hitlerjugend mit den Wandergruppen der 1920er-Jahre vergleicht? Oder das „Diktat“ des Versailler Vertrags als Ursache für den Aufstieg der braunen Herren ausmacht? Der Sohn ist nicht immer einverstanden, aber er erspart dem Vater bohrendes Nachfragen.

Im Laufe des Gesprächs werden Walsers Freunde durchgeknetet, aber auch Gespenster wie Marcel Reich-Ranicki. Der Literatur-Kritiker, Jude, dem Walser in „Tod eines Kritikers“ (2002) ein umstrittenes Denkmal gesetzt hat, habe ihn angeblich „aus der Literatur ausweisen (wollen), aus dem einzigen Land, in dem ich leben wollte“. Dass Walser sich nach der Veröffentlichung des Romans dem Vorwurf des Antisemitismus ausgesetzt sah – wie übrigens sein Sohn Jakob 2012 wegen kritischer Israel-Kommentare – ist immer noch eine offene Wunde. Reich-Ranicki sei ihm nicht als Jude, sondern als intellektueller Machthaber begegnet, rechtfertigt sich Walser. Glaubwürdig!

Eine offene Wunde ist nach wie vor die Paulskirchen-Rede (1998), die ihm den Vorwurf eines „geistigen Brandstifters“ (Ignatz Bubis) einbrachte. Walser hatte vor der Instrumentalisierung des Holocaust „zu gegenwärtigen Zwecken“ gewarnt, dabei aber nicht jüdischen Mitbürger gemeint, sondern Autoren wie Günter Grass und Walter Jens, die die deutsche Teilung als legitime Sühne für Auschwitz verstanden wissen wollten. Walser hingegen setzte sich für die Wiedervereinigung ein. Heute, bekennt er, würde er diese essayistische Rede so nicht mehr halten. Verglichen mit dem Tatbestand Auschwitz sei das unverhältnismäßig gewesen: „Quatsch, Quatsch, Quatsch.“ (Walser)

Es ist wahr, der Gesprächston ist milde, überwiegend wohlwollend – ob an der Grenze zum Therapeutischen, sei dahingestellt. Es ist aber ein Ton, der den Leser packt, ihn lesen lässt, als läse er im eigenen Leben. Geht mehr?

Martin Walser und Jakob Augstein: Das Leben wortwörtlich. Ein Gespräch. Rowohlt-Verlag, Reinbek. 352 Seiten, 19,95 Euro

Walser und Augstein haben zusammen das Buch "Das Leben wortwörtlich. Ein Gespräch" verfasst. Es ist im Rowohlt-Verlag erschienen.
Walser und Augstein haben zusammen das Buch "Das Leben wortwörtlich. Ein Gespräch" verfasst. Es ist im Rowohlt-Verlag erschienen. | Bild: Rowohlt