Legenden sind die Summe aus Schönheit und Tod. Die Gültigkeit dieser Formel ließe sich an Lady Diana, an Grace Kelly oder an Evita Perón überprüfen. Bewundert und beneidet zu Lebzeiten, war es nicht zuletzt das tragisch-frühe Ende, das den Ruhm dieser Berühmtheiten für die Ewigkeit begründete. Doch keinem Medienstern hat das eigene Verlöschen so viel überzeitliche Strahlkraft verliehen wie Marilyn Monroe (1926-1962).

An der Ikonenwand der Alltags-Mythologien nimmt die Leinwandgöttin aus „Manche mögen’s heiß“ und „Blondinen bevorzugt“ einen prominenten Platz ein. Folgt man der populären Nacherzählung ihrer Karriere, war der ungeklärte Tablettentod 1962 die bittere Quittung für den viel zu schnellen Aufstieg. Ein Bild, das zum Beispiel Elton Johns Marilyn-Elegie „Candle In The Wind“ verbreitet. Aber war es wirklich die gnadenlose Hollywood-Tretmühle, die den Megastar der 1950er-Jahre vorzeitig verschlissen hat?

Eine Museumsmitarbeiterin geht auf ein überdimensionales Porträt von Marilyn Monroe aus dem Film "Manche mögen's heiß" zu.
Eine Museumsmitarbeiterin geht auf ein überdimensionales Porträt von Marilyn Monroe aus dem Film "Manche mögen's heiß" zu. | Bild: Andreas Arnold / dpa

Marilyn als allzu zerbrechliche, naive Venus – mit diesem Opferklischee möchte das Historische Museum der Pfalz in Speyer nun aufräumen. 400 Fotos, Filmdokumente und biografische Objekte, die meisten davon aus der Privatsammlung eines Mannheimer Marilyn-Enthusiasten, schreiben die Geschichte der als Norma Jeane Baker getauften Jahrhundert-Diva um.

Hinter dem globalen Sexsymbol der 50er-Jahre, das sich von brünett zu platinblond umgefärbt hat, entdeckt die Schau eine ganz andere Frau. Eine, die nicht nur auf Hinternwackeln und andere feminine Kurvenspiele vertraute, sondern auch den Mut besaß anzuecken.

War sie eine Feministin?

Gewiss, diese Erkenntnisse sind nicht so neuartig, wie man in Speyer glaubt. Auch der Versuch, Marilyn Monroe in einer Art Rückprojektion zur Feministin zu machen, greift ein bisschen zu weit. Eine MeToo-Debatte angestoßen hat sie jedenfalls nicht. Trotzdem, entschlossen und unabhängig war sie. Mit 13 flog sie gleich zwei Mal von der Schule, bloß weil sie Männerjeans getragen hatte.

Keine drei Jahre später heiratete sie ein erstes Mal. Was sich heutzutage nach arrangierter Zwangsehe anhört, war in Wahrheit ein Schritt in die Freiheit. Denn damit endete für die uneheliche Tochter einer Filmcutterin das Herumgeschubstwerden zwischen Pflegefamilien und Kinderheimen.

Das Foto in der Ausstellung "Marilyn Monroe. Die Unbekannte" zeigt Marilyn Monroe mit ihrem Mann Arthur Miller, Schriftsteller und Dramatiker, in dem Garten ihres Hauses.
Das Foto in der Ausstellung "Marilyn Monroe. Die Unbekannte" zeigt Marilyn Monroe mit ihrem Mann Arthur Miller, Schriftsteller und Dramatiker, in dem Garten ihres Hauses. | Bild: Andreas Arnold / dpa

Inmitten von Postkarten und „Bitte recht freundlich!“-Schnappschüssen aus dem privaten Umfeld hängt auch ein Plakat von Jean Harlow, jener unverschämt erotischen und früh verstorbenen Hollywood-Berühmtheit aus den 30er-Jahren, die zur Blaupause für Marilyn Monroes eigene Biografie werden sollte.

Mit hartem Körpertraining, Haarefärben und Schönheitsoperationen näherte sie sich dem Idol an. Vor allem die frühen Ausstellungsexponate unterstreichen, mit welcher Konsequenz schon der Teenager auf eine Karriere in der Glamour-Branche hingearbeitet hat. Erstaunt stößt man auf gar nicht so ungeschickte Modezeichnungen von der Hand der jungen Marilyn.

Eine Frau, die sich was traut

Weder ist sie unbedarft in das System Hollywood hineingetapst, noch stand sie seiner ökonomischen Brutalität wehrlos gegenüber. Als die Filmbosse ihr nach den ersten Kassenschlagern das entsprechende Stück vom Tantiemenkuchen verweigerten, gründete sie eine eigene Produktionsfirma. Und sie traute sich noch viele andere Wirklichkeitsrollen zu, nicht nur die der Geschäftsfrau im Raubtierdschungel der Traumfabrik.

Die Schauspielerin war auch eine engagierte Gegnerin der Rassentrennung. Ihrem Einsatz verdankt die Jazz-Sängerin Ella Fitzgerald die Möglichkeit, als erste schwarze Frau in einem Weißen vorbehaltenen Nachtclub aufzutreten. Und wie Bücher aus Monroes Bibliothek beweisen, hielt sich die bevorzugte Blondine der Nachkriegszeit mit Studien über amerikanische Bürgerrechte und Kommunismus intellektuell auf dem Laufenden.

Überall blinkt und glitzert es

Obschon der Rundgang, der auch viele Textdokumente aufblättert, ein inoffizielles, gleichsam ungeschminktes Porträt zeichnet, ist die Schau weder zu ernst noch zu trocken. Auf 1000 Quadratmetern blinkt und glitzert es, als würde man in den 50er-Jahren über den Hollywood Boulevard flanieren. Einen historischen Kinosaal haben die Ausstellungsmacher ebenso nachgebaut wie Marilyn Monroes Schlafzimmer, auf riesigen Leuchtkästen funkelt ein Luxus-Swimmingpool in der kalifornischen Sonne.

Kostbare Star-Devotionalien füllen die Stand- und Tischvitrinen: Schmuck und Kosmetika, die weißen Lieblingssandalen und eine Reproduktion des mit Kristallsplittern gespickten Seidenkleids, in dem sie für John F. Kennedy „Happy Birthday, Mister President“ ins Mikrofon hauchte.

Ted Stampfer, Leihgeber und externer Kurator, stellt ein Paar Schuhe, die die Schauspielerin tatsächlich getragen hat, in die Ausstellung.
Ted Stampfer, Leihgeber und externer Kurator, stellt ein Paar Schuhe, die die Schauspielerin tatsächlich getragen hat, in die Ausstellung. | Bild: Andreas Arnold / dpa

Da ist Marilyn plötzlich wieder das süße Sahnebonbon, das kichernde Komödienhäschen, die luxusverwöhnte Diamantenfreundin aus der Regenbogenpresse – genau das Image, von dem sie weg wollte. Weswegen sie Hollywood den Rücken kehrte und nach New York ging, um bei dem legendären Schauspiellehrer Lee Strasberg Unterricht zu nehmen, dem Begründer des Method Acting.

Die Neuausrichtung schien tatsächlich zu gelingen. Von Monroes letztem Ehemann, dem Dramatiker Arthur Miller, stammt das Drehbuch zu „Misfits“ („Nicht gesellschaftsfähig“). Der Film gilt als ihr anspruchsvollster, aber es war der letzte vollendete. Ein Jahr später starb sie. Goodbye, Norma Jeane!

Die Ausstellung "Marilyn Monroe. Die Unbekannte" ist bis 16. Juni 2019 im Historischen Museum der Pfalz in Speyer zu sehen, geöffnet ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Weitere Informationen gibt es hier.