„Bescheidenheit ist eine Zier – doch weiter kommt man ohne ihr...“ – Den „zierlosen“ Zusatz hat Erich Kästner zu verantworten. Er passt in unsere Zeit. Das ist kein Kompliment. Einer, der es mit Bescheidenheit noch ernst meint, ist Manfred Bosch. Der 72-jährige Literaturhistoriker bezeichnet sein Buch „Konstanz literarisch“ im Untertitel als „Versuch einer Topografie“. Und er begründet diese Zurückhaltung damit, dass hier Vollständigkeit illusionär sei. „Überhaupt ist ein Buch wie dieses niemals fertig“, schreibt er. Und nimmt den Leser in die Verantwortung: Bosch freut sich über „Richtigstellungen ebenso wie über Ergänzungen und Kritik“.

Nahezu fünf Jahre hat dieser „Versuch“ den Autor beschäftigt. 351 Seiten hat „Konstanz literarisch“. Mehr als 600 Namen weist das Personenverzeichnis auf. Auch wenn die Stadt keine bedeutenden literarischen Traditionen aufzuweisen hat, wie Bosch anmerkt, ist das doch eine beeindruckende Zahl. Zeitlich startet er seinen literarischen Streifzug mit dem Beginn des Buchdrucks, während die Jahrtausendwende die Grenze markiert. Dass er Kreuzlingen mit einbezieht, die Nachbarstadt von Konstanz, ist selbstverständlich.

Das Inselhotel als geschichtsträchtiger Ort

Normalerweise folgen Darstellungen dieser Art chronologischen oder auch sachbestimmten Aspekten. Bosch lenkt den Blick dagegen auf Straßen und Plätze, auf Domizile von Dichtern oder aber mit der Literatur verbundenen Zeitgenossen. Viele Seiten füllen Beschreibungen von geschichtsträchtigen Häusern der Stadt. Dazu gehört das ehemalige Dominikanerkloster, seit 1874 „Inselhotel“. Hier lebte Heinrich Seuse, der böhmische Reformer Jan Hus wurde im Turm des Klosters eingekerkert und – Jahrhunderte später – machten Autoren wie Emil Strauß, Wilhelm von Scholz und Emanuel von Bodman die Rheinterrasse zu ihrem Treffunkt. Und natürlich sah das Hotel allerlei illustre Gäste, Politiker wie Charles de Gaulle, den Unternehmer Friedrich Flick, der sich auf der Insel seinen Altersruhesitz einrichtete. 1959 tagte der PEN-Club hier und 1966 eröffnete die neu gegründete Universität ihren Betrieb im ehemaligen Refektorium. Viele Schriftsteller verewigten das Hotel in ihren Büchern, so etwa Nobert Jacques, Jakob Wassermann und Adolf Muschg.

In Archiven und Nachlässen gestöbert

Solche vitalen Orte – dazu gehören auch das Konzil genannte „Kaufhaus“, in dem Oddo di Colonna 1417 zum Papst gewählt wurde, das ehemalige Jesuitenkolleg in der Konzilstraße 11, Heimat des Theaters und das Münster, Tagungsort des Konzils – verdienten eigentlich ein eigenes Buch, gesteht Bosch ein. Einige sind ja auch schon geschrieben worden, aus denen der Autor zitiert. Außer gedruckten belletristischen Quellen – Romane, Erzählungen und Gedichtbände, Biografien und Tagebücher –, hat er in Archiven und Nachlässen gestöbert. Bosch präsentiert nicht nur unterschiedliche Textsorten, sondern auch verschiedene Autorentypen. Neben „Dichtern“ sind das Historiker wie der verstorbene Arno Borst oder Kulturwissenschaftler wie Aleida und Jan Assmann, die in der Egger Wiese 13 leben.

Dieser „erweiterte Literaturbegriff“ stellte den Autor, was die akademische Autorenschaft der Hochschulstadt Konstanz betrifft, vor Probleme, wie er einräumt. Aber ein solches Werk braucht den Mut zur Lücke. Den hat Bosch, wie gesagt. Ausdrücklich bedankt er sich bei Hermann Kinder für Ratschläge. Der ehemalige und – was die Literatur in der Region angeht –, engagierte Dozent der Universität sowie eifrige Autor lebt in der Zasiusstraße 15 im Stadtteil Paradies. Nur wenige Straßenzüge weiter hat sich Bosch in einem Mehrfamilienhaus eingemietet, nachdem er lange Zeit an der Markstätte gelebt hat, unweit des ehemaligen Hotels Krone, in dem einst Goethe abstieg, unweit auch des Hotels Hecht, in dem Montaigne nächtigte.

Das Buch als Selbst-Einbürgerung

Zwar wuchs Bosch im nahen Radolfzell auf, Konstanz war ihm daher vertraut, aber erst mit seinem Zuzug 2008 entwickelte sich das Interesse an ihrer Literaturszene. Sein opus magnum, „Bohème am Bodensee. Literarisches Leben am See von 1900 bis 1950“ (1997), das in dem im Augustaweg 1 gegründeten Libelle-Verlag von Ekkehard Faude erschien, hat er am Hochrhein verfasst. Dort hatte er sich nach einer Visite in Bayern niedergelassen. Der Libelle – einer von vielen Verlagen der Stadt – blieb er auch bei anderen Projekten treu. Die Arbeit an „Konstanz literarisch“, bei dem persönliche Vorlieben des Autors nicht verborgen bleiben, nennt Bosch sein förderliches Element der „Selbst-Einbürgerung“. Schöner kann Integration wohl nicht betrieben werden. Dass sich die Darstellung auf das linksrheinische Konstanz konzentriert, ist nicht ihm anzulasten, sondern ist den geschichtlichen Abläufen geschuldet.

„Konstanz literarisch“, das erste, kaum zu übertreffende Kompendium über die Literatur der Stadt, ist nicht nur informativ, sondern auch spannend zu lesen. Selbst Menschen, die glaubten, ihre „literarische“ Stadt gut zu kennen, werden staunen. Dass Bertolt Brecht 1946 den Kreuzlinger Zoll passierte und somit zum ersten Mal nach seinem Exil in Konstanz deutschen Boden betrat, ist nicht zuletzt durch einen Tagebucheintrag von Max Frisch, der ihn begleitete, dokumentiert und als bekannt vorauszusetzen. Das gilt auch für Viktor Mann, der 1949 im Südverlag ein Buch publizierte („Wir waren fünf“, 1949). Er traf am Kreuzlinger Zoll seinen Bruder, den Nobelpreisträger Thomas Mann.

Aber wer weiß, dass zwischen 1946 und 1952 der Straßburger Sozialist und Widerstandskämpfer Rudi Goguel in der Allmannsdorfer Straße 95 lebte? Über seine Haft im KZ Börgermoor, wo sein bekanntes „Moorsoldatenlied“ entstand, berichtet er in „Es war ein langer Weg“ (1948). Dass Oskar Schindler – der aus Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ (1994) – kurz nach der Befreiung in der Wallgutstraße 2 im Gefängnis saß? Wer weiß schon, dass Oskar Wöhrle in den 1920er-Jahren im „Haus zur Flasche“ (Hussenstraße 18) einen Verlag betrieb? Und ein paar Häuser weiter die junge Witwe Fida Pfister lebte, die Hus im November 1414 Quartier bot? Pavel Kohut verschaffte ihr in seinem Konzilsstück „Ecce Constantia“ (1988) einen fulminanten Auftritt. Nicht nur die Recherche, die Lektüre ist ebenfalls ein förderliches Element der „Selbsteinbürgerung“. Auch für Konstanzer.

Bild: UvK

Manfred Bosch: „Konstanz literarisch. Versuch einer Topografie“ UVK Verlag, Konstanz 2019. 351 S., 22 Euro.

  • Buchvorstellung: Freitag, 6. Dezember, 19.30 Uhr, in der Konstanzer Zimmerbühne (St. Johann-Gasse 2).