Die Bühne ist ein golden ausgeschlagener Guckkasten mit einer hügeligen Hüpfburg – eine Landschaft aus riesigen bunten Kissen, in die auch ein unsichtbares Trampolin eingearbeitet ist. Ein Traum für Kinder, die sich austoben wollen. Und also die ideale Arena für einen Theaterabend des deutschen Regisseurs Herbert Fritsch.

Und so tollen denn in dieser Uraufführung der neusten Fritsch-Kreation je vier Schauspielerinnen und Schauspieler auf Zürichs Pfauenbühne ausgiebig herum; klettern, rutschen, springen in die Luft, sausen in ein Loch, schlagen krachend an Decke oder Wand, bilden, sich bei den Händen fassend, einen Kreis, sprechen und singen, grimassieren und machen große Augen. Gegeben wird das Körpertheater- und Musiktheaterstück „Grimmige Märchen“, in dem selbst der Text – zur Hauptsache ein Verschnitt und eine Verknüpfung von Märchen der Brüder Grimm – körperhaft ausgestellt und musikalisiert wird. Das reicht von einer gemächlich die Silben dehnenden, knarzenden Vortragsweise bis hin zum Schnellsprech, in dem die Wörter Purzelbäume schlagen und Salti mortali vollführen.

Die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm haben für ihre „Kinder- und Hausmärchen“, die sie 1812 und, erheblich erweitert, 1815 herausgaben, Märchenstoffe von (oft hessischen) Erzählern gesammelt und ergänzt und auch Motive aus Kunstmärchen genutzt. Es folgten weitere Ausgaben. So kamen insgesamt etwa 240 Märchen zusammen. 60 daraus hat Fritsch nun ausgewählt und für seine Produktion zugeschnitten. Man darf da für sich aus den Ineinander-Verflechtungen, Ein-Satz-Zitaten und Nonsens-Kapriolen ein heiteres Märchenraten veranstalten.

Oder sich auch einfach in einen Fritschschen Meta-Märchen-Kosmos ziehen lassen, wo es, manchmal grundiert von einem grotesk knarrenden Soundtrack, wesentlich um die Freisetzung spielerischer Urenergien geht.

Der Regisseur und Bühnenbildner in Personalunion zeigt hierbei auch, wie „grimmig“ Grimms Märchen vielfach sind, wie sehr sie sich aufladen mit einem grausamen, fallweise geradezu perversen Humor. Rezeptionsgeschichtlich angelagerter Kitsch wird abgetragen auch mit einem ironisch eingefärbten Biederkeitston.

So hat Fritsch zum Beispiel im Märchen „Marienkind“ geblättert, wo die Holzhacker-Tochter erst auf dem brennenden Scheiterhaufen ihr Vergehen gesteht, einen verbotenen Schlüssel benutzt zu haben. Er hat sich interessiert für die bitterarme Fünffach-Mutter in „Gottes Speise“, die mit der Steinhärte ihrer kinderlosen reichen Schwester zusammenprallt, oder für das eigensinnig-vorwitzige Mädchen in „Frau Trude“. „Der gescheite Hans“ wird überführt in eine hart-akrobatische und fulminant dargebotene Slapstick-Nummer unter prominentem Einsatz des Trampolins. Zwischen die nach langem Schlaf getane Selbstbefragung „Bin ich's oder bin ich's nicht?“ des Catherlieschens in „Der Frieder und das Catherlieschen“ und der Antwort „Ich bin's nicht!“ ist eine mehrminutenlange, pantomimisch aufgeladene komische Bedenkzeit eingebaut.

Hierzu passen die oft zum Publikum gewandten „grimmig“-erstaunten Gesichter der vom Tutti bis zum Solo hochmotiviert, bravourös und detailpräzise aufspielenden Florian Anderer, Henrike Johanna Jörissen, Claudius Körber, Elisa Plüss, Anne Ratte-Polle, Nicolas Rosat, Markus Scheumann und Friederike Wagner, die in wechselnde Lichter von Blutrot bis Giftgrün getaucht werden. Herbert Fritschs bewährte Kostümbildnerin Victoria Behr hat die Achterschar in opulente Kleider gesteckt, mit ausladendem Haar und Kopfputz versehen und ausgestattet mit Verweisen auf Figuren wie König Drosselbart, Rapunzel oder Rotkäppchen. Nicht ganz immer stimmt Fritschs Timing, indem er gewisse Einfälle ein bisschen überdehnt ausspielen lässt. Zu einem kuriosen Kabinettstück gerät kurz vor Ende, an dem verschiedene Märchen-Schlüsse durchdekliniert werden, eine Nummer mit dem (Aschenputtel-)Schuh: Drosselbart-Scheumann stößt mit diesem an eine Wand und nutzt ihn danach als Smartphone für ein raumgreifendes Gespräch und für die Lektüre einer bereits online gegangenen imaginären Premierenkritik dieses noch nicht einmal mit dem Schlussapplaus gekrönten Abends.

Nächste Vorstellungen: 13., 17., 20., 23. und 28. April; 2., 7., 13. und 23. Mai. Infos und Karten: www.schauspielhaus.ch

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