Madonna, in den vergangenen zwei Jahren scheint sich vieles in Ihrem Leben verändert zu haben.

Wenn mich vor zehn Jahren jemand gefragt hätte, ob ich mir vorstellen könnte, in Lissabon zu wohnen, wo mein Sohn David dann Fußball spielt, ich zur „Soccer Mom“ werde, mir die Wochenenden auf dem Bolzplatz um die Ohren schlage und anfange, auf Portugiesisch zu singen, hätte ich diese Person sehr ungläubig angeguckt! Aber ich hatte 2017 das Gefühl, dass es ein ganz guter Zeitpunkt wäre, um Amerika zu verlassen.

Inwiefern?

Es ist gut, seine Komfortzone zu verlassen, in einer neuen Umgebung zu leben, versuchen zu überleben und neue Freunde zu finden. Das habe ich getan, und es führte mich zu diesem Album. Vieles von der Geschichte, die ich darauf erzähle, hat mit meinem Leben in Lissabon zu tun. Mit den Leuten, die ich dort traf, der Musik, die ich dort kennenlernte, und der neuen Perspektive, die ich auf die Welt bekam.

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Fühlte sich Ihr Neuanfang an wie 1979, als Sie mit ein paar Dollar in der Tasche Michigan in Richtung New York verließen?

Das war anders! Ich befand damals, dass es weniger interessant sei, eine abgebrannte Tänzerin zu sein als eine abgebrannte Songwriterin! (lacht) Als ich in der Lower East Side von New York lebte, hörte ich kaum Musik – ich hatte gar nicht den Zugang dazu. Ich ging nicht viel aus, ich schaute mir keine Konzerte an. Da war kein Druck für mich, irgendetwas darzustellen, wie jemand Bestimmtes zu klingen oder auf bestimmte Art auszusehen.

Ist Ihr Blick auf die Welt verändert?

Ich würde sagen, das Einzige, das sich verändert hat, ist, dass ich älter und weiser bin – obwohl mir mein Alter ja immer gern zum Vorwurf gemacht wird. Ich habe mehr vom Leben gesehen, ich habe mehr erlebt. Ich habe mehr zu sagen, ich bin stärker in meinen Meinungen und hoffentlich besser informiert. Aber ich habe immer noch die gleiche Menge Leidenschaft für das, was ich tue.

Gibt es eine starke Frau, die Sie für „Madame X“ inspiriert hat?

Viele! Aber besonders Johanna von Orléans. Meine Vision war, die Geschichte des Albums durch ihre Augen zu erzählen. Sie hatte keine Angst, für ihre Überzeugung zu sterben. Sie war eine Freiheitskämpfern und Feministin. So sehe ich mich selbst auch. Der Mittelteil des Songs „Dark Ballet“ klingt wie ein Manifest von ihr.

In „Killers Who Are Partying“ heißt es: „I‘ll be Islam, if Islam is hated. I‘ll be Israel, if they are incarcerated“ (Ich werde Islam sein, wenn der Islam gehasst wird. Ich werde Israel sein, wenn sie eingekerkert werden). Nutzen Sie nun Politik, um zu provozieren?

Meine Intention ist und war immer, Ausgrenzungen zu vermeiden, Räume, die Menschen voneinander trennen, zu überwinden, Mauern zum Einstürzen zu bringen. Wenn ich eine Diskussion entfachen kann über Bevölkerungsgruppen am Rande der Gesellschaft oder gewisse Labels, dann habe ich mit dem Song alles erreicht. Aber stellen wir uns mal vor, wie sich das Bewusstsein im Universum verändern würde, wenn Israel und Palästina vereint wären und da keine Trennung bestünde. Das ist mein Traum! Die Idee des Songs ist also, eine geteilte Welt nicht zu akzeptieren.

Ist das nicht naiv?

Ich weiß natürlich, dass viele Menschen es anders sehen, so nach der Devise: Das ist mein Gebiet, das ist meine Gruppe, meine Gruppe ist besser als deine. Meine Gruppe verdient es, zu existieren – aber du nicht. Oder ich verdiene mehr als das, was du hast. Das sind Glaubenssätze, denen ich noch nie etwas abgewinnen konnte.

Beim Lied „Batuka“ taucht der Name Banda auf. Heißt das, Ihr Sohn David Banda hat den Song mitgeschrieben?

Er singt darauf! Alle meine Kinder singen auf dem Stück, aber nur David hat darauf bestanden, dass sein Name erwähnt wird. Wie hätte ich mich dagegen wehren sollen?

Wie ist es, mit Ihren Kindern zu musizieren?

Es bringt einfach nur Spaß – ganz ohne Ambitionen. Sie sind alle musikalisch, spielen Instrumente, Mercy ist gut am Klavier. Meine Kinder lieben Musik!

Auf Instagram zeigen Sie auch Videos Ihrer Kinder. Man hat den Eindruck, dass Sie sich geöffnet haben.

Es gab vorher einfach kein Instagram! Ich teile gerne Dinge mit Menschen, von denen ich denke, dass sie lustig, amüsant, bedeutungsvoll oder inspirierend sind. Manchmal sind es alberne Sachen, manchmal intimere Dinge …

Welchen Rat würden Sie Ihrem jungen Ich geben – mit dem Wissen, das Sie heute über Ihr Leben haben?

„Nimm nichts von alledem persönlich!“ – Das ist wirklich der beste Rat.