Man raunte es sich in der Bayreuther Festspiel-Gemeinde schon vor der Premiere zu: Der Künstler Neo Rauch, der mit seiner Frau Rosa Loy für die Ausstattung des neuen „Lohengrin“ zuständig ist, hat ein Umspannwerk auf die Bühne gestellt. Sofort sind die Gedanken bei dem desaströsen „Tannhäuser“ von Sebastian Baumgarten (2011), der von einer gigantischen Biogas-Anlage dominiert wurde. Die Inszenierung wurde bald wieder abgesetzt.

Jetzt also eine Transformatoren-Station. Warum auch nicht? Vielleicht setzt sie das Stück ja unter Spannung. Darum geht es Regisseur Yuval Sharon und dem Künstlerpaar offenbar: Lohengrin taucht als Elektriker auf, in Arbeitskleidung. Statt Schwert trägt er einen Blitz. Elektrizität hat ja auch etwas mit Licht zu tun. Und so bringt Lohengrin Licht ins dunkle Brabant, wo Zwist und Uneinigkeit herrschen. Er ist der Erleuchter, ein moderner Prometheus, ein Visionär. Das Umspannwerk steht für all das wie eine gigantische Metapher.

Piotr Beczala überzeugt von Anfang an als Lohengrin.
Piotr Beczala überzeugt von Anfang an als Lohengrin. | Bild: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Als glänzenden Helden will Sharon Lohengrin gar nicht zeigen. Und Elsa soll auch nicht diejenige sein, die sich diesen Held als Retter herbeiträumt und ihn anbetet, sondern eine Frau, die um ihre Emanzipation ringt. Wohl deswegen muss das alles ein bisschen komisch, ja lächerlich wirken auf der Bühne: das klobige Umspannwerk, aber auch Lohengrin, der mit einem Ufo-artigen geflügelten Plastikding in Brabant auftaucht; oder Lohengrins Kampf gegen Telramund, für den die beiden wie Peter Pan durch die Luft schweben.

In der Hochzeitsnacht fesselt Lohengrin seine Elsa gar mit einem Elektro-Kabel. So sieht kein Retter aus. Bloß weiß man nicht so genau, ob Sharon sich mit seiner Regie-Deutung selbst in die Quere gekommen ist oder nur dem Bühnenbildner Neo Rauch. Irritierend, ja gewaltsam gegen den Strich gebürstet bleibt hier jedenfalls mancherlei.

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Zum ästhetischen Prinzip von Neo Rauch gehört, dass vordergründig stimmige Bilder durch unpassende Elemente aufgebrochen werden. Diesem Prinzip bleibt er auch als Bühnenbildner treu. Er knüpft an das klassische Kulissentheater an, die Kostüme wirken auf den ersten Blick wie historischen Inszenierungen entnommen, sie zitieren – Schauplatz Brabant – die flämische Malerei, die Farbe Blaugrau dominiert.

Dort hinein bricht allerdings nicht nur die Elektrifizierung als Anachronismus, auch sonst ist längst nicht alles stimmig. Die Hauptfiguren etwa tragen Insektenflügel, wobei den Frauen Elsa und Ortrud – Achtung, Sexismus-Debatte! – die Flügel gestutzt sind. Sie kämpfen jede auf ihre eigene Art gegen männliche Dominanz und verkrustete Strukturen und für Freiheit und Selbstbestimmung. Dass Elsa von Anfang an mit ihrem Retter nicht warm wird, versteht sich da von selbst. Am Schluss muss sie auch nicht sterben, sondern schreitet – entgegen dem Text – im orangefarbenen Kleid davon, während das Volk von Brabant tot zu Boden sinkt.

Anja Harteros findet als Elsa erst nach und nach zu gewohnter Form.
Anja Harteros findet als Elsa erst nach und nach zu gewohnter Form. | Bild: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Dass Regisseure Stücke gegen den Strich bürsten oder ihnen eine neue Geschichte überstülpen, ist keine Seltenheit. Dem Werk kann das durchaus gut tun, weil sich so neue Perspektiven erschließen. Doch wirkt Sharons Dekonstruktion einfach nur gewollt und ästhetisch plump. Hinzu kommt, dass er es offenbar nicht gewagt hat, die Bühne aktiv zu bespielen. Vor allem der zweite Akt gerät zum lähmenden Stehtheater.

Umso stärker sticht die Musik hervor. Nicht Sharons Inszenierung elektrisiert, sondern Christian Thielemanns Dirigat. Schon das Vorspiel nimmt er überraschend zügig. Keine übertriebene Entrücktheit also, Thielemann kann es auch dramatisch. Das zeigt er an diesem Abend immer wieder. Unter den Sängern überzeugt vor allem Piotr Beczala. Er wurde erst vor wenigen Wochen angefragt, nachdem Roberto Alagna abgesagt hatte, und erweist sich nun als durch und durch würdige Besetzung für die Rolle des Lohengrin. Als einer der wenigen im Ensemble braucht er sich auch keine mangelnde Textverständlichkeit vorwerfen zu lassen.

Gesangliche Höhen und Tiefen

Anja Harteros hat als Elsa zunächst Anlaufschwierigkeiten und wirkt stimmlich unausgeglichen. Im letzten Akt allerdings schließt sie zu gewohnter Form auf. Sonderapplaus kann Waltraud Meier entgegennehmen. Als einstiger Bayreuth-Star hatte sie sich mit dem inzwischen verstorbenen Festspiel-Chef Wolfgang Wagner überworfen und kehrt nun nach 20 Jahren als Ortrud zurück. Auch wenn die 62-Jährige Intonationsprobleme erkennen lässt – noch immer hat ihre Stimme Kraft. Tomasz Konieczny bewährt sich als Telramund mit ausgeprägt dramatischem Ausdruck. Georg Zeppenfeld (König Heinrich) und Egils Silins (Heerrufer) vervollständigen das Ensemble.

Lohengrin (Piotr Beczala), Ortrud (Waltraud Meier), Telramund (Tomasz Konieczny), König Heinrich (Georg Zeppenfeld), der Herrufer (Egils Silins) und Elsa (Anja Harteros) in einer Szene von "Lohengrin".
Lohengrin (Piotr Beczala), Ortrud (Waltraud Meier), Telramund (Tomasz Konieczny), König Heinrich (Georg Zeppenfeld), der Herrufer (Egils Silins) und Elsa (Anja Harteros) in einer Szene von "Lohengrin". | Bild: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Ob dem Umspannwerk ein ähnliches Schicksal beschieden ist wie Baumgartens Biogas-Anlage, muss sich zeigen. Vielleicht entwickelt die Inszenierung ja doch noch Kultstatus so wie Hans Neuenfels’ „Lohengrin“ mit den Ratten. Aber sehr wahrscheinlich ist das nicht.

Die nächsten Aufführungen von "Lohengrin" sind am 29. Juli 2018, 2., 6. und 10. August. Weitere Informationen auf http://www.bayreuther-festspiele.de