In München ist aktuell zu besichtigen, wie sich Linke im Kampf gegen rechts selbst zerlegen. Margarete Stokowski, feministische Autorin und "Spiegel"-Kolumnistin, wollte in der renommierten Münchner Buchhandlung Lehmkuhl aus ihrem neuen Buch "Die letzten Tage des Patriarchats" lesen. Dann erfuhr sie Ungeheuerliches: In ebendieser Buchhandlung gebe es ein Regal mit Büchern von rechten Autoren. Das habe ihr "jemand erzählt"!

Wissen, was Rechte denken

Der Geschäftsführer der Buchhandlung, Michael Lemling, setzt sich selbst gegen Rechtsextremismus ein. Er sagt: "Wer sich gegen rechts engagiert, sollte wissen, was Rechte denken und lesen, wie sie argumentieren." Deshalb habe er auch rechte Literatur im Angebot. Er glaubt an die "intellektuelle Spannkraft" seiner Kunden: "Wir sind überzeugt, dass das Lesen rechter Publizistik nicht wehrlos macht. Im Gegenteil!"

Nichts gelernt

Über die Frage, wie viel Beachtung rechtes Gedankengut erfahren sollte, lässt sich streiten. Und genau das ist in den vergangenen beiden Jahren auch ausgiebig geschehen. Offenbar ohne jeden Lernerfolg. Margarete Stokowski jedenfalls hat sich für jene sattsam bekannte Variante des Kampfs gegen rechts entschieden, die Rechte bislang immer nur gestärkt statt geschwächt hat: skandalisieren, tabuisieren, distanzieren. Sie sagte ihre Lesung ab.

Jetzt steht Lemling als potenzieller Rechtspopulist da und Stokowski als Prototyp einer linken Meinungsdiktatur. Gewonnen haben wieder mal die Rechten: bequem von der Zuschauertribüne aus.

"Neue Rechte, altes Denken"

Es gibt gute Argumente dafür, die werbenden Auslagen von fragwürdiger Literatur auf Präsentiertischen kritisch zu hinterfragen. Vielfach ist zu erleben, dass mit gefährlichen Halb- und Unwahrheiten operierende Bücher wie etwa Thilo Sarrazins aktueller Bestseller "Feindliche Übernahme" unkommentiert neben Publikationen von Stephen Hawking oder Yuval Noah Harari im Schaufenster liegen. Eine solche Präsentation suggeriert intellektuelle Gleichwertigkeit und verleiht damit rechtspopulistischem Unsinn den Anschein wissenschaftlicher Seriosität.

Doch erstens handelt es sich bei Lehmkuhl nicht um eine solche Präsentation im Schaufenster, sondern lediglich um ein Regal im hinteren Bereich der Buchhandlung. Mit der Rubrikbezeichnung "Neue Rechte, altes Denken" gibt es zudem eine unmissverständlich kritische Einordnung.

Zweitens wäre es der Autorin unbenommen gewesen, bei ihrer Lesung dieses Angebot dennoch zu kritisieren.

Und drittens wirft die Absage ein fragwürdiges Licht auf ihr Anliegen: Geht es Stokowski etwa nicht darum, Andersdenkende zu überzeugen? Müsste sie dann nicht Orte aufsuchen, an denen die Chance besteht, solchen auch zu begegnen? Ein Auftritt in der vermeintlich rechten Echokammer: Was für eine Chance für eine linke, feministische Autorin!

Linke Selbstgefälligkeit

Doch Margarete Stokowski will offenbar ihrerseits unter Gleichgesinnten bleiben. Statt eines echten Gesprächs mit der Gefahr, sich selbst hinterfragen zu müssen, zieht sie es vor, sich der eigenen Rechtschaffenheit zu versichern.

So besteht der größte Feind der Linken nicht etwa im Wirken der Rechten. Er besteht in ihrer eigenen Selbstgefälligkeit.