Es ist bloß eine Legende, aber wie die meisten Legenden eine gute Story: Der biblische Kampf um Jericho wurde durch Trompeten entschieden, die die Stadtmauern zum Einsturz brachten.

Einige tausend Jahre später fiel eine weitere Mauer, und erneut war angeblich Musik im Spiel: Die Fans von David Hasselhoff schwören Stein und Bein, der Sänger habe mit seinem Freiheitslied „Looking For Freedom“ den Untergang der DDR beschleunigt.

Hat David Hasselhoff die Berliner Mauer zum Einsturz gebracht? Manch einer glaubt das.
Hat David Hasselhoff die Berliner Mauer zum Einsturz gebracht? Manch einer glaubt das. | Bild: Jörg Carstensen / dpa

Der Amerikaner hat den Song in der Tat 1989 am Brandenburger Tor gesungen, allerdings erst im Rahmen der öffentlichen Silvesterfeier – da stand die Mauer zwar noch, war aber bereits offen.

Trotzdem zeigen die beiden Geschichten, welch enormer Einfluss der Musik zugetraut wird. In seinem Buch „Provokation!“ befasst sich der Musikexperte Michael Behrendt mit 70 „Songs, die für Zündstoff sorg(t)en“, wie der Untertitel lautet.

Michael Behrendts Buch „Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en“ ist im Verlag wgb Theiss in Darmstadt erschienen (296 Seiten, 20 Euro).
Michael Behrendts Buch „Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en“ ist im Verlag wgb Theiss in Darmstadt erschienen (296 Seiten, 20 Euro). | Bild: wgb Theiss

Gerade Deutschland kann davon ein Lied singen, nicht wegen Hasselhoff, sondern wegen eines jüngeren und deutlich unappetitlicheren Vorfalls: Die Verleihung des Musikpreises Echo an das Rapper-Duo Kollegah und Farid Bang sorgte im vergangenen Jahr wegen einer Auschwitz-Anspielung in dem Song „0815“ für einen derartigen Skandal, dass der Preis auf der Strecke blieb.

Populäre Musik, stellt Behrendt fest, habe „gesellschaftliche Entwicklungen schon immer lautstark befeuert und begleitet“.

Soundtrack des Lebens

Die meisten Menschen können einen „Soundtrack ihres Lebens“ zusammenstellen: weil sie viele Lieder mit wichtigen Erinnerungen verknüpfen. Solche Listen gibt es für das kollektive Gedächtnis: Jazz und Swing stehen für die wilden 20er und frühen 30er, wurden von den Nationalsozialisten als „entartet“ gebrandmarkt.

Der Rock‘n‘Roll, allen voran „Rock Around The Clock“ von Bill Haley & His Comets, begleitete die Rebellion der Halbstarken in den 50ern. Die Beatles stehen für die Aufbruchstimmung der frühen 60er.

John Lennon im November 1966 – mit den Beatles prägte er die Aufbruchstimmung der frühen 60er.
John Lennon im November 1966 – mit den Beatles prägte er die Aufbruchstimmung der frühen 60er. | Bild: dpa

Woodstock ist ein Synonym für die Devise „Love & Peace“ (Liebe und Frieden) der Hippie-Bewegung in den späten 60ern und frühen 70ern, als der Protest gegen den Vietnamkrieg schließlich in die sexuelle Revolution mündete. Und weil sich auch in der Musik stets Gegenkräfte entwickeln, war die lärmende Anarchie des Punk die logische Antwort auf die sanften Klänge der drogenseligen Aussteiger.

Die Begleiterscheinungen der musikalischen Bewegungen sind regelmäßig irgendwann alltäglich geworden – als bunte Haare, Sicherheitsnadeln oder Tätowierungen salonfähig wurden, taugten sie nicht mehr als Außenseitersymbolik.

Musik als Spiegel

Weil Musik gleichzeitig ein Teil wie auch ein Spiegel der Gesellschaft ist, gibt es natürlich auch finstere Facetten. Die fromme Mär, böse Menschen hätten keine Lieder, ist leider ein Irrtum, wie der zunehmende Erfolg diverser Rechtsrock-Bands beweist.

Aber auch die populäre Musik hat ihre Schattenseiten. Hip-Hop war einst ein typisches Ausdrucksmittel einer Subkultur in den Ghettos der amerikanischen Großstädte und erfüllte hierzulande lange eine ähnliche Funktion.

Kunst kennt keine Grenzen

Grandmaster Flash zum Beispiel rappte über Drogensucht, Armut und Gewalt („The Message“, 1982). Dann entwickelte sich in den 90ern der Gangsta-Rap, der mittlerweile als Synonym für Frauenfeindlichkeit, Homophobie, Gewaltverherrlichung und Antisemitismus gilt.

Trotzdem ist die gesellschaftliche Toleranz heutzutage deutlich größer als in früheren Zeiten, weil der Freiheit der Kunst fast keine Grenzen gesetzt werden. Das war in der Historie der Musik ganz anders.

Zensur gibt es überall

Behrendts ältestes Beispiel für verbotenes Liedgut liegt weit über tausend Jahre zurück, als kirchliche und weltliche Obrigkeiten äußerst empfindlich auf Spottgesänge reagierten. Zur Zeit des Nationalsozialismus mussten Künstler, die den Faschisten nicht passten, mit Berufsverbot rechnen, im Ostblock war es kaum anders.

Aber auch im Westen gab es regelmäßig Zensurversuche, allerdings weniger von oben: Radiosender haben sich in vorauseilendem Gehorsam immer wieder geweigert, bestimmte Songs zu spielen.

Eines von Behrendts frühesten Beispielen ist „Strange Fruit“ (1939): Die amerikanische Jazzsängerin Billie Holiday prangert in dem Lied die Lynchjustiz an Schwarzen in den Südstaaten an. 15 Jahre später rief der französische Chansonnier Boris Vian seine männlichen Landsleute mit dem Titel „Le déserteur“ dazu auf, die Teilnahme am Algerienkrieg zu verweigern.

Musik als Sprachrohr

Spätestens in der zweiten Hälfte der 60er wurde populäre Musik endgültig zum Sprachrohr der Jugend. The Who brachten das Lebensgefühl jener Jahre mit „My Generation“ (1965) auf den Punkt: „Hope I Die Before I Get Old“ (Hoffe, ich sterbe, bevor ich alt werde).

Auf der Höhe ihrer Zeit waren auch The Doors (vor allem mit „The End“, 1967). Durch seinen frühen Tod (1971) wurde der Sänger der Band, Jim Morrison, endgültig zur Projektionsfigur für „die Suchenden, die Zweifelnden, die Frustrierten und die Rebellischen“, wie Behrendt in seinem Buch schreibt.

Jim Morrison war Sänger der US-Rockband The Doors.
Jim Morrison war Sänger der US-Rockband The Doors. | Bild: Manfred Rehm / dpa

Zur gleichen Zeit erhitzte Andrew Lloyd Webber mit seinem aus heutiger Sicht völlig harmlosen Musical „Jesus Christ Superstar“ die Gemüter christlicher Kreise, die es bereits als Blasphemie empfanden, dass die Passion Christi als Rockoper präsentiert wurde. Wenige Jahre später hielt die Popmusik Einzug in den Gottesdienst, zumindest in den progressiven Kirchengemeinden.

In Deutschland formulierte derweil die Band Ton Steine Scherben mit Rio Reiser die Parole für den linksalternativen Aufbruch, der neben Demonstrationen und Hausbesetzungen schließlich auch die RAF gebar: „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ (1970).

Eine Nische für jeden

Dass Musik in der Gegenwart nur noch selten für Skandale sorgt, hängt vor allem mit der Fragmentierung des Musikmarkts zusammen. Dank der Digitalisierung gibt es selbst in den Nischen noch Nischen für winzige Minderheiten.

Als die deutsche Musikwelt gegen den Echo für „0815“ protestierte, war das Lied bereits mehrere Monate auf dem Markt – außerhalb der Rap-Szene hatte den Text offenbar niemand zur Kenntnis genommen.

Abgesehen davon ist es schwer, in einer liberalen Gesellschaft wie der unsrigen mit Songtexten nachhaltige Skandale zu provozieren. So gesehen hat es Pussy Riot einfacher.

Die Aktionskünstlerin Maria Aljochina ist Mitglied der russischen Punkband Pussy Riot.
Die Aktionskünstlerin Maria Aljochina ist Mitglied der russischen Punkband Pussy Riot. | Bild: Uwe Anspach / dpa

In autokratisch regierten Staaten gehört aber weitaus mehr Mut zum musikalischen Protest: Für ihr „Punk-Gebet“ (2012) in einer Moskauer Kirche landeten mehrere Mitglieder des regimekritischen russischen Künstlerkollektivs vor Gericht und wurden zu Haft verurteilt.