Jetzt wird wieder gesungen und musiziert. Auffällig ist jedoch, wie viele Weihnachtslieder gar nicht Weihnachten, sondern Schnee und Glöckchen beschwören. Offenbar sind schneebedeckte Landschaften doch sensationeller als die Ankunft des Messias. Sicherlich ließe sich darüber streiten, ob so beliebte Lieder wie „Schneeflöckchen Weißröckchen“, „Jingle Bells“ oder „O Tannenbaum“ überhaupt Weihnachtslieder sind oder nicht doch einfach nur Winterlieder. Ihr exzessiver Gebrauch in der Weihnachtszeit spricht allerdings dafür, dass sie als Weihnachtslieder zumindest verstanden werden.

Weihnachten ohne Weihnachten: Während „Kling Glöckchen klingelingeling“ immerhin die „Gaben“ anspricht, die für die meisten Kinder Quintessenz des Weihnachstfests sind, träumt Bing Crosby seit 1941 von einer weißen Weihnacht. Auch hier, in „I’m Dreaming of a White Christmas“, dem kommerziell erfolgreichsten Weihnachtslied aller Zeiten, rückt der eigentliche Anlass für die Weihnachtsfeier völlig in den Hintergrund. Getoppt wird das wohl nur noch von dem Song „Last Christmas“ des Achtzigerjahre-Duos Wham!. Das Weihnachten im Titel ist geradezu eine Irreführung. Nicht einmal der Schnee wird hier besungen. Der Song erzählt von einer gescheiterten Liebe, die „letzte Weihnachten“ zerbrochen ist. Der Zeitpunkt ist im Grunde völlig irrelevant, es hätte auch „Last Summer“ sein können.

Während sich Bing Crosby also nichts sehnlicher als weiße Weihnachten wünschte, arbeitete man im nationalsozialistischen Deutschland ganz systematisch daran, den Weihnachtsliedern ihre religiösen Implikationen auszutreiben. Ausdrücklich verboten wurde zwar nur das Lied „Tochter Zion“, wo der Name Zion als alttestamentarische Metapher für Jerusalem bereits zu starke Assoziationen ans Judentum weckte. Doch den Nationalsozialisten war klar, dass sie darüber hinaus den Fundus an beliebten Weihnachtsliedern wie „Stille Nacht“ oder „Ihr Kinderlein kommet“ nicht verbieten konnten. Also wurden die Texte umgedichtet, und dabei ging es nicht nur um die Beseitigung von jüdischen Implikationen wie zum Beispiel der Textzeile „von Jesse kam die Art“ in „Es ist ein Ros entsprungen“. Die ersten Zeilen des Liedes lauteten nun so: „Uns ist ein Licht erstanden in einer dunklen Winternacht. So ist in deutschen Landen der Glaube neu entfacht.“

Die neuen Texte mieden auch das Jesuskind oder die Engel wie der Teufel das Weihwasser. Selten, dass mal Gott in einem der Lieder überlebte. Aus dem vielleicht kitschigen, ansonsten aber eher harmlosen Text zu „Stille Nacht, heilige Nacht“ wurde selbst das „traute, hochheilige Paar“ mitsamt „holdem Knaben in lockigem Haar“ eliminiert. Nun hieß es: „In dem festlichen trauten Raum/ steht der strahlende Lichterbaum“.

Insgesamt ging es im Nationalsozialismus darum, das Weihnachtsfest zu einem vermeintlich germanischen Sonnenwendkult, dem Julfest, umzubauen. Licht und Dunkelheit bzw. die Geburt des Lichts aus der Dunkelheit wurden zur zentralen Metapher für eine Ideologie, die Tod und Krieg mit der Perspektive auf ein helles deutsches Reich zu rechtfertigen versuchte. „Werdet Lichtsucher all!“ hieß es daher in „Stille Nacht“ an der Stelle von „Christ, in deiner Geburt“. Und in der dritten Strophe: „Das zum Leben erweckende Licht/ Sieghaft durch das Dunkel bricht!“

Geschichten und Legenden: Viele beliebte Weihnachtslieder wie „Stille Nacht“, „Leise rieselt der Schnee“ oder „Oh du fröhliche“ stammen aus dem 19. Jahrhundert. Und oftmals ranken sich die rührseligsten Legenden um ihre Entstehung. Je beliebter das Lied, desto größer ist der Fundus an Varianten. Sie erzählen von ärmlichen Verhältnissen, von Hilfspfarrern, kaputten Orgeln, Waisenkindern, Notfällen und Notlösungen. So kommt keine Entstehungsgeschichte zu „Oh du fröhliche“ ohne den Hinweis aus, dass der Laientheologe Johannes Falk, der den Text schrieb, vier seiner Kinder an Typhus verloren hatte und daraufhin ein Waisenhaus gründete. Für das Lied „O du fröhliche“ griff er auf die Melodie eines sizilianischen Marienliedes zurück. Eine Weihnachtspredigt noch aus dem Jahr 2010 dichtet an dieser Stelle einen kleinen und todkranken sizilianischen Waisenjungen hinzu, der bei Johannes Falk Aufnahme findet, kein Wort Deutsch spricht, aber noch im Sterben das Marienlied vor sich hinsummt, das sodann von den anderen Kindern mitgesummt und von Falk für sein Weihnachtslied aufgegriffen wird. In Wahrheit hatte Falk die Melodie Johann Gottfried Herders Sammlung „Stimmen der Völker in Liedern“ entnommen. Doch das wäre in einer Weihnachtspredigt wohl zu profan herübergekommen.

Schön ist auch die Geschichte hinter „Stille Nacht, heilige Nacht“, dessen Text von einem Hilfspfarrer namens Joseph Mohr aus der Nähe von Salzburg stammt. Der gab ihn an den Dorfschullehrer und Organisten Franz Xaver Gruber, der die Melodie dazu schrieb. Auch das wäre eine ziemlich schmucklose Geschichte, weswegen die Legende will, dass die Orgel in St. Nikola in Oberndorf just an Heiligabend kaputtging und verstummte. Die beiden Männer schrieben also aus der Not heraus das Lied „Stille Nacht“, trugen es zweistimmig mit Gitarrenbegleitung vor und retteten so die Christmette. Das Lied fand dann tatsächlich eine rasante Verbreitung über Österreich hinaus und als „Silent Night“ bis in die USA. Dort hielt man es zeitweise sogar für ein US-amerikanisches Volkslied. Der Irrtum ließ sich allerdings aufklären. Heute gibt es eine Stille-Nacht-Kapelle in Oberndorf, die dort errichtet wurde, wo einst die St.-Nikola-Kirche stand (siehe auch unsere Reisebeilage). Sicherlich nicht zuletzt wegen der US-amerikanischen Touristen ist sie zu einem Wallfahrtsort für „Stille Nacht“-Bewunderer geworden.

.Nicht alle Weihnachtslieder verbreiten wohlige Stimmung. Die nervigsten Versionen finden Sie hier: www.sk.de/exklusiv