Was für Zustände herrschen nur in dieser Stadt! Huren und Zuhälter schleichen durch die verwinkelten Gassen (Bühne: Moritz Müller), an einer Ecke erledigt jemand sein Geschäft, woanders trifft man sich zur Orgie: Sexismus, Diskriminierung und Belästigung allerorten. Fast so schlimm wie in der bundesdeutschen Wirklichkeit unserer Tage. Höchste Zeit also, für Sitten und Anstand zu sorgen. Der alte Herzog Vincentio (Hans Kremer) ist dafür zu weich, das weiß er selbst. Deshalb muss der junge Angelo (Daniel Sträßer) ran: Tugendwächter und Besserwisser der ersten Stunde, bereit, auch die kleinste Sünde unerbittlich zu ahnden.

An Shakespeares Komödie „Maß für Maß“ spielt Regisseur Jan Bosse im Zürcher Schauspielhaus die Machtübernahme der politisch Überkorrekten durch. In Gestalt von Angelo, diesem trotzigen Bübchen mit langem Haar, gerät die empörungsbereite Generation Twitter an die Schalthebel der Gerichtsbarkeit: Von nun an wird auch der kleinste Fehltritt mit Hinrichtung bestraft.

Als ersten trifft es Claudio (Benito Bause), ein Luftikus in Schlagersängermontur. Er hat seine Freundin geschwängert. Und das ist allein deshalb ungeheuerlich, weil er mit ihr ja nur verlobt ist, noch nicht aber verheiratet. Schon bald beobachten wir, wie sich kleine Halunken vor Gericht um Kopf und Kragen reden. Etwa der begriffsstutzige Zuhälter Pompey (Milian Zerzawy): Angelo möchte von ihm wissen, was er mit der ehrenwerten Frau Elbow angestellt habe – „und zwar von vorne!“ Also von vorne, stammelt Pompey, habe er mit ihr eigentlich gar nichts angestellt...

Schurken wie Claudio und Pompey landen im Kerker. Gefesselt sind sie mit Frischhaltefolie, am ganzen Körper auch am Kopf, der Erstickungstod ist nah. So wird aus dem Sündenpfuhl Stück für Stück ein Hort der Tugend. Und das bedeutet: Während in überfüllten Kerkern einfache Bürger um Luft ringen, werden auf den Straßen Heilige zu Huren, Huren dagegen zu Heiligen. Will sich etwa Claudios Schwester Isabella (Lena Schwarz im unschuldig weißen Nonnengewand) für ihren Bruder einsetzen, so kann sie das im Bett des neuen Herrschers tun. Die perfide Logik hinter dessen Vorschlag lautet: „In der Sünde liegt Barmherzigkeit, wenn sie das Leben eines Bruders rettet!“ Ein Glück, dass es Prostituierte wie Mariana (Lisa-Katrina Mayer) gibt, die sich für solche Dienstleistungen als Ersatzkräfte anbieten!

In dieser Welt der reinen Sitten werden abgeschlagene Menschenköpfe bald tütenweise über die Bühne geschleppt. Und das Hinrichten ist so alltäglich geworden, dass die Gefangenen nur noch müde abwinken, wenn der Henker ruft. So sieht sie also aus, die perfekt organisierte Gesellschaft ohne Ressentiments und Diskriminierungen, ohne sexistische Anwürfe und politisch heikle Wortmeldungen.

Bis auf den alten Herzog Vincentio sind sie alle Witzfiguren, die Huren wie die Heiligen, die Herrschenden wie die Halunken. Und doch sind sie lächerlich auf ganz unterschiedliche Weise. Jenen nämlich, die sich ihrer Schwächen bewusst sind, gehört unsere Sympathie. Dort aber, wo der Narr sich als Weiser versteht, schlägt die Belustigung in kaltes Grausen um. Das gilt keineswegs nur für den tugendwahnsinnigen Angelo, sondern auch für die gottesfürchtige Isabella. Denn so zynisch das Ansinnen des Statthalters auch ist: Dass ihr die eigene Unschuld mehr gilt als das Leben des Bruders, offenbart ein kaum weniger fragwürdiges Moralverständnis. In seiner Radikalität steht es jedenfalls dem ihres Gegners in nichts nach.

Es ist großartig, wie Lena Schwarz in ihrer als Opfer angelegten Rolle diese eigensinnige Härte zur Geltung bringt. Wunderbar auch, wie Daniel Sträßer in seinem Moralprediger die dekadente Weichlichkeit jener Gecken nachzeichnet, die so gerne über andere urteilen, ohne selbst je Verantwortung getragen zu haben. Und viel Freude bereitet nicht zuletzt Milian Zerzawys unterbelichteter, aber grundehrlicher Zuhälter Pompey.

Was macht eigentlich Herzog Vincentio während sich in seiner Heimat das Grauen ausbreitet? Offiziell legt er nur ein Päuschen ein, will als armer Mann in der Ferne über sein Leben nachdenken. In Wahrheit hat er sich von Anfang an als Mönch verkleidet unters Volk gemischt. So kann er durch Selbstenttarnung der Komödie ein glückliches Ende bereiten: Der Herzog ist zurück, Angelo wird abgesetzt, und der Tugendterror hat ein Ende. Bei Shakespeare gibt es jetzt eine fröhliche Doppelhochzeit. In Zürich dagegen gibt der Herzog seine Macht endgültig ab. Diesmal geht sie an einen geeigneteren Kandidaten: den Kerkermeister. Der weiß wenigstens, dass auch im größten Sünder noch menschliche Würde steckt.

Kommende Vorstellungen: heute sowie am 20., 22., 24. und 27. April, außerdem am 15. und 17. Mai. Weitere Informationen unter: www.schauspielhaus.ch