Das Genre der Late-Night-Show nimmt in der internationalen Fernsehlandschaft eine ungewöhnliche Rolle ein: Zwischen absolutem Mainstream und verkopftem Nischenfernsehen, zwischen oberflächlicher Unterhaltung und tiefgreifender politischer Satire, hat das Genre selbst den Sprung ins digitale Internetzeitalter gemeistert.

Unter Deckmänteln

Während die klassischen Late-Night-Moderatoren in den USA wirkliche Superstars sind, findet Late Night in Deutschland seit dem Ende der Harald-Schmidt-Show eher unter Deckmänteln statt – und ist trotzdem extrem erfolgreich. Siehe TV Total, siehe die heuteshow, siehe Neo Magazin Royale.

Bild: Jeremias Heppeler

Late-Night-Shows zeichnen sich vor allem durch Regelmäßigkeit aus: Die Übertragungen suhlen sich im Puls der Zeit, den Moderatoren gelingt der direkte Zugriff aufs Zeitgeschehen. Sie sind Einordner, Verordner und Kommentatoren, Provokateure, Störer und Spiegel-Vorhalter.

Experimentelle Performance

Dieses Konglomerat der Eigenschaften faszinierte den Konstanzer Studenten Paul Voëll nachhaltig. So eindrücklich, dass er sein eigenes Format kreieren will. Die eigene Form der experimentellen Performance. Zunächst aber nimmt er den Umweg über das klassische Theater.

Hospitanz am Schauspielhaus

Voëll hospitierte am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und bei den Salzburgern Festspielen, brachte sich aktiv am Uni-Theater ein. Nur um dann festzustellen, „dass klassische Theaterformen nichts für mich sind.“ Voëll vermisste in der Theaterstadt Konstanz ein ungeskriptetes Format, das sich in den Parametern der Performance bewegt. Und da kocht sie wieder auf, die Idee einer Art Post-Post-Late-Night, welche den Diskurs und das Genre ständig im Blick hat, aber an entscheidenden Stellen konsequent Neues kreiert.

Bild: Jeremias Heppeler

2018 feierte die Paul-Voëll-Show mit einem Schwerpunkt auf „Ängste und Gefühle“ ihre Premiere. Wenn man so will, erscheint Voëll in seinem Format als Künstlergolem unserer digitalen Realität, ein Nerd und Verehrer seiner Vorbilder, der kritisch hinterfragt und im Do-It-Yourself-Modus tätig wird.

Late Night absorbiert

Voëll, das zeigt sich im Gespräch, hat Late Night absorbiert, der Student nennt Stephen Colbert („Fast schon übermenschlich souverän“), Harald Schmidt („Das Improvisationsgenie schlechthin, das unsere Gedanken entlarvt“), Eric André („Anarchist und Nihilist“) und Christoph Schlingensief („Der in seinen Shows auf skandalträchtige Weise die moralischen Dimensionen des Fernsehens hinterfragte“) als Einflüsse, aber auch als Beispiele der Vielfalt, welche das Genre bietet.

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„Der sehr offene Rahmen der moderierten Show ist die eine Vorgabe der Paul-Voëll-Show. Die andere ist, dass dieser Moderator ein Mensch ist, keine glatte, unangreifbare Gag-Maschine, ein Mensch, der außerdem mehr darauf eingeht, dass er sich unter anderen leiblich anwesenden Menschen befindet, als sich an ein distanziertes hypothetisches Fernseh-Publikum zu richten.“

Blick auf das eigene Selbst

Die Paul-Voëll-Show richtet sich nicht extrovertiert nach außen, sondern introvertiert auf die Innenräume. Der Rahmen wird bewusst verknappt, der Blick richtet sich schonungslos auf das eigene Selbst. Der Moderator transformiert von der Teflon- zur reflektierenden Spiegelfläche. Die Querverbindung zum Theater bleibt bestehen: Für jede Aufgabe holt sich der Moderator eine angehende Theatermacherin ins Boot. Für die anstehende zweite Ausgabe zum Thema „Ängste“ ist es Lucia Wunsch, die nach ihrem LKM-Studium in Konstanz mittlerweile angewandte Theaterwissenschaft studiert.

Ego-Maschine

Aber Ängste? Der Job des Late-Night- Moderators basiert auch immer auf einer ultimativen Ego-Maschine, er scheint frei von Ängsten. Der Moderator darf eigentlich keine Schwächen zeigen, er ist der hyperselbstbewusste Kommentator des Zeitgeschehens. Im Gespräch unterbricht Voëll diesen Gedanken: „Und er ist dazu auch: unnahbar. Durch Facebook, Instagram, Tinder betreiben wir, wenn wir daran partizipieren, doch alle heutzutage eine Art ultimative Ego-Show. Wir inszenieren uns selbstbewusst, Schwächen werden weggefiltert. Ich rücke deswegen kein künstliches Selbstbewusstsein ins Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern meine individuelle Zerbrechlichkeit. Fehler und Überforderung sind Teil dieses Experiments.“

Bild: Jeremias Heppeler

Verletzlichkeit statt schonungsloser Unterhaltung – eigentlich ist das ein Widerspruch in sich. Jan Böhmermanns entscheidende Charaktereigenschaft ist seine Unangreifbarkeit, selbst in Momenten der Selbstaufgabe. Böhmermann ist in vielerlei Hinsicht nicht zu greifen, er entzieht sich ständig. Stefan Raab indes lächelte jede Unsicherheit mit seinem legendär breiten Lächeln weg. Einzig der amerikanische Host Jimmy Kimmel zeigte sich in der Vergangenheit punktuell emotional. In Tränen nutzte er sein klassisches Begrüßungs-Standup für eine super emotionale Anklage nach dem Amoklauf von Las Vegas – und hinterließ sein Publikum, das darauf nicht vorbereitet war sprachlos.

Genaue Vorstellungen

Auch die Paul-Voëll-Show spielt mit den Erwartungen ihres Publikums, das oft eine ganz genaue Vorstellungen davon hat, wie ein solcher Unterhaltungsabend aussehen sollte. Der Moderator kennt seine Gäste nicht, er wird selbst immer wieder aufs Neue überrascht. Klar, die Gefahr des Scheiterns rückt ins Zentrum, aber eben auch die Rückkopplung auf das Publikum, das jetzt nicht mehr ins sichere Smartphone starrt, sondern auf Paul Voëll, der gerade mit herunter gelassenen Hosen (und ja: im metaphorischen Sinne) seine Show moderiert. Eigentlich müsste das zur Prime Time ausgestrahlt werden.

Die Paul-Voëll-Show geht am Samstag, 23. Februar, in ihre zweite Runde, Beginn ist um 20 Uhr auf der Studiobühne der Universität Konstanz. Reservierungen über http://show.hsg@uni-konstanz.de werden empfohlen. Eintritt 5 Euro.