Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und die stellvertretende AfD-Fraktionschefin Beatrix von Storch haben sich auf dem Kurznachrichtendienst Twitter ein lyrisches Duell geliefert. „Ihr spaltet und zerstöret immerfort. Humanität ist stärker als Euer garstig Wort“, reimte der Minister. Woraufhin seine Kontrahentin antwortete: „Beschimpft der Punk die Polizei / Ist Flüchtlingspeter gern dabei / Wird der BAMF-Skandal besprochen / hat Flüchtlingspeter nichts verbrochen / Dann ruft er nicht mehr: Wir sind mehr / sondern: DAS war de Maizière.“

Es gibt schlechtere Angewohnheiten von Politikern als den Hang zum Dichten. Im Gegenteil: Mit Blick auf Frau Storchs jambischen Vierheber würde man ihrer Partei doch tatsächlich wünschen, sich ruhig öfter in derart kultivierten Ausdrucksformen zu üben. Da wirkt die vorgebrachte Kritik plötzlich sachlicher und gesitteter als sonst („Wir werden sie jagen!“).

Humanistisch oder gefährlich?

Nun sollte man mit Gleichsetzungen von Dichtkunst und politischem Feingefühl vorsichtig sein. Nicht jeder, der unfallfrei Sonette oder Limericks zu Papier bringt, ist auch ein Humanist. „Ich habe mich vom Guten abgewendet / brenne wie eine Zigarette auf / meinen neurotischen Lippen. / Von allen fertiggemacht / warte ich in der / Morgendämmerung auf / meine große Stunde.“ Das liest sich eher gefährlich als humanistisch. Kein Wunder: Der Dichter war Radovan Karadzic, bosnisch-serbischer Kriegsverbrecher.

Saddam Hussein brachte noch in der Todeszelle schwülstige Verse zu Papier („Blut ist billig in harten Zeiten“) und Nordkoreas Diktator Kim Il Sung schenkte seinem Sohn zum 50. eine selbst verfasste Lobeshymne („Seit der Geburt des leuchtenden Sterns sind 50 Jahre vergangen“). Sogar Adolf Hitler hat Rührendes über sterbende Mütter zusammengereimt („Die Stunde kommt, die bitt’re Stunde“). Nein, wer als Dichter Feinsinniges ersinnt, muss deshalb noch lange nicht auch als Politiker ein Garant für den Frieden und die Freiheit sein.

Versmaß für Redenschreiber

Vielleicht wäre es aber eine gute Idee, den Parlamentsbeiträgen selbst mehr lyrisches Format abzuverlangen. Auf Versmaß, Reimschema und rhetorische Figuren achten zu müssen, zwingt den Redner nämlich zur Mäßigung. Zu hoffen wäre deshalb, dass es statt billiger Polemik dann deutlich mehr differenzierte Betrachtungen gäbe.

Das Niveau würde noch aus einem weiteren Grund steigen. Wer sich nämlich beim Schreiben einer festen Form unterwirft, der kommt auf neue Ideen. So mancher Dichter hat beim verzweifelten Versuch, ein Reimwort auf „Menschen“ zu finden, ganz neue Erkenntnisse erlangt (zum Beispiel Peter Rühmkorf: „Die schönsten Verse des Menschen, sind die Gott­fried Bennschen“). Was gibt es für ein besseres Mittel als Reime um die eigene politische Haltung noch einmal grundlegend zu überdenken?

Das beste Argument für mehr Lyrik in der Politik ist aber ein ästhetisches. Bundestagsdebatten würden schlichtweg an Schönheit gewinnen und damit an Unterhaltungswert. Lasst unsere Politiker in Versen sprechen, und schon geht es mit dem Interesse an den Bundestagsdebatten steil nach oben: Es wird nicht lange dauern, da überholt Phoenix bei den Einschaltquoten das Dschungelcamp. Es sei denn, dort fangen sie auch an zu dichten.