Es ist an der Zeit, ein Tier zu loben, das zu Unrecht in Verruf gekommen ist. Die Rede ist vom Schweinehund. Experten zufolge handelt es sich um ein Wesen, das ausschließlich im menschlichen Körper anzutreffen ist, mithin ein Parasit. Doch anders als sein Artgenosse, der Bandwurm, frisst er uns nicht die Hälfte der Nahrung weg. Dafür ist er zu faul. Nein, so ein Schweinehund – auch „innerer“ Schweinehund genannt – zieht bloß ein bisschen von unserer überschüssigen Energie ab.

Geist und Fleisch

Deren Vorkommen in unserem Körper ist sehr ungleich verteilt. Das gilt zum Beispiel für das Verhältnis zwischen Geist und Fleisch. Wenn die beste Ehefrau der Welt in skandalöser Frühe aufsteht, um sich hellwach dem Aufwecken, Verpflegen und Zur-Schule-Schicken der müden Brut zu widmen, dann sagt der Geist des noch dahindämmernden Journalistengatten: Du musst jetzt auch aufstehen! Aus Solidarität!

Kraftlose Lappen

Weil aber Muskeln, Nervenstränge und Gelenke nach Jahrzehnten des morgendlichen Dämmerzustands zu kraftlosen Lappen degeneriert sind, bleibt das Fleisch oft genug frech liegen. Da kann der Geist schreien und zetern, wie er will. Allenfalls rächen kann er sich noch: mit schlechtem Gewissen für den Rest des Tages.

Energie vs. Schweinehund

Doch auch der Geist selbst ist gespalten in eine von Energie nur so strotzende Hälfte und eine, auf der es sich unser Schweinehund gemütlich macht. Die erste lässt den Geist voller Tatendrang Pläne schmieden. Zum Beispiel den, eine dringend benötigte Kolumne zu schreiben. Auf der zweiten Hälfte aber liegt ja der Schweinehund. Der erhebt sich kurz, gähnt leise, bestreitet die von nebenan behauptete Notwendigkeit des Projekts – und legt sich wieder hin. Das war‘s dann mit der Kolumne.

Nützliche Parasiten

Nun mag sich mancher fragen, was es daran zu loben gibt. Zunächst müssen wir uns bewusst machen, dass Parasiten keineswegs nur schädlich sind. Im Gegenteil: Ihr durch immer höhere Hygienestandards bewirkter Rückgang hat nach Ansicht von Experten zu einer Ausbreitung von Allergien geführt. Und Studien zeigen, dass viele Erkrankungen des Immunsystems sich durch Einnahme bestimmter Fadenwürmer bekämpfen lassen.

Diagnose „Steppenwolf“

Der Geist kann von verschiedensten Arten an Schmarotzern befallen sein. So findet sich in der einschlägigen Literatur die Diagnose „Steppenwolf“. Unter einem solchen Mitbewohner seines Körpers leidet Hermann Hesses Romanheld Harry Haller. Ihm passiert es, dass mitten im gepflegten Smalltalk der innere Wolf die Zähne fletscht und seinem Wirt befiehlt, unverschämt zu werden. Da haben wir doch lieber einen gemütlichen Schweinehund.

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Anders als ein Steppenwolf ist dieses Wesen nämlich in etwa so heilsam wie die Fadenwürmer aus den wissenschaftlichen Studien. Ohne den inneren Schweinehund würde unser mentales Immunsystem ganz ähnlich durchdrehen wie das organische seit dem Ausbleiben seiner natürlichen Feinde. Menschen, denen es im allgegenwärtigen Hygienewahn gelungen ist, ihren Schweinehund loszuwerden, berichten davon, wie sie sich seither schier um den Verstand arbeiten: Hygiene erfolgreich, Patient ausgebrannt, na toll.

Pflegen und streicheln

Darum lasst uns Schweinehunde pflegen und streicheln, solange es sie gibt. Wir verdanken ihnen unser Lebensglück. Und am Ende sogar doch noch diese Kolumne.