Soll der technologische Fortschritt nicht nach hinten losgehen, muss der Mensch lernen, Verantwortung zu übernehmen. Das gilt insbesondere für die Entwicklung von künstlicher Intelligenz: jenem Forschungszweig, der uns fürchten lässt, eines Tages werden Maschinen ein eigenes Bewusstsein entwickeln und uns beherrschen statt uns zu dienen.

Das Horrorszenario einer außer Kontrolle geratenen Schöpfung findet sich in Mary Shelleys legendärem Roman "Frankenstein". Das aus Leichenteilen zusammengeschraubte und zum Leben erweckte Wesen wird bald zur Gefahr für die Menschheit, tötet Kinder und Frauen.

Fortschritt ist moralische Chance

So gruselig dieses Phänomen ist: Shelley liefert dafür Erklärungen, die uns heute an der Schwelle zu einer neuen Epoche hilfreich sein können. Denn das Böse in Frankensteins Kreatur fällt nicht vom Himmel, sondern ist die natürliche Reaktion auf das Verhalten menschlicher Vorbilder. Wer einem künstlich erschaffenen Bewusstsein Egoismus vorlebt, darf sich nicht wundern, wenn sich dieses daran orientiert. Verantwortung für künstliche Intelligenz bedeutet also: Sollen sich unsere Roboter an moralischen Vorgaben orientieren, müssen wir uns erst selbst an diese halten. Der technische Fortschritt als moralische Chance.

Bild: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Am Zürcher Schauspielhaus denken jetzt Autor Dietmar Dath und Regisseur Stefan Pucher Shelleys Horrorklassiker weiter, über die rein biologische Schöpfung von Leben hinaus in eine technologisch entwickelte Intelligenz hinein. Frankenstein (Edmund Telgenkämper) ist ein Forscher, der optisch an Rammstein-Sänger Till Lindemann erinnert – nicht der seriöseste Typ Wissenschaftler.

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Sein Geschöpf (Robert Hunger-Bühler) ist seit Jahren nur provisorisch stillgelegt, steht starr wie eine Mumie in Dr. Waltons (Julia Kreusch) futuristischer Kältehalle (als giftgrünes Labor eingerichtet von Barbara Ehnes).

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Frankenstein selbst hat längst genug an Abenteuern mit der einst seiner Kontrolle entglittenen Kreatur erlebt. Er sucht jetzt nur noch nach dem Ausschalter, mit dem sich das Monster endgültig ins Jenseits befördern lässt.

Doch leider gibt es da noch die ambitionierte Kollegin Prof. Anna Waldmann (Inga Busch). Sie glaubt daran, mit der Kreatur eine neue Menschheit zu erschaffen. Ihre These: Gerade weil das Geschöpf von keinen Eltern, keiner Religion und keiner Kultur die Unterscheidung von Gut und Böse gelernt hat, könnte es seine eigene Definition finden. Vielleicht eine bessere als unsere.

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Dazu müsste es freilich das Denken lernen. Und weil Denken über Sprache funktioniert, implantiert ihr die Forscherin kleine Chips, auf denen tausende Dialoge echter Menschen abgespeichert sind. Auch Frankensteins untote Ex-Geliebte, Elisabeth, stattet sie damit aus. So können sich beide Kreaturen im Dialog Stück für Stück die Welt erschließen: ein Roboterpaar erarbeitet sich sein Bewusstsein selbst.

Eine kuriose Idee? Keineswegs! Der Ansatz nennt sich "Talking Heads" und geht auf den belgischen Wissenschaftler Luc Steels zurück.

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Auf der Zürcher Bühne freilich geht es bald schon drunter und drüber. Über Video-Einspielungen blicken wir ins Bewusstsein längst Verstorbener, in Zeitsprüngen sehen wir mal frühe, mal künftige Episoden aus der Existenz der Kreatur, und immer wieder erleben wir Frankenstein beim Versuch, sein Geschöpf wieder einzufangen.

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Das ist bei aller rasanten Unterhaltsamkeit allzu oft verwirrend. Wo genau noch mal hat Elisabeth jetzt all die Jahre gesteckt? Und wie müssen wir uns das mit den implantierten Chips vorstellen? Zwar blitzen wiederholt kluge Gedanken, raffinierte Bezüge auf. Viele Fragen aber bleiben offen, und nicht immer lohnt sich das Kopferzerbrechen.

Denken durch reden

Eine Freude macht es trotzdem, Robert Hunger-Bühlers Geschöpf dabei zu beobachten, wie es sich beim Reden in der allmählichen Verfertigung von Gedanken versucht. Edmund Telgenkämper überzeugt als mal verzweifelter, mal sarkastischer Frankenstein. Und Inga Buschs Professorin erscheint in ihrer Forschheit wunderbar unangenehm.

Absehbare Widersprüche

Frankensteins Geschöpf ist es, das uns lehrt, in welche Widersprüche wir uns begeben, wenn künstliche Intelligenz tatsächlich eines Tages auch künstliches Bewusstsein hervorbringen sollte. "Du beschuldigst mich des Mordes, und doch würdest du mit ruhigem Gewissen dein eigenes Geschöpf vernichten", wirft er seinem Erfinder vor. In der Tat: Wer Menschen erschafft, wird sie auch wie solche behandeln müssen.

Weitere Vorstellungen am 14., 23., 26., 29. und 30. Januar im Schauspielhaus Zürich (Pfauen). Weitere Informationen auf  www.schauspielhaus.http://ch