Frau Gebhardt, die FAZ beklagt, der Feminismus sei zu einem „allgemeinen Meinen und Fühlen“ verkommen. Stimmen Sie dieser Betrachtung zu?

Feminismus ist einerseits Gesellschaftstheorie, andererseits soziale Bewegung. Es gab da schon immer eine Rollenverteilung – die einen, die eher reflektiert um theoretische Grundlagen der politischen Forderungen gerungen haben, und die anderen, die mit Aktionen um die Sache gekämpft haben. Ich finde, beide Standbeine sind notwendig. Dass in der Öffentlichkeit die Aktivistinnen stärker auffallen als die Denkerinnen, liegt in der Natur der Sache.

Täuscht der Eindruck, dass der Feminismus in der aktuellen Debatte um das Frauenbild im Islam instrumentalisiert wird?

Das trifft zu, wenn sich Leute plötzlich angesichts der Flüchtlinge der Geschlechtergerechtigkeit erinnern. Aber es stimmt auch umgekehrt, dass Feminismus den Islam gelegentlich instrumentalisiert. Nämlich immer dann, wenn davon ausgegangen wird, Feminismus und Islam, Emanzipation und Kopftuch würden sich grundsätzlich widersprechen. Manchen weißen, westlichen Feministinnen dient der Islam als Erziehungsprogramm und als Drohkulisse – so sähe angeblich die Welt des Patriarchat aus.

Alice Schwarzer hat im Gespräch mit der Tageszeitung „Die Welt“ eine direkte Linie von den Vergewaltigungen in Köln zum Thema Kopftuch gezogen. Was halten Sie von solchen thematischen Verknüpfungen?

Das ist ein intellektueller Kurzschluss. Frau Schwarzer weigert sich zur Kenntnis zu nehmen, dass es Feministinnen im Islam gibt, die Kopftuch tragen, Physik studieren und lesbisch sind, um es einmal etwas zuzuspitzen. Sie geht von der Annahme aus, dass es nur einen aufgeklärten und säkularen Feminismus geben kann und darf und versteht nicht, dass Menschen widersprüchliche Bedürfnisse in ihrer Brust vereinen.

Sie haben einmal beklagt, dass bestimmte Äste der deutschen Frauenbewegung im Dritten Reich abgestorben seien.

Ich beklage den Verlust intellektueller Vielfalt. Die deutsche Frauenbewegung war um 1900 international Avantgarde, heute ist sie weithin abgeschlagen. Seit 1945 gab es keine wichtige deutsche feministische Denkerin mehr. Der Mangel drückt sich meines Erachtens darin aus, dass nur noch das Thema „sexual politics“, also sexuelle Selbstbestimmung und vor allem sexuelle Gewalt, viele Frauen zu mobilisieren vermag. Das ist der kleinste gemeinsame Nenner und in meinen Augen auch nicht das wichtigste Thema der Geschlechterordnung. Die Gerechtigkeitslücken in Arbeit, Wissenschaft und Kunst sind schließlich noch längst nicht geschlossen.

Sie vermissen in Deutschland relevante Beiträge zum Feminismus aus der Wissenschaft, wie es sie etwa in den USA durch Judith Butler gibt. Was würden Sie sich davon für den Feminismus in Deutschland erhoffen?

Ich wünsche mir zum einen mehr Realitätsbezug der akademischen Feministinnen, die mit Begriffen wie „cis“-Frauen und Unterstrich und Sternchen etcetera spielen, während es immer noch nicht möglich ist, von „Amazon“ als Autorin angesprochen zu werden. Zum anderen wünsche ich mir von den viel zitierten Jung- und Netzfeministinnen, dass sie sich mit der Herkunft mancher Positionen, die sie vertreten, mehr beschäftigen und nicht immer wieder dieselben, nicht weiterführenden Argumente des Patriarchats-Feminismus der Siebzigerjahre zitieren. Die Verteilung der Gut-und-Böse-Karten zwischen Frauen und Männern hat in den letzten vierzig Jahren nichts gebracht und wird das auch in den nächsten Jahrzehnten nicht tun.

Fragen: Johannes Bruggaier