Ob vorm Eiffelturm, den Pyramiden oder Michelangelos David: Ein Urlaubsfoto muss sein. Auch wenn man sich dafür inzwischen vielerorts in eine lange Warteschlange einreihen muss und der Urlaub schnell zur Geduldsprobe wird – schließlich möchte man ja ein Erinnerungsstück mit nach Hause nehmen. Vor zweihundert Jahren musste man dafür noch weit mehr Aufwand betreiben.

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Hätte man damals schon so einfach die Handykamera zücken können, wäre es sicherlich nicht anders zugegangen als heute in den Uffizien. Schon immer wollten die Menschen etwas von der Aura großer Kunst einfangen. Da das aber genauso wenig möglich war wie ein Poster aus dem Museumsshop, musste man auf andere Alternativen zurückgreifen, um sich im eigenen Heim von Raffael und Rubens umgeben zu wissen: zum Beispiel durch das Erwerben von Druckgrafiken. Diese geben bekannte Werke in Schwarzweiß-Abbildungen wieder. Auf den ersten Blick also ein schlechtes Pendant zum Poster. Nur, dass diese Gattung eben alles andere als ein billiger Abklatsch des Originals ist.

Der Kupferstich „Tod der Kleopatra“ betont die Stofflichkeit des Kleids – und die Kunstfertigkeit des Stechers.
Der Kupferstich „Tod der Kleopatra“ betont die Stofflichkeit des Kleids – und die Kunstfertigkeit des Stechers. | Bild: Kuhnle&Knoedler

Das wussten auch die Menschen vor 200 Jahren schon. Und ganz besonders Ignaz Heinrich von Wessenberg, der im frühen 19. Jahrhundert neben seiner Gemäldesammlung eine etwa 500 Werke umfassende druckgrafische Sammlung anlegte. Nachdem diese in den vergangenen Jahren wissenschaftlich erfasst wurde, lässt in Konstanz nun anhand der 80 schönsten und interessantesten Blätter nachvollziehen, weshalb sich ein zweiter Blick auf die Kopien durchaus lohnt.

„Gestochen scharf“

Für uns, die wir in der allgegenwärtigen Bilderflut schier untergehen, ist das nur schwer vorstellbar: Damals war ein Reproduktionsstich oft die einzige Möglichkeit der Vergegenwärtigung eines Werkes. Eine gemalte Gemäldekopie war im Vergleich oft ungemein teuer. Hält man sich diesen Umstand vor Augen, wird auch der besondere Wert der Grafiken deutlich: Die Künstler versuchten deshalb, ein im Original farbiges Gemälde allein mithilfe von Linien und Helldunkel möglichst genau abzubilden, sodass im Idealfall nicht nur das Motiv und die Komposition, sondern auch die unterschiedlichen Oberflächen und „Farben“ deutlich werden. Bis zu zehn Jahre konnte die Anfertigung einer Druckplatte somit dauern. Und aus dem „Abdruck“ wurde plötzlich ein selbstständiges Kunstwerk, für das die Menschen im ein oder anderen Fall doch bereit waren und sind, höhere Summen zu zahlen.

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Auch wenn als geläufige Bezeichnung der Kupferstich für die ganze Gattung steht, lassen sich in der Sammlung verschiedene Techniken ausmachen, mit denen eine Druckplatte hergestellt werden kann. Die Ausstellung legt darauf ein besonderes Augenmerk: Nicht nur die unterschiedlichen Werkzeuge und Verfahren werden hier vorgestellt, sondern auch das, was am Ende jeweils dabei rauskommt: und zwar mal mehr, mal weniger „gestochen scharfe“ Abbildungen.

An der Platte zu Raffaels „Sixtinischer Madonna“ arbeitete der Stecher Johann Friedrich Müller zehn Jahre lang.
An der Platte zu Raffaels „Sixtinischer Madonna“ arbeitete der Stecher Johann Friedrich Müller zehn Jahre lang. | Bild: "Kuhnle&Knoedler "

Neben der Technik hangeln sich die Räume der Wessenberg-Galerie noch an drei weiteren Fragen ab: Welche Motive werden in der Hoch-Zeit der Druckgrafiken bevorzugt, wie frei sind die Stecher bei der Nachahmung und wem haben wir für die Sammlung noch mal zu danken?

Förderer der Kunst

Der Freiherr von Wessenberg (1774-1860) war ein reformerisch eingestellter Kirchenmann und gleichzeitig großer Freund und Förderer der Kunst. Zunächst als Generalvikar, dann als Verweser des Bistums Konstanz interessierte er sich in erster Linie für Stiche mit religiösen Themen. Als gebildeter Mensch sammelte er aber auch Grafiken mit Motiven aus der antiken Mythologie und Darstellungen historischer Ereignisse. Niederländische, deutsche und italienische Genre- und Landschaftsdarstellungen, Architekturen und Porträtstiche ergänzen die nahezu vollständig erhaltene Kollektion.

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Ein besonderes Highlight des Rundgangs ist sicherlich die vergleichende Gegenüberstellung der Grafiken mit den ihnen zugrunde liegenden Gemälden. Gespiegelt, erweitert und in Schwarzweiß kommentieren und interpretieren die Reproduktionen ihre farbigen Vorlagen.

„Tod der Kleopatra“

Ein Beispiel: Während das Gemälde „Tod der Kleopatra“ von Netscher den Blick des Betrachters als erstes zu der Schlange am Busen der Sterbenden lenkt, führt Wille den Blick bei seinem Kupferstich ein Jahrhundert später auf die auf den Rock aufgestützte Hand Kleopatras. Betont wird damit nicht mehr der Selbstmord, sondern das Kleid Kleopatras – und damit die Virtuosität des Stechers, der die Stofflichkeit des Seidentafts besonders virtuos darstellt.

Hier kann man was lernen

Im Fall von Carraccis Interpretation des Tintoretto-Gemäldes „Minerva trennt Krieg und Frieden“ wird deutlich, wie viel Freiheit sich ein Stecher tatsächlich herausnehmen kann. Carracci streckt den Bildraum in der Breite, erweitert ihn und ergänzt darin Figuren nach eigenen Vorstellungen.

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Technischer Fortschritt, die Darstellung verbotener Nacktheit, Parodien und was es mit „Nietenblättern“ auf sich hat – all das und mehr thematisiert die Ausstellung. Wer neugierig ist, kann hier einiges lernen. Und dann selbst entscheiden: Lohnt sich der Blick auf den Spiegel der Malerei?

Die Ausstellung „Spiegel der Malerei – Die druckgraphische Sammlung des Freiherrn von Wessenberg“ läuft noch bis zum 17. November 2019 in der Städtischen Wessenberg-Galerie Konstanz im Kulturzentrum am Münster.