Wenn man 40-jähriges Bestehen feiert, dürfen Reden beim Festakt natürlich nicht fehlen: Am Samstagabend im Kulturzentrum freute sich der Vorsitzende des Jazzclubs Roland Baumgärtner darüber, dass der Saal „endlich mal voll“ sei – womit er darauf anspielte, dass der anspruchsvolle Jazz in Konstanz nicht immer einen leichten Stand gehabt hat: „Die Freude ist groß, dass so viele Musiker der ersten Stunde, die den Jazz in Konstanz ‚erweckt’ haben, dabei sind.“ Oberbürgermeister Uli Burchardt würdigte den Jazzclub als Teil der Stadtgeschichte: „Als er 1978 gegründet wurde war ich sieben Jahre alt – wie viele Musiker sind seitdem als Botschafter der Stadt in die Welt gegangen!“ Er lobte die Anstrengungen zur Nachwuchsförderung, die seit 2006 mit dem Jazz-Gipfel der Gymnasien erfolgreich ist und versprach weitere und wie er hoffe, höhere finanzielle Unterstützung durch die Stadt.

Experimentierfreude

Dann aber durfte nur noch die Musik sprechen: Mit dem Hügle-Henkel-Legde-Trio war ein Auftakt gefunden, der den Konstanzer Jazz bestens charakterisierte: Neben Altmeister Ewald Hügle an den Saxophonen sorgten die jungen Musiker Sascha Henkel (Gitarre) und Kolja Legde (Bass) für exquisite Klangmischungen. Ganz ohne rhythmische Leitgedanken kamen die freien Improvisationen daher. Das war Experimentierfreude pur und ließ sich mehr der zeitgenössischen Musik als dem Jazz zuordnen. Die beiden jungen Instrumentalisten haben in Berlin studiert, sind aber wieder in der Region ansässig. Und für Kolja Legde war es die Premiere beim Jazzclub.

Jazzpreis an Konrad

Bernd Konrad, von 1986 bis 2012 Professor für Popularmusik und Jazz an der Stuttgarter Musikhochschule, wurde in diesem Jahr mit dem Jazzpreis Baden Württemberg für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Und er ist Ehrenmitglied und seit der Gründung des Jazzclubs dabei. Zum Festkonzert griff er zunächst solistisch zur Bass-Klarinette und kontrastierte weiche, orientalisch angehauchte Tonfolgen mit aggressiven Snap Claps, den tonlos gestoßenen, abgehackten Klängen. Dazu gesellten sich gern Saxophonist Steffen Schorn, der seit 2001 die Jazzabteilung der Nürnberger Musikhochschule leitet und Ewald Hügle, der auch schon beim ersten Jazzherbst 1980 dabei war. Das Saxophon-Trio improvisierte zunächst bewundernswert stimmig und spielte dann ein Stück, das mit ruhigem Rauschen fast meditativ begann. Ein aufgeregter Mittelteil, wie ein schnatterndes Gezeter mit Heul- und Jammertönen ist ein echtes Konzertieren der Instrumente miteinander, bevor die Musik wieder zum ruhigen Ende findet.

Überraschungen von Jubiläumsband

Die Hübner-Schorn-Jubiläumsband wartete mit weiteren Überraschungen auf. Jazz-Violinist Gregor Hübner, der seit über 20 Jahren in New York lebt und sein Bruder, Bassist Veit Hübner waren schon beim Jazzherbst 1989 zusammen mit Schlagzeuger und Ehrenmitglied Patrick Manzecchi mit dem „Bel Art Trio“ dabei. Steffen Schorn griff zum Jubiläum zum Bariton-Saxophon und Gast-Pianist Gregor Müller aus Zürich in die Tasten. Gregor Hübner schrieb „The Poet“, ein ruhiges Stück mit langen Soli der Instrumente und durchaus melodischen Parts.

"African Heartbeat"

Sein „African Heartbeat“ lebt vom Herzschlag-Rhythmus im Untergrund, über den sich das Violin-Solo in Teufelsgeiger-Manier aufschwingt. Immer wildere und freiere Improvisationen liefern die Instrumente. Auch sein „Ground Zero“ ist sehr freie Musik, die vom Unheilvollen in langen Liegetönen von Saxophon und Violine kündet. Schwer zu ertragen – wie das Geschehen es selbst war – sind die Klänge, die sich durch Umhergehen im Saal als Raumklang entfalten.

"Eye of the Wind"

Dem begeisterten Segler und Jazzer der ersten Stunde Uli Körner widmete Steffen Schorn sein Stück „Eye of the Wind“. Windgeräusche und Wellenbewegungen sind in der Musik durchaus auszumachen – die Grenzen zur Neuen Musik sind auch hier wieder fließend. „Un Mojito“ von Veit Hübner schließlich ist ein rasend schnelles Stück mit druckvollen Saxophon-Parts, wilden Piano- und Violinläufen und kreativem Schlagzeug-Solo. Zum krönenden Abschluss gesellten sich noch Konrad und Hügle zur Band und entwickelten improvisierend über Rhythmen vom Bariton-Saxophon ein expressives Klanggetümmel.

Erschöpft, aber glücklich

Nach gut zwei Stunden sind Publikum und Musiker gleichermaßen erschöpft, aber glücklich. Für die nächsten zehn Jahre möchte man dem Jazzclub Konstanz weiterhin eine gute Hand wünschen für Konzerte mit Musikern, die fernab vom Jazz-Mainstream neue Klang-Regionen erschließen. Der 50. Geburtstag dürfte dann ein weiteres Highlight werden!