Frau Becker, Sie sind seit Jahrzehnten im Theaterbetrieb tätig, haben aber noch nie ein Haus geleitet. Wie fühlt sich das an, wenn man plötzlich Intendantin wird?

Großartig! Ich freue mich wahnsinnig auf meine Aufgabe. Ich habe so viele Erfahrungen gesammelt: Die kann und möchte ich jetzt einbringen. Das gilt natürlich auch für mein persönliches Netzwerk, für die vielen Menschen, mit denen ich schon erfolgreich zusammengearbeitet habe. Gleichzeitig entdecke ich ja auch immer wieder neue Talente, etwa beim „Körber Studio Junge Regie“ hier in Hamburg, wo ich in der Festivalleitung sitze. Diese Mischung aus eigener Erfahrung und neuen Entdeckungen bald als Intendantin einbringen zu dürfen, darauf freue ich mich sehr.

Auch die Stadt Konstanz müssen Sie ja noch entdecken!

Ja, vor allem die Menschen in dieser Stadt und in diesem Ensemble. Sich zusammen Vorstellungen anzuschauen und gemeinsam zu überlegen, wie man künstlerisch zusammenkommt: Das ist eine interessante Aufgabe.

Sie sind in Stuttgart geboren und aufgewachsen: Hatten Sie schon früher einen Bezug zu Konstanz?

In meiner Jugend bin ich viel nach Konstanz gefahren, weil der damalige Intendant Ulrich Khuon immer einen sehr spannenden Spielplan hatte. Und auch unter den nachfolgenden Intendanten ist Konstanz ein spannendes Pflaster geblieben. Hier gab es immer politisch engagiertes Theater, bis in die heutige Zeit. Man setzt sich mit Themen und Menschen auseinander, ist manchmal auch frech: Das ist eine tolle Mischung.

Frech geht es hier in der Tat zu: Unter Ihrem Vorgänger Christoph Nix hat sich das Theater den Ruf als eine Art außerparlamentarische Opposition erarbeitet. Möchten Sie daran anknüpfen?

Christoph Nix ist Christoph Nix. Ich bin Karin Becker. Natürlich werde ich vieles anders machen. Aber selbstverständlich bin ich ein politisch interessierter und engagierter Mensch, der auch den Mund aufmacht. Mich beschäftigt zum Beispiel sehr, wie sich gegenwärtig unsere Gesellschaft entwickelt. Ich sehe hier eine große Notwendigkeit, diese Entwicklung nicht nur zu beobachten, sondern auch öffentlich zu kommentieren und am Theater zu verhandeln.

2020 bekommt das Stadttheater Konstanz eine Intendantin.
2020 bekommt das Stadttheater Konstanz eine Intendantin. | Bild: Oliver Hanser

Sie sind bislang als künstlerische Betriebsdirektorin tätig. Ihr Kollege Viktor Schoner hatte ebenfalls diesen Posten inne, bevor er Intendant der Stuttgarter Staatsoper wurde. Er sagt: „Der Betriebsdirektor sitzt zwischen allen Stühlen und rennt allen hinterher. Der Intendant dagegen rennt voran. Er denkt künstlerisch, und Unvernunft ist eher seine Sache, nicht die des Betriebsdirektors. Ich will nicht leugnen, dass ich ein Betriebsdirektor war, der sich darauf freute, es irgendwann nicht mehr sein zu müssen.“ Geht es Ihnen ähnlich?

Ein Stück weit kann ich es nachvollziehen. Und doch sehe ich es im Wesentlichen anders. Meine Aufgabe habe ich immer als Kunst-Ermöglicherin verstanden. In allen Stationen, auch aktuell im Thalia-Theater, konnte ich meine eigenen Gedanken und Ideen einbringen. Ich sehe mich als teilnehmende künstlerische Betriebsdirektorin, sitze viel in Proben, diskutiere mit den Beteiligten, bin sehr nah an der Kunst dran und damit auch stilprägend. Als meine Wahl zur Intendantin bekannt gegeben wurde, war in der Zeitung von „Verwaltung“ die Rede – da musste ich schon schmunzeln.

Welcher Intendant und welcher Regie-Stil hat Sie bei dieser Arbeit am meisten beeinflusst?

Wenn ich jetzt Namen nenne, heißt das nicht, dass diese Personen auch nach Konstanz kommen!

Das versteht sich von selbst.

Sehr beeindruckt hat mich zum Beispiel Sebastian Nüblings Inszenierung von Hans Henny Jahnns „Die Krönung Richards III.“. Wenn sich die mordlustige Königin Elisabeth einen der vielen Jünglinge am Hofe holt, um ihm die Zunge herauszuschneiden, dann zeigt Nübling das nicht in einem brutalen, blutrünstigen Bild. Er stattet Elisabeth vielmehr mit einem großen Reifrock aus, unter dem sie alle Jungen gefangen hält. Die Königin zeigt auf einen von ihnen, er kriecht hervor, geht zu ihr hin – Black. Und jeder weiß: Das überlebt er jetzt nicht. Solche Bilder beeindrucken mich stark.

Gibt es weitere Stile und Persönlichkeiten, die Sie inspiriert haben?

Auch Dokumentationstheater, wie es Hans-Werner Kroesinger macht, finde ich sehr interessant. Und dann habe ich Menschen kennengelernt wie die Dramaturgin Marie Zimmermann. Als ich mit gerade mal 18 Jahren an der Württembergischen Landesbühne Esslingen anfing, sah ich sie ständig in der Kantine sitzen und dachte mir noch: Die hat aber einen tollen Job! Erst allmählich wurde mir bewusst, dass sie da nicht einfach nur herumsitzt, sondern mit den Produktionsbeteiligten diskutiert – und zwar nicht erst im Stadium der zweiten Hauptprobe, sondern schon in der vierten oder fünften Woche. Auf diese Weise konnte sie noch viele Gedanken und Ideen auf die Spur bringen, die später keine Berücksichtigung mehr gefunden hätten. Auch das hat mich sehr beeinflusst.

Und Ihre literarischen Präferenzen?

Was ich sagen kann, ist, dass mich zurzeit „Freedom“ sehr beschäftigt, ein Buch von Raoul Martinez. Aber ich werde Ihnen jetzt nicht verraten, was alles gerade auf meinem Schreibtisch liegt, oder besser gesagt: auf dem Tisch, den ich „Arbeitstisch Konstanz“ nenne.

Wir leben in einer Zeit der alternativen Wahrheiten und erfundenen Nachrichten. Fiktion und Realität sind darin nicht mehr so leicht voneinander zu trennen. Was muss Theater angesichts dieser Verhältnisse leisten?

Ich denke, es ist vor allem eine Zeit, in der sehr viel digitalisiert und damit entpersonalisiert wird. Da ist das Theater als lebendiger Ort extrem wichtig. Als ein Ort, an dem wir nicht nur Theater schauen, sondern auch über seine Themen diskutieren. Zum Beispiel über die Frage, wie es mit dem kostbaren Gut der Demokratie weitergehen soll, nicht nur bei uns, sondern auch in unseren Nachbarländern. Zugleich gilt: Ich bin ein Mensch, der im Theater sehr gerne lacht. Es darf also auch eine Komödie sein – aber bitte eine gute! Und natürlich kann eine gute Komödie auch dazu führen, dass uns das Lachen im Halse stecken bleibt, weil ihr Hintergrund bitterernst ist.

Unsere Zeit kennt nicht nur Digitalisierung und Entpersonalisierung, sondern auch Migration. Nun sind Menschen mit Migrationshintergrund in deutschen Schauspiel-Ensembles noch immer eher die Ausnahme: Bildet das Theater da überhaupt noch die Wirklichkeit ab?

Nein, da müssen wir ehrlich sein: Hier gibt es in der Tat Nachholbedarf. Und ich selbst möchte daran arbeiten, das zu ändern.

Was sollen die Konstanzer einmal mit Ihrer Intendanz verbinden?

Ich finde es kostbar, wenn ich beim Gemüsehändler Menschen treffe, die mir sagen: „Wir waren gestern im Theater und haben später zu Hause am Küchentisch noch zwei Stunden diskutiert.“ Für mich sind solche Aussagen ein Indiz dafür, dass es ein großartiger Abend gewesen ist. Diese Erlebnisse wünsche ich mir. Aber fest steht auch: Ich habe noch gar nicht angefangen. Und mir ist wichtig, dass die kommenden zwei Jahre dem aktuellen Intendanten Christoph Nix und seinem Ensemble gehören. Ich werde mich von jetzt an eher zurückhalten.