Nanu, ein Abend im Sprechtheater so ganz ohne zu sprechen? Die Erklärung ist einfach. „Lebenshunger / Lust for Life“, das am Freitagabend im Stadttheater Konstanz Premiere feierte, ist ein reines Tanzstück. Und so ungewohnt das stumme Treiben auf der Bühne manchem Abonnenten auch erscheinen mag: Dass das Einspartenhaus immer wieder Ausflüge in andere Formen der Bühnenkunst wagt, ist grundsätzlich verdienstvoll. Auch wenn es in der Natur eines Wagnisses liegt, dass es scheitern kann.

Mit dem Wechselverhältnis von Wagen und Scheitern befasst sich auch „Lebenshunger / Lust for Life“. Die Niederländerin Wies Merkx habe sich für ihre Choreografie vom Lebenshunger der Goldenen Zwanziger inspirieren lassen, heißt es im Programmheft: von jener Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, als eine junge Generation in liberalen Lebensformen einen Bruch mit den wilhelminischen Denkstrukturen wagte, dann aber im Börsenkrach 1929 scheiterte und anschließend wieder einen Neuanfang riskierte. Diesmal einen, der „den Samen zur Selbstzerstörung“ in sich trug.

Auf der Bühne selbst ist von diesem historischen Bezug zunächst wenig zu erahnen. Weil Tanz vor allen Dingen Raum benötigt, ist sie fast vollständig geräumt. Nur ein paar schmale Bretter baumeln im hinteren Bereich vom Schnürboden herab: eine Anmutung vom Dschungel des Alltags (Bühne: Charles Corneille).

Sechs Akteure verlieren sich darin, drei Männer, drei Frauen. Zu anfangs sphärischen Klängen streben sie mal nach Freiheit, mal nach Geborgenheit, mal drohen sie einander, mal begehren sie sich. Und oft genug ist das eine vom anderen kaum zu unterscheiden.

Die Wurzel allen Übels ist ein Wettlauf um die Vorherrschaft. Kaum hat sich in diesem Sextett einer nach vorne gedrängelt, schiebt sich ein anderer auch wieder an ihm vorbei. Doch wenn ein jeder drängelt und an die Spitze strebt, muss sich zwangsläufig die ganze Gruppe beschleunigen. Am Ende rennen sie alle wie von Sinnen im Kreis: ein anfangs allzu plakativ anmutendes Bild.

Als schlüssige Setzung erweist sich dieses Bild dann allerdings im weiteren Verlauf des Abends. Denn in der Beschleunigung entwickelt eine Gesellschaft ihre Konkurrenzverhältnisse. Einzelne drängen sich mutwillig in geschlossene Paarkonstellationen, Männer kämpfen um Frauen, Frauen wehren sich gegen Männer. Ein Hauch von MeToo-Debatte schwingt mit, wenn in erst spielerisch, dann agonistisch wirkenden Begegnungen weibliche Tritte männlichen Rücken gelten.

Auf jede Aggression folgt die Furcht, auf jedes Scheitern ein neuer Beginn. Figuren, die eben noch einander feindselig gegenüberstanden, finden jetzt in ängstlicher Umklammerung wieder zusammen. Galt das soziale Band einer Gemeinschaft bis gestern als Gefängnis, so scheint es heute vielmehr ein sicherer Hafen zu sein: So leicht lassen Konflikterfahrungen das Verlangen nach Freiheit in Sehnsucht nach Geborgenheit umschlagen.

Gleichzeitig zu diesem tänzerischen Porträt gesellschaftlicher Machtspiele zeigt Wies Merkx einen Tanz im Tanz. Dann erkunden Mann und Frau miteinander – vorsichtig ausprobierend, in anrührender Weise unsicher – die Möglichkeiten des körperlichen Ausdrucks. Er bevorzugt zuckende Bewegungen, sie eher fließende: Ob sich Geschlechterklischees hier bestätigen oder im Gegenteil ihre ironische Brechung finden, bleibt dem Urteil des Betrachters überlassen.

Schauspieler Peter Posniak ist bruchlos in dieses Geschehen integriert. Ihre Vorliebe für Choreografien mit Nicht-Tänzern erklärt Merkx mit der daraus resultierenden Herausforderung für das übrige Ensemble (bestehend aus Eléonore Pinet Bodin, Maartje Pasman, Mark Christoph Klee sowie den beiden Konstanzern Sophia Foltin und Leander Kämpf). Vielleicht ist es ja tatsächlich dieser Kniff, dem diese Choreografie ihren Anschluss an konkrete Lebenserfahrungen verdankt.

Dass „Lebenshunger / Lust for Life“ als Schlusspunkt einer ganzen Trilogie zu verstehen ist (deren erster Teil, „Roses“, war bereits vor zwei Jahren als Gastspiel in der Spiegelhalle zu erleben), spielt für den Zugang zu diesem Werk keine Rolle. Mit seiner Athletik und seiner Schönheit, seiner Tragik und seinem Witz ist es auch für sich allein ein großartiges Bühnenerlebnis in einer von großen Tanzvorstellungen nicht gerade verwöhnten Region: sehenswert!

Kommende Vorstellungen: am 30. Januar sowie am 1., 2., 3., 4., 6., 7., 14., 16., 17. und 28. Februar. Weitere Informationen www.theaterkonstanz.de

Was Schauspieler Peter Posniak über seine Rolle in dem Tanzstück „Lebenshunger / Lust for Life“ sagt sehen Sie hier