Solange es um nichts geht, lässt sich leicht Nachsicht üben. In der saturierten Bundesrepublik ist Toleranz deshalb stets mehr selbstgefälliges Schulterklopfen gewesen, als wahrhaftig praktizierte Duldsamkeit. Zur Selbstbeweihräucherung einer sich aufgeklärt gebenden Nation gehörte die Pflichtlektüre des Toleranzstücks schlechthin: „Nathan der Weise“, Lessings Mahnung zur Überwindung kultureller Differenzen, sollte Generationen von Schülern auf den Tag vorbereiten, an dem diese Fähigkeit tatsächlich wieder gebraucht würde.

Heute bringt eine Flüchtlingswelle historischen Ausmaßes die Grundfeste unserer Wohlstandsgesellschaft ins Wanken und mit ihr die sorgsam eingeübten Ideale. Anstelle der Mahnung zur Toleranz tritt plötzlich vermehrt die Warnung vor „falscher Toleranz“, und Lessings Lehrstück gilt mancherorts als Ausweis des vielgeschmähten Gutmen schentums. Die Gräben zwischen Toleranzbefürwortern und -kritikern: In der Krise scheinen sie tiefer zu sein, als jene zwischen den Kulturen.

Am Schauspiel Stuttgart hat nun Armin Petras den Klassiker in Szene gesetzt und dabei diese Kommunikationsstörungen durch einen dramaturgischen Kniff zur Geltung gebracht: Die Hälfte des Ensembles stammt vom rumänischen Nationaltheater Radu Stanca Sibiu, zu hören ist ein Sprachgewirr aus Deutsch, Rumänisch, Englisch. Dass der Zuschauer mitunter nicht mehr weiß, wann er auf welche Übertitel blicken soll, scheint gewollt.

Passend zum sprachlichen Durcheinander mutet auch die wuchtig antike Palastarchitektur babylonisch an (Bühne: Dragos Buhagiar und Julian Marbach), durch die mit glasigen Augen ein verloren wirkender Nathan (Peter Kurth) stapft. Es hat sich viel getan in seinem Zuhause, während er auf Geschäftsreise war. Tochter Recha (Ofelia Popii) ist beinahe einem Brand zum Opfer gefallen, jetzt schwärmt sie dem so lange vermissten Papa von einem „Engel“ vor, der sie errettet habe. Als der Engel leibhaftig vor ihm steht, stellt sich heraus: ein Lederjackenrambo aus der Terrorszene (Ciprian Scurtea) – bloß, dass auf seiner schwarzen Fahne statt des IS-Schriftzugs das Tatzenkreuz des Templerordens prangt. Während der biedere Geschäftsmann versucht, seine in Liebe entflammte Tochter zu verstehen, verzweifelt diese an der abweisenden Haltung ihres Angebeteten.

Die Wahrheit ist, dass die Empfindungen der Tochter gar nicht erotischer, sondern geschwisterlicher Natur sind. Und dass der Terror-Tempelherr ganz andere Sorgen hat, als sich für diese unvermutete Verwandtschaft zu interessieren. So kommt zum Sprachenwirrwarr ein inhaltlich begründetes Missverstehen. Zu allem Überfluss sorgt auch noch alle paar Minuten ein Anschlag für Panik und Entsetzen auf der Bühne – und beim Publikum für vollständige Verwirrung.

Die Irritation als bereits sprachlich angelegte Grundbedingung dieses Abends mündet früh in ein konfuses Assoziationsgewitter. Da werden Geldkoffer geschleppt und Frauen in Burkas gehüllt, Terrorfahnen geschwenkt und Fassbomben geworfen. Hier ein bisschen Kapitalismuskritik, dort eine Idee von Feminismusdebatte, Nahostkonflikt, Flüchtlingskrise, Religionsdiskurs… Hilfe! Lessings Gretchenfrage, welche Religion denn nun die überlegene sei, erweist sich in diesem Chaos als launiger Zeitvertreib des von seiner eigenen Dekadenz gelangweilten Sultans (Horst Kotterba). Die Ringparabel als Antwort darauf rattert Nathan so routiniert herunter wie die zahllosen Deutschschüler in ihren Abiturprüfungen. Der Toleranzappell ist nichts weiter als ein auswendig gelernter Code, aufzusagen, wann immer Political Correctness eingefordert wird: Ist es das, was Petras uns erzählen will?

Peter Kurth gibt einen seltsam unbeteiligt wirkenden Nathan, dem man überdies eine deutlichere Aussprache wünschen würde. Horst Kotterbas Sultan Saladin ist allzu nah am Klischee des sonnenbebrillten Aristokraten gebaut. Am ehesten zu überzeugen vermögen noch Ciprian Scurtea als Rambo-Tempelherr sowie Ofelia Popii als eine Art Käthchen von Heilbronn, das den ahnungslosen Bruder bis zu dessen Selbsterkenntnis stalkt. Dass es zu den bei Lessing vorgesehenen „allseitigen Umarmungen“ von Christen, Juden und Muslimen am Ende dieses ernüchternden Spektaktels kaum kommen dürfte, ist früh abzusehen. Und so greift Sultan Saladin lieber in die Saiten seines E-Basses und krächzt „I'm on the highway to hell“. Warum auch immer.

Kommende Vorstellungen: morgen mit internationaler Besetzung sowie am 24. und 31. März mit rein deutschsprachiger Besetzung bei englischen Übertiteln, jeweils um 19.30 Uhr.

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