Die Reden waren lang, bevor Klaus Doldinger auf die Bühne durfte: Kulturbürgermeister Andreas Köster, ein Kultursprecher der Grünen-Landtagsfraktion und Friedrichshafens Jazz-Organisator Jürgen Deeg mussten am 2. Oktober erst noch das Landesjazzfestival gebührend eröffnen. Immerhin bekommt das nicht jede Stadt, und das Graf-Zeppelin-Haus war zum Eröffnungskonzert fast ausverkauft.

Es kam ein kleiner älterer Herr auf die Bühne, der sehr freundlich „Guten Abend“ sagte. Doch dann folgte ruckzuck der dominanteste Tenorsax-Sound der deutschen Jazz-Geschichte, geblasen vom Leader der legendärsten Jazzrock-Formation der Republik. Ob er nun eben 82 Jahre alt geworden ist oder nicht: Klaus Doldinger ist höchst lebendige Jazz-Geschichte.

Die Band Passport gibt’s seit 1971; die aktuelle Besetzung besteht auch schon seit einigen Jahren. So kamen die sieben Herren dann auch ganz entspannt auf die Bühne, jammten sich mit der Swing-Nummer „White Lines“ erstmal warm, warfen sich viertaktige Solo-Happen zu, schoben mit dem 1993er-Titel „Wise Up“ eine Funk-Nummer und eine typische Doldinger-Komposition hinterher: Untenrum gnadenlose Groove-Maschine, obenrum ein hymnisch breites Saxofon-Thema, das sofort ins Ohr geht, wobei Doldingers expressiver Tenorsax-Sound durch Martin Scales‘ Gitarre gedoppelt wird.

Mit dem Passport-Hit „Abracadabra“ von 1973 setzten sie das konsequent fort. Das machte den Doldinger-Sound schon aus, als es noch „Jazz-Rock“ hieß, den Doldinger quasi mit erfunden hat – zumindest für Deutschland. Bei „Ovation“ legte die Passport-typische Rhythmus-Dampfwalze aus drei Schlagwerkern richtig zu: Christian Lettner, Biboul Daruiche und Passport-Urgestein Ernst Ströer lieferten sich eine begeisternde „Battle“ an Congas, Timbales und Drum-Set. Nach „Seven to Four“ freute sich Doldinger, „dass man auch einen Sieben-Viertel-Takt zum Grooven bringen kann“. Aber: „Mit dem nächsten Stück kann man auch gut landen“ flachste er. Seine erfolgreiche Film-Titelmusik zu „Das Boot“ rockten sie über nagelnde Achtel-Beats von Bassist Patrick Scales.

Lyrisches Sopransax schwebte durchs Ohr bei „Ataraxia“ von 1977, einem Meisterwerk aus dem Jahr, als in den USA Wayne Shorters „Weather Report“ ganz ähnlichen Sachen zum Durchbruch verhalfen. Keyboarder Michael Hornek kostete das ostinate Keyboard-Motiv exzessiv in epischer Breite aus, mit Sägezahn-Sounds aus der Jan-Hammer-Kiste. Das Publikum rastete beim Applaus schier aus, ein paar wenige verließen aber auch vorzeitig den Saal: Nicht alles, was man vor 40 Jahren toll fand, kann man im Rentenalter noch klanglich ertragen. Von dem ist Klaus Doldinger offenbar immer noch weit entfernt. Erstaunlich bei so vielen hochbetagten Tenorsaxofonisten: Diesen Power-Ton, für den man doch so viel Kraft braucht, scheinen sie nie zu verlieren. Nur beim Gehen auf der Bühne sah man ihm seine 82 Lenze ein wenig an.

Als Zugabe nach zweieinhalb Stunden gab es noch – erwartungsgemäß – Klaus Doldingers unsterbliche „Tatort“-Melodie als flotte, funky Session-Nummer und einen Boogie-Shuffle auf den Heimweg. Wir hoffen auf ein Wiedersehen.