Eine Frau steht an einer Wand und schaut durch ein Loch hindurch. Das macht doch neugierig. Was gibt es nun auf der anderen Seite zu sehen? Eventuell eine nackte knieende Frau oder ein nacktes, eng umschlungenes älteres Paar wie man sie auch in den anderen Räumen schon von weitem erspäht hat. Doch wer hier ansteht, um die eigene Neugierde zu befriedigen, kann lange warten. Denn die vermeintliche Besucherin ist in Wirklichkeit eine bekleidete Kunstharz-Skulptur, die lebensecht, aber regungslos an der Wand verharrt.

Was gibt es da zu sehen? Daniel Firmans Skulptur „Caroline“.
Was gibt es da zu sehen? Daniel Firmans Skulptur „Caroline“. | Bild: Stefan Simon

Geschaffen hat „Caroline“ der französische Künstler Daniel Firman im Jahr 2014. Der Franzose steht mit seinem Schaffen in der Tradition des US-Amerikaners Duane Hanson (1925-1996). Bereits in den späten 1960er Jahren begann er lebensgroße menschliche Figuren herzustellen. Mithilfe der Materialien Glasfaser und Polyesterharz bildete er jede Hautfalte detailgenau nach. Wenn die Figuren fertig bearbeitet waren, vollendete Hanson sie mittels echter Kleidungsstücke, Perücken und Accessoires. So entstanden hyperrealistische Szenen aus dem amerikanischen Alltag, ein Spiegel des „American Way of Life“.

Einen „Ordinary Man“ lässt Zharko Basheski aus dem Boden auferstehen.
Einen „Ordinary Man“ lässt Zharko Basheski aus dem Boden auferstehen. | Bild: Marijan Murat/dpa

Sozialkritik durch Schock

Hanson ist ein wichtiger Vertreter der sozialkritischen Kunst. Er zeigte keinerlei Abneigung gegen die von ihm dargestellten Menschen, sondern legte Sympathie und Einfühlungsvermögen an den Tag, indem er ihre Resignation, Müdigkeit und Verzweiflung darstellt. Auf alle Fälle beherrschte Hanson sein Handwerk so perfekt, dass er schon die Polizei auf den Plan rief. In der neu eröffneten Stuttgarter Staatsgalerie vermuteten nächtliche Spaziergänger eine eingeschlossene sitzende „Putzfrau“.

Hanson verwischt die Grenze zwischen Kunst und Wirklichkeit und erzielt dadurch die beabsichtigte Irritation und Schockwirkung. Anders als im Umfeld eines trivialen Wachsfigurenkabinetts ist der Betrachter dieser Wirkung unvorbereitet ausgesetzt. Wie etwa 1990 in der Kunsthalle Tübingen, als der Besucher dem uniformierten Wachmann das Eintrittsticket entgegen streckte.

Bild: Stefan Simon

Pioniere der hyperrealistischen Kunst

Am selben Ort gibt es aktuell wieder Arbeiten des Pioniers der hyperrealistischen Kunst zu sehen. Sein „Boybuilder“ (1990) und sein „Cowboy with Hay“ (1984–1989) haben prominente Begleiter. Für die von Nicole Fritz, die seit Anfang des Jahres die Kunsthalle Tübingen leitet, gemeinsam mit dem Tübinger Institut für Kulturaustausch kuratierte Ausstellung wurden Skulpturen aus allen Ecken der Welt zusammengetragen und chronologisch aufbereitet.

Angefangen bei den Pionieren der Bewegung aus den USA und Großbritannien führt der Rundgang von Duane Hanson, John DeAndrea und George Segal über Robert Gober, Berlinde de Bruyckere oder Maurizio Cattelan bis hin zu jüngeren Positionen, die den Einfluss der Technik auf den menschlichen Körper thematisieren. Auch die Werke von Evan Penny, Tony Matelli oder Patricia Piccinini führen auf beklemmende Art und Weise vor Augen, dass die Grenzen zwischen dem menschlichen Körper und der Technik mittlerweile fließend sind und der Mensch im digitalen Zeitalter in seiner jetzigen Gestalt selbst manipulierbar geworden ist.

Tony Matelli: Josh, 2010
Tony Matelli: Josh, 2010 | Bild: Stefan Simon

Vortäuschen von Lebendigkeit

Der Traum, ein möglichst realistisches Abbild des Menschen zu schaffen, reicht bis in die Antike zurück. Die perfekte Illusion, zieht zumindest Besuchermassen an und schreckt möglicherweise Kunstpuristen ab. Eigentlich zu Unrecht. Denn Nicole Fritz betont: „Wir sind nicht Madame Tussauds!“

Der bloße Schock der Lebensechtheit ist nicht die Absicht. Das war er auch bereits für die Pioniere Hanson und De Andrea nicht. Das Vortäuschen von Lebendigkeit war nur ein Mittel. Für Hanson, um den Besucher mit dem Bild des Durchschnittsmenschen zu konfrontieren – und so mit sich selbst. Dem US-amerikanische Bildhauer De Andrea zum Beispiel ging es im Zuge der 68er-Bewegung um ein neues, freieres Körperbewusstsein. So etwa in seiner Skulptur „Lisa“, eine reglos auf dem Rücken liegende nackte Frau.

Kaum zu glauben: „Lisa“ von John De Andrea ist bemalte Bronze.
Kaum zu glauben: „Lisa“ von John De Andrea ist bemalte Bronze. | Bild: Marijan Murat/dpa

Bei dieser Überblicksausstellung über fünf Jahrzehnte hyperrealistischer Kunst „Almost Alive“ (also: fast lebendig) geht es um mehr als bloße Kunstfertigkeit. Es geht um Inhalte und um Botschaften. Der argentinische Künstler Sam Jinks thematisiert in seiner eindrucksvollen Darstellung einer alten Frau mit einem Säugling den Lebenszyklus von der Geburt bis zur Vergänglichkeit. Das ist auch das Thema des australischen Bildhauers Ron Mueck. „Ich verbringe zwar viel Zeit mit der Oberfläche, aber es ist das innere Leben, das ich festhalten möchte,“ erläutert Mueck die Motivation zu seiner fünf Meter langen, rund 1000 Kilogramm schweren und nackten Silikon-Baby. Sein Titel: „A Girl“.

Die Ausstellung „Almost Alive – Hyperrealistische Skulptur in der Kunst“ ist bis 21. Oktober in der Kunsthalle Tübingen zu sehen. Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 19 Uhr. Weitere Informationen: http://www.kunsthalle-tuebingen.de

„Embrace“, 2014 von Marc Sijan
„Embrace“, 2014 von Marc Sijan | Bild: Stefan Simon