Wer das neue Theater will sehen, der muss ins Schauspiel Basel gehen. Geboten wird dieses Mal ein monströses Gesamtkunstwerk – es irritiert, es fasziniert. Das grellbunte Bühnenbild knallt direkt aufs Auge, die Leiber sind fett, die Bewegungen schwerfällig, die Sprache ist verstümmelt. Kein modernes Sprechtheater – ein Wurf für sich, eine Kunst-Behauptung, die seltsam berührt und bisweilen rührt.

„Kaspar Hauser und Söhne“ heißt die Uraufführung. Das Auftragsstück von Olga Bach erzählt nicht brav chronologisch die Lebensgeschichte vom Findling Kaspar Hauser aus der Biedermeier-Zeit. Nein, der Vier-Akter verfolgt eine Unternehmer-Familie durch sieben Generationen. Die hoch virtuose Kunstsprache wuchert wildwüchsig durch die deutsche Geschichte von 1940 bis 2018. Für Regie und Bühnenbild zeichnet Ersan Mondtag zuständig. Der 31-jährige Berliner türkischer Abstammung und die 1990 in Berlin geborene Dramatikerin bilden ein künstlerisches Duo der Sonderklasse, mehrfach ausgezeichnet und zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Ihr Personalstil ist eigen. Sie mendeln alle Figuren in den Urzustand von Hordenwesen zurück und treiben sie gleichzeitig vorwärts in künstliche Paradiese.

Kaspar Hauser, das ist der Stoff, aus dem die Albträume sind. Kaspar Hausers Kerker, das ist die Familie. Eine Dynastie, die in ihrer Gewaltsamkeit fest hockt. Schon das Bühnenbild ist eine grausame Behauptung. Violettes Streulicht fällt wie nebliger Gift-Atem auf ein riesiges Spielzeughaus. Daneben erinnert der eiserne Neonrahmen mit der Aufschrift „Keller“ an den KZ-Rundbogen „Arbeit macht frei“. Die Firma handelt mit Bilderrahmen, was sonst. Ihr Puppenheim wirkt niedlich, doch wenn die Türen und die Fenster aufklappen, sieht man eine Zwangsgemeinschaft. Die Schauspieler sind eingezwängt in fleischfarbene Fett-Anzüge. Kugelbäuche, Hängebrüste, Geschlechtsteile, Fettwülste, schimmlig konturiert. Menschen, auf ihr Fleisch und ihr Geschlecht reduziert. Einfältig ist ihr Erscheinungsbild, plump ihre Gestik, wie toll würgen sie an ihrer Stummel-Sprache: „Wieso tut er demm Vater diss Enttäusch? Wieso zwienget er ihm?“

Der erste Akt spielt im Jahr 1940. Kaspar 1, der Firmengründer, hockt dement im Schaukelstuhl und muss gefüttert werden. Kaspar 2, traumatisiert vom Ersten Weltkrieg, guckt mit seinem Enkel Kaspar 4 einen Pinocchio-Film und einen Stummfilm. Der Star darin ist seine jüdische Frau Judith, die 1933 nach Amerika auswanderte. Kaspar 3, brutaler Vater und Firmen-Chef, ersteigert Bilderrahmen aus jüdischem Besitz. Und er schiebt seinen Vater (Kaspar 2) als „unwertlichen Nutzesser“ in eine Euthanasie-Anstalt ab.

Zweiter Akt, neue Zeit. 1960 kehrt Großmutter Judith aus den USA zurück. Als sie wissen will, was mit ihrem Mann (Kaspar 2) passiert ist, wird sie vom Sohn (Kaspar 3) aus Furcht vor Regress-Ansprüchen aus dem Haus geworfen. Ihr Enkel (Kaspar 4) duckt sich weg und verstummt. Obwohl inzwischen verheiratet und zudem von seinem schwulen Freund zum Weggehen ermuntert, steht er immer noch unter der Knute seines Prügel-Vaters. Im dritten Akt, wir schreiben das Jahr 1990, wird bei einer Jubiläumsfeier munter gezecht: 100 Jahre „Kaspar Hauser und Söhne“! Inzwischen haben die Frauen das Regiment übernommen. Zu feiern gibt es auch die deutsche Wiedervereinigung. Es locken Treuhand-Ostgeschäfte. Aber die Firmaist pleite. Denn der letzte männliche Kaspar (5) ist ein Kokser, der es lieber mit seiner Sekretärin treibt.

Der vierte und letzte Akt spielt 2018. Die Farben sind ausgeblutet, leise rieselt der Schnee. Kaspar 5 plant eine Werkschau über die „Poesie des Schweigens“. Tochter Kaspi braucht für ihre Öko-Spielzeugfirma den Traditionsnamen „Kaspar Hauser und Söhne“. Behinderte sollen dort beschäftigt werden. Die Frauen sind die Hoffnungsträger. Tief drinnen in der Sprache aber generieren sich Nazitum und Rassismus fort. Kaspar 5 wirkt sehr einsam, wenn er zuletzt Rilkes Kaspar-Hauser-Gedicht zitiert. Drüber ballt sich eine Wolke, schrundig schwer wie Felsgestein.

Ende gut, alles gut? Was sich an dieser Stelle so leicht erzählen lässt, ist auf der Bühne schwer zu spielen – und für das Publikum zudem schwierig zu verfolgen. Kaspar 1, 4, 3, 7 – wer ist wer? Sie sind sich alle zum Verwechseln ähnlich. Das achtköpfige Ensemble bewältigt den Rollenwechsel zwischen den Personen, Geschlechtern und Generationen zwar bravourös und durchaus mit Spielwitz. Doch man verliert als Zuschauer leicht den Überblick. Zudem: Der Abend dauert knapp vier Stunden, drei hätten es wohl auch getan. In der Pause gehen die Ersten; wer durchhält, der spendet viel Applaus.

Weitere Vorstellungen von "Kaspar Hauser und Söhne" am Theater Basel gibt es am 27. April 2018 sowie am 7., 10. und 28. Mai und 1. Juni. Karten und Informationen auf www.theater-basel.ch