Die Tagungen von Karl-May-Freunden gehören ohne Frage zu den nettesten Veranstaltungen, die die Welt der Fan-Kultur und Philologie heutzutage zu bieten hat. Es geht dort angstfrei zu, weil sich Hobby-Forscher, Uni-Leute und Liebhaber mischen. Jeder darf reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Gut so. Gerade stellten sich in Freiburg deutsche und Schweizer Karl-May-Freunde den „Tabuthemen der Forschung“. Hitler war versessen auf Karl May. War Karl May also ein Antisemit? Die Debatte verlief erstaunlich offen. So offen, dass eine Dame aus der Schweiz spekulierte, dass in Nazi-Deutschland vieles anders gekommen wäre, wenn die Juden ihren Besitz mit den Arbeitslosen geteilt hätten … Schweigen. Freundeskreise buddeln nicht nach dem Kriegsbeil. Sie kümmern sich um Karl Mays Werk, geschätzte Auflage weltweit: 200 Millionen.

•1. War Karl May homosexuell? Ausgestattet mit massiver klein­krimineller Energie, saß May wiederholt im Gefängnis und stieß dort auf Homosexualität. Der Mannheimer Privatgelehrte und Publizist Rudi Schweikert spricht von „homosexueller Empfindung als erworbener Erscheinung“. Die Erfahrung hinter Gittern prägt die Roman-Handlung: Es gibt ständig ein Belauschen und Beschleichen; enge Körperkontakte von Männern; unzertrennliche Freundespaare, Blutsbrüder oder lustige Pärchen und „teufelsschöne“ Männerfiguren. Der Schriftsteller Arno Schmidt legte 1963 den homoerotischen Subtext frei („Sitara und der Weg dorthin“), damals schwer zu verkraften für die Karl-May-Gesellschaft. Winnetous „küssliche Lippen“ und sein „Gurren“ kennt inzwischen jeder Karl-May-Liebhaber.

Spannend, wie sich Homoerotik, abgewehrt, unterschwellig durchsetzt. Die Frage „Mann oder Frau?“ ist in Karl Mays Gesamtwerk präsent. Lustvoll zieht er Dialoge in die Länge, die sich mit der Geschlechtszugehörigkeit einer Person befassen: Was da in der Ferne zu Pferd kommt – ist das nun ein Mann oder eine Frau? Karl May ergreift jede passende und auch unpassende Gelegenheit, um die Sehnsucht nach der Frau im Mann – und nach dem Mann in der Frau – auf dem Papier auszufantasieren. Ist das nun schwul, bisexuell oder was? Egal. Transgender-Typen sind interessanter als die Haudrauf-Superhelden.

•2. War Karl May ein Antisemit? In den biografischen Dokumenten gibt es keine Hinweise auf Judenfeindlichkeit. Verglichen mit den antisemitischen Wellen des Kaiserreichs hielt sich May mit Stereotypen zurück. Diesen Befund veranschaulicht Rainer Jeglin, Redakteur der Karl-May-Gesellschaft, am Großroman „Satan und Ischariot“. Hier gibt es durchaus die Konstellation „geldgierige Juden“ kontra „brave Deutsche“ – stärker im Visier seien jedoch die Yankees aus den US-Nordstaaten als Schreckbild von Kapitalismus und Geldgier. Fazit: Karl May war mal oberflächlich judenfreundlich und auch mal unterschwellig judenfeindlich – „je nachdem, bei wem er abgeschrieben hat“. Ein pazifistischer Freund unterdrückter Völker sei May sowieso nicht gewesen, so Jeglin. Araber, Apachen oder Jesiden werden von dem Schriftsller nur insofern als sympathisch gezeichnet, als sie sich deutschen Werten nähern.

3. War Karl May Spiritist? Karl May glaubte an vieles. Er glaubte an ein Leben nach dem Tod und an Schutzengel; er schrieb Tieren Vernunft zu und vertrat ein überkonfessionelles Christentum. Karl-May-Forscher Hans-Dieter Steinmetz aus Dresden meint: Karl May verstand sich als Spiritualist, nicht als Spiritist. Allerdings: Unter dem Einfluss seiner Frau Emma nahm er an Séancen teil, wobei Emma auch als Medium diente. Also war Emma schuld? Darüber erhob sich bei den Tagungs-Teilnehmern ein Disput: Warum wird immer die Frau für die Irrungen und Wirrungen des Meisters verantwortlich gemacht? May selber vertuschte die Séancen; sie hätten seinem Ruf als katholischem Schriftsteller geschadet. Ständig in Prozesse verwickelt, schrieb er aus einer Verteidigungshaltung heraus. Wie war er wirklich? Eine Sphinx. Verwirrend – auch bei der Figurenzeichnung.

4. Wie sind Mays Frauenfiguren? In seinem beherzten Referat, herzlich beklatscht, beschäftigt sich Lorenz Hunziker, Leiter des Schweizer Freundeskreises, mit den „Frauenrollen in den Reise-Erzählungen“. Frauen kommen in Mays Männerwelt häufiger vor als vermutet – und sind tapferer als gedacht. Allerdings kommen sie nur in Situationen vor, die sich auf Männer beziehen, weshalb der Eindruck entsteht, dass bei Karl May nur Männer wichtig seien. Ist dieser Männerbezug von Frauen nun gut oder schlecht? Als Frau müsste man sagen: Er raubt der Frau eine selbstständige Rolle. Hunziker als Mann verteidigt indes das traditionelle Geschlechterbild. Beim Mann: Kraft, Ausdauer, Wissen und Ehre. Bei der Frau: Liebe, Güte, Barmherzigkeit und Dialogfähigkeit. Hunziker macht eine sehr liebenswerte Verbeugung vor den weiblichen Tugenden. Und er beklagt, dass der Mann schon damals kein richtiger Mann sein durfte; deshalb zog es Old Shatterhand in die Savanne. Warum suchte er aber dort den androgynen Winnetou mit den „küsslichen Lippen“? Wie das bei Tagungen über Literatur so ist: Man gerät gedanklich ins Schleudern. Am schönsten schleudert es sich mit Karl May. Ein Arme-Leute-Sohn, Kleinkrimineller, Schwindler und Plagiator wird Lieblings-Autor kreuzbraver Kleinbürger. Da brate mir einer einen Storch: Wie konnte das passieren?

5. Was bringt uns Trivial-Literatur? Karl May schrieb das, was wir als Trivial-Literatur gerne beiseiteschieben würden, es aber nicht können, weil sie unsere Triebwünsche oft deutlicher ausfantasiert als die Hoch-Literatur. Finde ich die starren Geschlechterbilder im Wilden Westen nicht insgeheim attraktiv – trotz Emanzipation? Oder habe ich mich als kleines Mädchen nur deshalb mit Winnetou so stark identifizieren können, weil er weibliche Anteile hat? Uff. Arno Schmidt schrieb: „Wir finden allmählich in Büchern mehr als in der Natur oder in Menschen.“ In seiner furiosen „Sitara“-Studie psychoanalysierte er Karl May schon 1963. Skandal! Und damit neuer Ruhm: „Freund May wurde aus dem Fegefeuer der Kolportage in die gehobene Literatur geholt und auch in Kreisen der Hochintelligenz diskussionswürdig“, wie Tagungsleiter Albrecht Goetz von Ohlenhusen, ein prominenter Jurist, mit trockenem Witz bilanzierte. Die Tabus, mit denen sich Karl-May-Freunde beschäftigen, hat die offizielle Forschung längst gebrochen. Die Universitäten sind weiter. Aber die Freundeskreise sind breiter. Hier – und nur hier – verteilt sich Forscherwissen auf viele Köpfe. Arno Schmidt würde von einer Scharfsinns-Übung sprechen: von „Einsichten und Erregungen, die eine echte innere Erfahrung ergeben“.

Unser bestes Angebot ist wieder da: die Digitale Zeitung + das neuste iPad für 0 €