Für Immanuel Kant sollte die Freiheit des Einzelnen dort enden, wo die eines anderen beginnt. Wie die Geschichte zeigt, lässt sich das in Zeiten des Wandels nicht immer einhalten: Selbsthilfe und Selbstjustiz liegen in der Luft bei einer aktuellen Weltlage, die das Überschreiten von Grenzen zur Tagesordnung erklärt. Wie viel Freiheit bleibt dem Einzelnen für die Wahrung seiner Interessen, ohne dass er die Verdienste der Demokratie aufs Spiel setzt?

Große Fragen der Menschheit 

Die großen Fragen der Menschheit stecken in klassischen Stoffen, derer sich traditionelle Freilichtspiele gerne annehmen. Schließlich lässt sich der Zuschauer unter freiem Himmel, vor historischer Kulisse und an Originalschauplätzen besonders leicht erreichen. Dabei fällt auf, dass – vielleicht nicht ganz zufällig – in diesem Sommer auf verschiedenen Freilichtbühnen des Landes Stücke mit Themen auf dem Spielplan stehen, die die Welt gerade wieder ganz aktuell bewegen.

Auf dem Münsterplatz in Konstanz prangert Edmond Rostands dichtender Freigeist Cyrano de Bergerac derzeit in der Inszenierung von Schauspieldirektor Mark Zurmühle die Machenschaften der Aristokratie an („Soll ich ein Loblied singen auf gefüllte Taschen, soll eines Hofmanns Lächeln mir erhaschen, indem ich seinen Narren spiele? Nein, niemals!“). Auch Goethe und Schiller kannten solche Spannungen und haben sich zu ihrer Zeit – wenn auch unter anderen Vorzeichen – darüber Gedanken gemacht.

„Wilhelm Tell“ und „Götz von Berlichingen“ sind die zwei Bühnenstücke des Dioskurenpaars deutscher Dichtung, in denen es die Freiheit des Einzelnen hart trifft. Für die Große Treppe in Schwäbisch Hall stellt Freilichtspiele-Intendant Christian Doll mit dem der Willkür des Reichsvogts ausgesetzten Schweizer Freiheitskämpfer Tell die Frage nach dem Sinn von Gewalt und Gegengewalt. Und bei den Burgfestspielen Jagsthausen prangert der „Götz“ – übrigens hier jedes Jahr – die Ohnmacht des Volkes gegenüber der Obrigkeit an. Hansgünther Heyme hat das Drama um den schwäbischen Reichsritter mit der eisernen Hand auf der Götzenburg in Szene gesetzt.

Goethes Sturm-und-Drang-Stück bietet einige Parallelen zum Heute. Doch warum nur bleibt der an Erwin Piscator geschulte und als politischer Regisseur geltende Heyme unbestimmt, ja geradezu rätselhaft? Heyme, der auch für die Ausstattung verantwortlich zeichnet, hat in den Burghof eine für die 16 Darsteller in aller Enge zu bespielende Bretterbühne montieren lassen, die mit einem Lamellenvorhang zwar für überraschende Auftritte sorgen kann, aber in zweieinviertel Stunden Auf und Ab doch zunehmend auf die Nerven geht. Hier wechseln die zahlreichen Schauplätze des Bauernkriegs von 1525 im Minutentakt.

Tim Grobe als Götz von Berlichingen in Jagsthausen. Bild: Burgfestspiele
Tim Grobe als Götz von Berlichingen in Jagsthausen. Bild: Burgfestspiele | Bild: Burgfestspiele Jagsthausen

Ohne musikalische Untermalung, mit handgemachten Kampfgeräuschen und frontaler Ansprache ans Publikum lässt Heyme im Brechtschen Sinne keine Scheinrealitäten aufkommen. Das Vorführen der Darsteller auf dem als Wanderbühne entlarvten Schauplatz erscheint insofern konsequent: Wie in gesellschaftlichen Konventionen gefangene Figuren agieren sie im Zentrum des Volkes. Das verfolgt, in düsteres Schwarz gekleidet, von den Emporen herunter die Handlung, die Heyme wiederum mit parodistischen Elementen entweiht.

Allen Zwiespältigkeiten zum Trotz überzeugt Tim Grobe im aussichtslosen Kampf von Freiheit und Rechtschaffenheit gegen Intrige und Fürstenmacht als kulturvierter, aber auch aufbrausender Götz. Franz-Joseph Dieken ist ein ebenbürtiger Weislingen, der seine Labilität nicht offen zur Schau stellt und sie damit umso wirkungsvoller macht. Valerija Laubach ist als Adelheid mehr bürgerliche Verruchtheit als adlige Verführung. Viel Wert legt Heyme auf die Macht der Sprache.

Gunter Heun als Wilhelm Tell in Schwäbisch Hall. <em>Bild: Jürgen Weller</em>
Gunter Heun als Wilhelm Tell in Schwäbisch Hall. Bild: Jürgen Weller | Bild: Jürgen Weller Fotografie

Umso bedauerlicher, dass mancher Halbsatz untergeht. Mit einer das Innerste nach außen kehrenden Gewandung des intriganten Klerus, ganzer oder teilweiser Verschleierung, Zitaten von Kriegsausstattung und im Chor skandierten Worten der Revolution von Thomas Müntzer setzt Heyme auf depressive Stimmung. Götzens „Die Nichtswürdigen werden regieren mit List und die Edlen in ihre Netze fallen“ gerät als düstere Prophezeiung. Doch bleiben Anspielungen auf politische Machtverhältnisse, Christentum und andere Religionen zu ungenau, um klare Hinweise zu geben. Schade.

Ingo Biermann als Cyrano de Bergerac auf in Konstanz. <em>Bild: Ilja Mess</em>
Ingo Biermann als Cyrano de Bergerac auf in Konstanz. Bild: Ilja Mess | Bild: Theater Konstanz / Ilja Mess

Was die Burgfestspiele Jagsthausen in diesem Jahr sonst noch zeigen, sehen Sie hier im Video.