Jeder Junge strebt danach, seinem Vater zu gefallen. An seinem Beispiel lernt er, sich in der Welt zurechtzufinden, Gefahren zu meiden und Gelegenheiten zu nutzen. Und wenn der Vater schließlich nicht mehr zum Vorbild taugt, sondern die Rolle in ihr Gegenteil kippt und der Sohn sich von dem peinlichen Alten in jeder Hinsicht abzugrenzen versucht: Dann beginnt das Erwachsenwerden.

Es ist im vergangenen Jahr viel von männlichem Verhalten gegenüber Frauen die Rede gewesen. Hanns-Josef Ortheil hat einen Roman geschrieben, der die Wirkung von Männern auf Männer beschreibt. Von Vorgesetzten auf Untergebene, von Älteren auf Jüngere, vor allem aber: vom Vater auf den Sohn.

Hanns-Josef Ortheils Roman "Die Mittelmeerreise" ist im Münchner Luchterhand-Verlag erschienen (640 Seiten, 24 Euro).
Hanns-Josef Ortheils Roman "Die Mittelmeerreise" ist im Münchner Luchterhand-Verlag erschienen (640 Seiten, 24 Euro). | Bild: Luchterhand-Verlag

Der 16 Jahre alte Johannes Ortheil, so nennt er sich hier, begibt sich mit seinem Vater auf ein Abenteuer. Gebucht ist die Kabine auf einem Frachtschiff, das von Antwerpen durch die Meerenge von Gibraltar über Athen bis nach Istanbul fährt. Es ist das Jahr 1967, jene Zeit, in der Jugendliche in ganz Europa gegen ihre Eltern aufbegehren. Johannes begehrt nicht auf. Sein Vater ist der unhinterfragte Fixpunkt seines Lebens.

Wer bereits Ortheils frühere autobiografische Romane kennt, der weiß: Dieses Verhältnis beruht auf einer zutiefst deutschen Tragödie. Sage und schreibe vier Söhne hatte das Ehepaar Ortheil durch den Zweiten Weltkrieg verloren. Als der fünfte zur Welt kam, verstummte die traumatisierte Mutter. Der Sohn lernte deshalb erst mit sieben Jahren das Sprechen – angeleitet von seinem Vater in täglichen Übungsstunden.

Was für eine Memme!

Der Vater hat dem Sohn ins Leben verholfen. Und nun muss dieser sich vom knapp zehn Jahre älteren Stewart Denis vorhalten lassen, dass er ihn dafür liebt. Einer, der noch mit 16 Papas Reisebegleitung braucht: Was für eine Memme, was für ein Vatersöhnchen!

Das Frachtschiff „Albireo“ lässt immer nur zwei Touristen pro Fahrt an Bord. Wer mitfährt, speist am Tisch mit Kapitän und erstem Offizier. Manchmal ist der Ingenieur dabei, der Stewart deckt ab. Die beiden Ortheils: Sie sind gewissermaßen Teil der Mannschaft.

Selbstfindung für Männer

Für Johannes entwickelt sich diese Reise deshalb zum Selbstfindungskurs in Sachen Männlichkeit. Da ist zum einen Papa, der ihm das Sprechen beigebracht hat, durch die Schule brachte und den Klavierunterricht bezahlte. Und dann sind da noch jede Menge anderer Männer. Selbstbewusste wie der Kapitän Reckling, unsichere wie der verliebte Offizier Mühlenthal oder auch rebellische wie der junge Stewart Denis.

Der Hirnforscher Gerald Hüther sagt: Jungen brauchen Männer, die selbst gerne Männer sind. Und am besten befindet sich unter ihnen auch ihr eigener Vater. Johannes wird auf Wochen hinaus exakt diese Konstellation erleben – und dabei manche erstaunliche Erkenntnis gewinnen. Zum Beispiel die, dass nicht jeder Vater zufrieden ist mit dem Lebensweg seines Sohns. Der Kapitän klagt ihm sein Leid: Sein eigener Spross möchte nicht zur See fahren. Dabei habe er so darauf gehofft, dass er auch einmal Kapitän wird! „Warum soll er nicht etwas anderes werden als Kapitän?“, fragt Johannes. „Weil es der schönste Beruf und das schönste Leben ist, das ich kenne“, sagt der Kapitän.

Väterliche Erwartungen

Väter haben also Erwartungen, und sie leiten sie ab aus ihrer eigenen Existenz. Was sie selbst für das schönste Leben halten, muss auch für die Nachkommen gelten. Verweigern diese die Gefolgschaft, so gilt das als Affront gegen das Selbstverständnis ihres Vaters.

Allmählich beginnt Johannes zu verstehen, warum einer wie Denis mit seinem Vater gebrochen hat. Aus welchem Grund junge Männer eigene Wege gehen. Und warum sie dabei auch eine eigene Kultur entwickeln, eigene Musik hören, eigenen Idolen folgen.

Je länger Johannes sich mit Denis auseinandersetzen muss, desto näher rückt ihm die zuvor verteufelte Musik der Beatles. Als das Schiff das griechische Patras erreicht, wagt sich das Vatersöhnchen sogar – angeleitet vom rebellischen Stewart – ins Nachtleben der Hafenstadt. Und verliebt sich dabei.

Auf Distanz

Auf was hat ihn sein Vater nicht alles vorbereitet: auf das Sprechen, auf das Lesen und Schreiben, auf das Kommunizieren mit anderen Menschen. Nur mit der Liebe hat niemand gerechnet. Und so erlebt der Leser, wie das Vatersöhnchen beginnt, sich in ein Leben von eigener Entscheidungskraft und eigener Verantwortung vorzutasten. Der Junge probiert aus, wie das ist, Distanz zu gewinnen. Erzählt dem Vater nur noch die Hälfte seiner Erlebnisse. Entzieht sich seiner Reichweite.

Homer ist auf dieser Seefahrt ein ständiger Begleiter, denn Vater und Sohn haben sich die Lektüre der „Odyssee“ vorgenommen. Nach und nach wird beiden klar: Eine Odyssee ist diese Reise selbst, und zwar im Sinne einer Irrfahrt ins Erwachsenenleben.

Irrfahrt mit gutem Ende

Es ist dem Vater zu verdanken, wenn diese Irrfahrt ein gutes Ende nimmt. Weil er die Distanz zulässt, die eigenen Wege und Geheimnisse respektiert. Darin besteht vielleicht die erstaunlichste Einsicht dieses Romans: dass es nicht zwingend eines Konflikts bedarf, um auf fesselnde Weise von einem Vater-Sohn-Verhältnis zu erzählen.

Ortheil findet für diesen Entwicklungsroman einen Plot von eindringlicher Symbolkraft und eine jugendliche Sprache von unverstellter Schönheit. Ob wirklich alle Texte 1967 entstanden und heute lediglich zu einem Roman zusammengefügt wurden, wie der Autor am Ende des Buchs erklärt? Man möchte es bezweifeln: Zu souverän mutet der Stil an. So lebensnah erscheint dieses Porträt einer Beziehung, dass man sich auch nicht an manch bisweilen kitschverdächtiger Anwandlung stört. Das mit Vater und Sohn, sagt Johannes, als Istanbul in Reichweite ist, das sei doch „irgendwann mal vorbei“. Von ihm aus nicht, antwortet der Vater: „Du wirst nie allein sein – und wenn du Tausende von Kilometern entfernt bist.“