Subtil geht anders. Das macht aber auch nichts. Die Bilder der aktuellen Ausstellung im Kloster Hegne sprechen eine sehr deutliche Sprache. Hauptsächlich deswegen, weil sie einer seit Jahrhunderten festgeschriebenen Form folgen: Dem Kreuzweg. Die Version in Hegne hat den Titel "Kreuzweg der Migranten".

Seit mehr als sechshundert Jahren sind Kreuzwege ein Teil der christlichen Bildtradition. Zuerst sieben, später 14 oder 15 Bilder erzählen die Leidensgeschichte von Jesus Christus.

Tradition in neuem Gewand

Der Stuttgarter Künstler Joachim Sauter verleiht dieser Vorlage einen neuen Anstrich. Auf 15 Bildern erzählt er die Geschichte eines Flüchtlings auf dem Weg von Afrika nach Lampedusa. Inspiriert wurde er dabei vom italienischen Reporter Fabrizio Gatti, der die katastrophalen Zustände auf diesen Routen dokumentiert hat.

Moderne Motive

Römer, Jerusalem, ein Kreuz? Fehlanzeige. Stattdessen sind die Bilder geradezu deprimierend modern. Der Bildzyklus fängt damit an, dass ein Mann im Fadenkreuz eines Gewehrs steht. Danach lässt er nicht mehr locker: bedrohliche Soldaten. Frauen, die irgendwo auf der Route gestrandet sind und sich mit Prostitution über Wasser halten müssen. Ein hoffnungslos überfülltes Boot und ein gewalttätiger Schleuser.

Zeitlose Worte

Unter dem letzten Bild steht ein Zitat aus Anna Seghers Roman "Transit": "Dreimal bin ich geschlagen worden, dreimal gesteinigt, dreimal hab ich Schiffbruch erlitten, Tag und Nacht zugebracht in der Tiefe des Meeres, in Gefahr gewesen durch Flüsse, Gefahr in den Städten, Gefahr in der Wüste, Gefahr auf dem Meere". Segher hat diese Worte aus dem zweiten Korintherbrief leicht abgewandelt. Im Original sind sie fast 2000 Jahre alt und scheinen trotzdem brandaktuell.

Der Anfang des Weges

Die ersten Bilder hängen im Eingangsbereich des Hotels St. Elisabeth. Der Kreuzweg startet quasi mitten im täglichen Leben. Das ist zwar symbolträchtig, erschwert aber auch die Konzentration auf die Bilder.

Der Weg führt in die stille Zone. Hier ist der Name Programm. Weg vom Trubel des Hotels und des angrenzenden Cafés ist es leichter, die Gemälde auf sich wirken zu lassen. Die Ausstellung schaltet einen Gang nach oben: Gewalt, Elend und Tod sind überall.

Ende mit Schrecken

Das Ende des Weges ist in der Kapelle des Gebäudes. Ein offener, runder Raum, der längst nicht so bedrückend und überwältigend wirkt wie eine durchschnittliche katholische Kirche. Hier hängen die letzten drei Bilder der Serie. Zwei Carabinieri, die die Leiche des Mannes abtransportieren. Der Körper in einem einfachen, viereckigen Sarg. Und schließlich drei Flüchtlinge, die in einer Unterkunft angekommen sind.

"Kreuzweg der Migranten" erzählt von der Reise eines Flüchtlings nach Europa.
"Kreuzweg der Migranten" erzählt von der Reise eines Flüchtlings nach Europa. | Bild: Joachim Sauter

Sauter legt keinen gnädigen Schleier über die Dinge, die tagtäglich auf der Route durch Sahara und Mittelmeer passieren. Und auch wenn der Kreuzweg auf einer hoffnungsvollen Note endet, ein bitterer Nachgeschmack bleibt: In der Bibel ersteht Jesus wieder auf. Wer auf der Flucht nach Europa stirbt, ist einfach nur tot.