Herr Anderson, wie verrückt war es, vor 52 Jahren als Rock-Musiker von der Gitarre zur Flöte zu wechseln?

Ich hörte auf, Gitarre zu spielen, da wir schon einen Gitarristen in der Band hatten und ich mich auf meine Rolle als Sänger fokussieren wollte. Ich habe meine Thunder Stratocaster für eine 30-Pfund-Querflöte eingetauscht. Spontan, ohne Plan. Sie sah einfach hübsch aus und ich dachte mir: „Wow, die nehme ich!“ (lacht) Als ich darauf zu spielen versuchte, brachte ich keinen einzigen Ton raus – bis mir ein paar Monate später jemand erklärte, dass es klappt, wenn man wie über eine Glasflasche bläst. Bald konnte ich fünf verschiedene Töne spielen – und den Blues.

Wie wurden Sie zu Jethro Tull?

Als wir einen Auftritt im legendären Londoner Marquee Club bekamen, brauchten wir einen Namen, und unser Booker nannte uns Jethro Tull. Wir fanden später heraus, dass der im 18. Jahrhundert Landwirtschaftspionier war. Aber da war es schon zu spät, den Namen noch zu ändern.

Weshalb?

Da hatten wir als Jethro Tull schon für Furore gesorgt. Wir waren nun die Band mit dem Verrückten, der Querflöte spielt. Das war marketingmäßig natürlich ein tolles Alleinstellungsmerkmal gegenüber den vielen gitarrenlastigen Blues-Bands wie Savoy Brown, Chicken Shack und wie sie alle hießen.

Wie gut waren Sie damals schon?

Mein Spiel war noch sehr roh. Ich besuchte auch keinen Instrumentalunterricht. Ich war definitiv nicht der beste Querflötenspieler in London, aber wahrscheinlich der lauteste!

Was meinten die Kritiker?

Na ja, da die Journalisten etwas bekamen, worüber sie schreiben konnten, weil Jethro Tull so anders war, waren ihre Reaktionen auf mein Flötenspiel ziemlich positiv. Die Fans schienen es auch zu mögen, nur unser Manager nicht. Er fand, dass die Querflöte nicht in eine Blues-Band gehört, und dass Gitarrist Mick Abrahams ein weitaus besserer Sänger wäre. Deshalb wollte er, dass ich nur noch im Hintergrund Keyboards spiele … Ich dankte ihm für seinen Ratschlag und ignorierte ihn. Die Zweifler, die es gab, haben mich jedoch zusätzlich motiviert, die Herausforderungen der Querflöte anzunehmen.

Woran denken Sie?

Live war sie als akustisches Instrument schwierig in die Rock-Musik zu integrieren, weil sie mich zwang, am Mikrofon zu stehen. Die Technologie war erst in den 80er-Jahren so weit, das sich mich der Flöte auf der Bühne frei bewegen konnte.

Für viele Ihrer Fans ist es eine Zeitreise, wenn sie bei Konzerten Hits wie „Locomotive Breath“ hören – und für Sie?

Ich glaube, für das Publikum geht es auf unserer aktuellen 50-Jahre-Jethro-Tull-Tournee vor allem um die Nostalgie. Man fühlt sich in die Jahre zurückversetzt, als man diese Musik zum ersten Mal gehört hat. Wenn ich „Locomotive Breath“ spiele, das ich 24 Stunden zuvor das letzte Mal interpretiert habe, denke ich nicht an 1971. Ich betrachte diesen Song als Metapher für Migration, Expansion und Globalisierung, die mich schon damals sehr besorgt in die Zukunft blicken ließen.

Wie meinen Sie das?

Man befindet sich auf einem führerlosen Zug, von dem man nicht runterkommt, und genau das passiert jetzt, mit dieser Explosion der Weltbevölkerung. Allein während meines Lebens hat sie sich verdreifacht, und laut neuesten Schätzungen wird sie sich bis zum Ende dieses Jahrhunderts nochmals fast verdoppeln. Hinzu kommt der Klimawandel und sein Einfluss auf die globale Nahrungsmittelproduktion. Die Verzweiflung wird Menschen aus Ländern mit Hungersnöten, Dürren und turbulentem Wetter zu uns treiben.

Was bedeuten Ihnen Ihre Evergreens?

Ich bin sehr zufrieden, in meinem Leben einige Lieder geschrieben zu haben, die auch inhaltlich Bestand haben werden. Ich bin lieber der Typ, der „Locomotive Breath“ geschrieben hat, als der Typ, der „If you’re going to San Francisco, be sure to wear some flowers in your hair“ geschrieben hat – einer der Songs, die ich am meisten hasse!

Weshalb denn?

Es hat nichts mit Scott McKenzie zu tun, sondern mit der Gefühlslage, die absolut in der Zeit stehen geblieben ist und nicht mal wirklich wahr ist. Das Lied handelt von einem „Summer of Love“, aber eigentlich waren es drei oder vier Sommer der Liebe, die im Chaos endeten. Wenn man sich das Isle-of-Wight-Festival ansieht, erkennt man gut, wie das Hippie-Ideal von Gier, Aggression, Wut und Politik in Stücke gerissen wurde. Ich denke, dass es eine der besten Entscheidungen in meinem Leben war, nicht in Woodstock aufzutreten.