Mozart war ein lässiger Typ, Bach wurde schon mal mit Begleitung in der Orgel ertappt und beide schrieben zu ihrer Zeit U-Musik vom Feinsten. So erzählt es der Luxemburger Francesco Tristano und begründet damit, warum für ihn keine Trennung zwischen ernster und Unterhaltungsmusik existiert. "Für mich gibt es keine Ordnung, erst klassische Musik, dann Jazz, dann Rock und Funk. Ich bin in einem Haus groß geworden, in dem viele Musikrichtungen gehört wurden, viel Barock, aber auch Pink Floyd und Tangerine Dream. Die Klangwelten von akustischen und elektrischen Klängen waren immer schon um mich", sagt er.

Auftritt im Technoclub

Entprechend sieht das Programm aus, mit dem er im Mai an den Bodensee kommt: Bei einem Klavierrecital auf Schloss Achberg spielt er Bach und Fescobaldi, im Ravensburger Technoclub Duala präsentiert er ein rein elektronisches Live Cub Set und mit dem Kammerorchester Chaarts führt er in Friedrichshafen eine Kombination aus Bach und eigenen Werken auf.

House- und Elektroszene

Francesco Tristano ist einer der "Artists in Resindence" beim diesjährigen Bodenseefestival. Während er an der Juillard School bei Bach-Legende Rosalyn Tureck Klavier studierte, entdeckte er auch die House- und Elektroszene für sich. Seitdem ist er nicht nur in beiden Welten zuhause, sondern verbindet sie. "Es kann sein, dass ich in einem Club auf einmal ganz leise werde und einen Barock-Akkord improvisiere. Oder dass ich im Konzertsaal auf Rhythmik und Dynamik setze", sagt er. Seine Musik steht damit beispielhaft für den Titel des Bodenseefestivals in diesem Jahr: "Benelux – Regio zonder Grenzen | Région sans Frontières".

Beneluxstaaten ohne sichtbare Grenzen

Belgien, die Niederlande und Luxemburg trennen schon lange keine sichtbaren Grenzen mehr. "Aber es gibt unterschiedlich Sprachen und unterschiedliche Identitäten und kulturelle Vorstellungen", sagt Winfried Neumann, Geschäftsführer der Bodenseefestival GmbH. Das sei schon bei den Vorbereitungen deutlich geworden, wenn in Belgien etwa flämische und walonische Ansprechpartner zuständig waren. Die Vielfalt an Kunst und Kultur in jedem der Länder zeigt das diesjährige Bodenseefestival, zu dem zahlreiche Künstler aus den Niederlanden, Belgien und Luxemburg anreisen.

Weltstar auf der Geige

Aus den Niederlanden kommt die zweite "Artist in Residence": Janine Jansen, vielfach ausgezeichneter Weltstar auf der Geige, gibt vier Konzerte in Friedrichshafen, Weingarten und Ravensburg. "Janine Jansen spielt mit den größten Orchestern auf den Bühnen der Welt und begeistert ihr Publikum. Wir sind froh, dass wir sie für unser Festival gewinnen konnten", sagt Neumann. Sie wird das Festival mit dem Violinkonzert von Jean Sibelius am 11. Mai in Friedrichshafen eröffnen, begleitet vom SWR Symphonieorchester. Das erste Violinkonzert von Karol Szymanowski interpretiert sie mit dem Chamber Orchestra of Europe am 1. Juni. Am 14.5. spielt sie mit dem Pianisten Alexander Gavrylyuk in Weingarten Violinsonaten der Romantik und gastiert im Juni mit ihrer Kammermusik-Formation „Janine Jansen & Friends“ in Ravensburg.

Janine Jansen gibtbeim Bodensee-Festival vier Konzerte. Bild: Marco Borggreve / Decca
Janine Jansen gibtbeim Bodensee-Festival vier Konzerte. Bild: Marco Borggreve / Decca | Bild: Marco Borggreve

Ebenfalls aus den Niederlanden kommen Jazz-Musiker wie Free-Jazz-Cellist Ernst Reijseger, der mit seinem Trio in westafrikanische Klangwelten entführt oder mit sardischen Sängern in Romanshorn und Allensbach konzertiert. Saxofonistin Candy Dulfer ist eine Legende des Funk, die Dutch Swing College Band widmet sich dem traditionellen Swing. Mit Introdans ist eine der führenden Ballettkompanien der Niederlande zu erleben.

"Die Hauptstadt" am Stadttheater

In Belgiens Hauptstadt Brüssel spielt der Roman „Die Hauptstadt“, für den Robert Menasse den deutschen Buchpreis erhielt. In einer Schauspielversion feiert er am 17.5. im Stadttheater Konstanz unter der Regie von Mark Zurmühle Premiere und wird anschließend in Konstanz und Schaan mehrfach aufgeführt. Die „Lange Nacht der Literatur“ am 17. Mai in Friedrichshafen und die „Literatur in der Villa Lindenhof“ am 12. Mai in Lindau präsentieren niederländische und belgische Autoren, wie Saskia de Coster und Annelies Verbeke aus Belgien sowie Marente de Moor und Jan Konst aus den Niederlande.

Frankoflämische Vielstimmigkeit

Festivalgeschäftsführerin Katharina Ess erinnert daran, dass die frankoflämische Vielstimmigkeit im 15. und 16 Jahrhundert stilbildend für die polyphone Musik der Renaissance war. "Für 200 Jahre war die Region ein hotspot, der Sänger und Musiker in ganz Europa beeinflusste und zum Ausgangspunkt vieler Künstler wurde", sagt sie. Orlando di Lasso etwa zog von Mons nach München, sein Schüler Jacob Reiner war Kapellmeister in Weingarten. In der Basilika wird das Vocalconsort Berlin Werke von di Lasso und seinem Schüler singen. Ebenfalls der franko-flämischen Schule widmet sich das Vocalensemble Amarcord mit dem Programm "Väter und Söhne" in der Münsterlinger Klosterkirche. Angelehnt an das Werk „Utopia“ von Thomas Morus aus dem Jahr 1516 kreiert das Ensemble Continuum ein Programm für Traverso, Gambe und Cembalo mit flämischen Komponisten des 17. und 18. Jahrhunderts.

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"Wir haben auch wieder etwas für Familien mit Kindern und Jugendlichen im Programm", sagt Ess. Das Familienkonzert im Innenhof des Neuen Schlosses Tettnang bringt Beethovens Schicksalssinfonie einem jungen Publikum nahe. "Geschichten vom Saxophon" erzählt ein Vorarlberger Saxophonensemble beim Kinderkonzert am 18. Mai in Konstanz. Das Saxophon wurde nämlich vor rund 170 Jahren in Belgien erfunden. Ein weiteres Kinderkonzert lädt ein ins "Klangschloss" am 9. Juni auf Schloss Achberg. Für Kinder ab zehn präsentiert das echtzeit-Theater am 15. Mai in Friedrichshafen „Das besondere Leben der Hilletje Jans“. "Gerade für Familien empfehle ich auch den Abschluss des Festivals, das Picknickkonzert im Schlosspark Salem", sagt Ess. Sie hofft auf ähnlich gutes Wetter wie 2018, als 1600 Gäste kamen. In diesem Jahr tritt dort am 10. Juni das „Orchester im Treppenhaus“ auf.