Herr Liefers, im Sprichwort heißt es: „Jedes Ding hat zwei Seiten.“ Ihre neue Platte heißt jetzt „2 Seiten“. Was steckt dahinter?

Das hat ein bisschen mit der Zeit zu tun, in der die Platte entstanden ist. Es wurden gerade die Grenzen für die Flüchtlinge geöffnet, und es kam dagegen großer Protest auf. Das waren keine rosigen Zeiten in Deutschland. Hinzu kamen die terroristischen Anschläge in Frankreich, in Belgien, in England. Es war kein gutes Klima. Der Ton wurde sehr rau und unangenehm, respektlos, unfreundlich, provokant. Und es schien so, als würde keiner mehr an dieses Sprichwort glauben, das Sie eben zitiert haben. Da dann eine Pop-Platte zu schreiben, ist nicht so einfach.

Aber Sie haben es dennoch getan.

Ich bin Künstler, kein Politiker, kein Ideologe, auch kein Prediger. Wenn ich wo hinkomme, dann suche ich bei den Menschen – egal wie fremd sie mir sind – instinktiv nach Gemeinsamkeiten, nach Dingen, wo man anknüpfen kann. Musik ist dafür ein ideales Parkett. Ich sehe auch in einem Menschen nicht gleich einen Rebellen oder – als ich damals in Syrien war – einen von den USA gesteuerten Regime-Umstürzler, sondern ich sehe Familien, die ihre Kinder verloren haben in dem Bombenhagel, den ihr eigener Präsident über sie heruntergehen lässt. Andere sehen halt was anderes. Und schon sind wir wieder bei den zwei Seiten.

Sie singen und schreiben. Fast alle Texte und manchmal auch die Musik. Woher kommt Ihre Inspiration?

Die ganze Band ist ins Songwriting integriert. Trotzdem landen die Texte eher mal bei mir, während die Musik verstärkt andere machen. Tja, wo kommt das her? Es kommt aus meinem Kopf und aus meinen Gefühlen. Das lässt sich nicht immer so genau festmachen. Ich versuche irgendwie zu formulieren, was an Gefühlen und Gedanken in mir oft sehr diffus herumschwappt.

In „Nie egal“ singen Sie gemeinsam mit Reinhard Mey.

Wir kennen uns schon sehr lange. Ich ihn noch viel länger als er mich. Als Kind in Dresden, noch zu DDR-Zeiten, hat mir meine Oma ein Songbook von ihm mitgebracht, weil ich gerade Gitarrespielen lernte. „Über den Wolken“ war eines der ersten Lieder, das ich mir damit selbst beibringen konnte auf der Gitarre. Viel später saßen wir dann mal im Flieger nebeneinander. Reiner Zufall. Er kannte mich da schon von meinen Filmen. Es hat sich ein Gespräch ergeben, und dabei hat sich herausgestellt, dass er einer der liebenswertesten, freundlichsten, klügsten und nachdenklichsten Menschen ist, die mir je begegnet sind. Der Song hat ihm gefallen und er hat zugestimmt, ihn mit mir zu singen. Ich bin ziemlich stolz darauf.

Er hat eben auch einen sehr guten Text. Der Song packt einen ja zunächst mal über die Musik. Und dann, erst im zweiten Moment, fragt man sich: Was singt der da eigentlich?

Was Sie jetzt gerade gesagt haben, hätte original von mir kommen können! Genau so ist meine Annäherung an den Song auch. Mein erster Eindruck ist die Musikalität, der Rhythmus. Ich finde das irgendwie gut, höre gerne zu. Und danach höre ich eigentlich erst darauf, worum es da geht. Ganz genau so ist es.

Man sollte also bei „Radio Doria“ stets gut zuhören, vielleicht sogar die Texte mitlesen?

Ich kann das natürlich niemandem vorschreiben. Das soll gerne jeder machen, wie er will. Vielleicht findet einer den Song ja auch so einfach gut. Aber nehmen wir mal an, jemand würde sagen, es interessiert ihn auch, worum es wirklich in dem Lied geht, dann sollte die Reise nicht zu Ende sein. Dann sollte es noch mal anfangen, interessant zu werden. Das ist mein Ehrgeiz.

In „Jeder meiner Fehler“ geht es um Selbsteinsicht, ums Verzeihen. Ist das etwas, was Ihnen schwerfällt?

Nein. Ich kann wirklich gut verzeihen. Aber: Mir ist nicht immer gut verziehen worden. Ich denke immer: Was ist so kompliziert daran, sich mal zu entschuldigen. Und: Diese Entschuldigung auch anzunehmen. Ich bin kein religiöser Mensch, aber das ist doch die Kernidee im christlichen Glauben: die Vergebung.

Tut Ihnen das gut, auf der Bühne mal einfach nur Jan Josef Liefers sein zu können?

Ich bin nicht so begeistert von Jan Josef Liefers, dass ich dächte, alle Leute müssten das jetzt hören oder sehen. Ich mache halt gerne Musik und natürlich unterhalte ich auch gerne Leute.

Können Sie als Sänger und Musiker Geschichten erzählen, die Sie als Schauspieler nicht erzählen können?

Ja. Vor allem auf eine Art, die ich als Schauspieler nicht zur Verfügung habe. Als Schauspieler bin ich jemand, der Texte spricht, die ein Drehbuchautor geschrieben hat. Ich schlüpfe in fremde Figuren, in eine fremde Haut. Als Musiker tue ich das nicht. Ich kann meine eigenen Geschichten erzählen, mit meinen eigenen Worten und meinem eigenen Aussehen. Ich muss mich da nicht verkleiden.

Zu Ihren Konzerten kommen viele Neugierige, die Sie nur aus Filmen kennen. Wie versuchen Sie, diese Besucher mit Ihrem Musiker-Ich bekannt zu machen?

Einfach: Peng auf die Zwölf! Da wird gar nicht lange rumgefackelt. Letzlich ist es doch ganz egal, weshalb die Leute kommen. Ich brauche keine große Einlaufkurve. Wir haben ja eine gute Show.

Ihre Frau Anna Loos ist, wie Sie, Schauspielerin und Sängerin. Sie ist bei „Silly“ sehr erfolgreich. Gedreht haben Sie schon gemeinsam. Wird es nicht Zeit für ein gemeinsames Musik-Projekt?

Jeder Marketing-Experte von der Plattenfirma würde jetzt in die Hände klatschen und sagen: „Ja! Ja! Ja!“ Aber: Man muss nicht immer alles zusammen machen. Ich halte alles für möglich, Anna auch. Doch im Moment geht jeder seinen eigenen Weg, was das Musikmachen angeht.

Fragen: Andrea Herdegen